Dezember 1998 Kein normales Volk?
Schuld und Schande
Martin Walser hat ins Schwarze getroffen: In einer Rede in Duisburg verkündete er, er habe nach seinem Frankfurter Auftritt unzählige Briefe mit Beifallsäußerungen für die von ihm vertretenen Ansichten erhalten. Denn er habe endlich gesagt, was viele dächten und fühlten. Auch Monika Maron hat von der Befreiung von einsamen Gedanken geschrieben. Ihr Artikel in der »Zeit« schloß mit der bangen Frage, woher es nur komme, daß sie Angst habe, ihre Gedanken in der Öffentlichkeit zu äußern. Sowohl Walser als auch Maron ängstigte die Reaktion einer Instanz, die sie nicht beim Namen nannten, die aber wohl nichts anderes sein kann als die gefürchtete Gewissenspolizei.
Bis dato ist diese Gewissenspolizei nicht genau identifiziert, doch die Angst, die aus Marons Artikel spricht, legt die Vermutung nahe, es handele sich um eine Spezialabteilung einer neuen Gestapo. Wer zu behaupten wagt, der Holocaust sei Angelegenheit
einer nahezu ausgestorbenen Generation, werde standrechtlich erschossen, so suggerieren Walser und seine Anhänger.
Nicht weniger heftig lodern die Ängste auf der gegnerischen Seite auf. Ignatz Bubis - typischer Vertreter eines Menschenschlags, der nur zwei Gangarten kennt: völliges Schweigen oder ohrenbetäubendes Poltern - hegt mindestens ebenso große Befürchtungen wie Maron. Bubis brüllt den bekannten Vorwurf, zu dem Juden greifen, wenn sie sich fürchten: Walser und Konsorten seien unbewußt antisemitisch. Bubis' Vorwurf veranlaßt zu der Frage, ob dieser unbewußte Antisemitismus eine den Deutschen angeborene Anomalie ist, woraufhin man sich natürlich fragen muß, ob es nicht auch angeborene jüdische Anomalien gibt. Das sind anregende Debatten, doch sie sollten nicht von Bubis und Walser geführt werden. Dafür haben wir Leute wie Woody Allen, Philip Roth - oder auch mich.
Walser hat also einen Fernseher daheim. Ein altes Modell zwar, ohne Fernbedienung, so daß er sich jedesmal aus seinem Sessel erheben muß, wenn die Gewissenspolizei den wer weiß wievielten Dokumentarfilm über Hitler, Auschwitz oder einen notorischen Nazi ausstrahlen läßt, doch Walser als echter Salonintellektueller hängt vor der Glotze wie alle anderen auch. Er habe bei sich zwar den Wunsch verspürt, wegzuschauen, wenn die Leichen des Dritten Reichs über den Bildschirm flimmerten, doch es verlange von einem Menschen schon ungeheuer viel Mut, das auch zu tun, bekannte er.
Wegschauen ist nichts Neues. Falls Walser dieses Wegschauen in die Praxis umsetzen kann, pflegt er damit eine gute alte deutsche Tradition. Das Wegschauen wurde ab 1933 zum festen Bestandteil des deutschen Brauchtums - 1945 unsanft von den Alliierten gestört, die zum Besuch ehemaliger Vernichtungslager zwangen oder dazu, sich Filmaufnahmen von Leichenbergen anzusehen.
Walser hat niemandem einen Genickschuß verpaßt, er hat nicht dabei geholfen, Juden zusammenzutreiben, er hat nicht die Dieselmotoren angestellt, mit denen Juden auf verschlossenen Lkw-Ladeflächen vergast wurden. Weder Walser noch Maron tragen Schuld am Holocaust. Und dennoch ist Walsers Verhältnis zu dieser »Schande« etwas anderes als das irgendeines xbeliebigen Schweden oder Italieners. Walser ist unschuldig, weil Schuld nicht vererblich ist oder ansteckend wie eine Krankheit. Es bleibt jedoch das Bewußtsein, daß er einem Volk und einer Kultur angehört, die in der jüngsten Geschichte ein monströses Gemeinwesen hervorgebracht haben. Dieses Bewußtsein sollten er und seine Nachkommen sich ruhig bewahren. Nicht aus Masochismus, sondern aus Anstand und Zivilisation.
Im Hintergrund der jetzigen Debatte scheint das Bedürfnis der Deutschen zu stehen, wieder so etwas wie eine normale Nation zu werden. Das »wieder« ist hier der Haken bei der Sache. Denn schon seit Bismarck sind die Deutschen nie ein normales Volk unter anderen Völkern gewesen. Schon die damalige Reichsgründung ging mit nationalistischen Auswüchsen einher und mündete schließlich in einen Weltkrieg und im Gefolge davon in die Grausamkeiten des Dritten Reichs. Deutschland ist nie normal gewesen, und die jetzige Debatte beweist, daß es immer noch kein normaler Staat ist.
Nun ist dieses »normal« aber auch ein bißchen viel verlangt. Die Amerikaner haben ihren indianischen Holocaust, die Russen haben den Gulag, die israelischen Juden haben ihren unmöglichen Konflikt mit den Palästinensern, sogar die Schweizer, die noch das normalste - und daher langweiligste - Volk Europas zu sein schienen, haben einen Schandfleck zu tragen. Zwar hat die Schande all dieser Staaten ein anderes Gewicht und ist kaum mit jener der Deutschen zu vergleichen, doch die Qualifikation »normal« gebührt dennoch keinem von ihnen. Das Verlangen nach Normalität ist demnach so etwas wie das Verlangen nach Glück: Man hat eine bestimmte Vorstellung davon, doch Wirklichkeit wird es nie.
Walser und in seinen Fußstapfen auch Maron haben im wesentlichen zwei Auffassungen publik machen wollen: ihr Gefühl, daß das Erbe, welches sie zu tragen haben, zu einer erstarrten, inhaltlosen Zeremonie entartet ist,
und ihr Gefühl, daß der Holocaust als Druck- und Erpressungsmittel mißbraucht und damit entweiht wird.
Beide Auffassungen sind bis zu einem gewissen Grad vertretbar. Israel hat die Bundesrepublik vom Tag seiner Gründung an nicht einen Augenblick in Ruhe gelassen. Je mehr die Deutschen unter Druck gesetzt werden konnten, desto besser für die Israelis - und das war recht und billig. Und neuerdings fordern die noch verbliebenen Überlebenden mit letztem Atem die Rückgabe der ihnen geraubten Besitztümer - sie verlangen Geld und Güter, und so etwas steht bei deutschen Intellektuellen in keinem hohen Ansehen.
Sollte Walser diese Juden meinen, wenn er von der Einschüchterung mit der Moralkeule spricht, dann geht er zu weit. Es steht ihm nicht zu, darüber zu richten. Das ist das Vorrecht der Juden, die einzige Rache, die sie an der Geschichte nehmen können. Walser hätte statt dessen - und daß er das in seiner Rede versäumt hat, ist Auslöser des jetzigen Aufruhrs - Namen nennen sollen. Er läßt im ungewissen, wer denn gesetzlos von der Moralkeule profitiert. Walser hätte Roß und Reiter nennen und deutlich machen müssen, wer denn seiner Meinung nach diejenigen sind, die die Moralkeule schwingen. Juden? Gewisse linke Intellektuelle oder Politiker?
Als junger Mann hat Walser eine Uniform getragen und, notgedrungen, an einem aggressiven Eroberungskrieg teilgenommen. Die Moralkeule ist gar nichts im Vergleich zu den Waffen, mit denen er während seines Militärdienstes hantiert hat, denn Moralkeulen taugen nicht als Waffen. Sie zeigen nur bei jenen Wirkung, die an sie glauben, Ungläubige aber dürften sie wohl kaum überzeugen. Moralkeulen werden erst bedrohlich, wenn sie eiserne Knüppel nach sich ziehen, wenn auf die Nichtbefolgung der Verhaltensregeln, die zu einer gegebenen Zeit als zum guten Anstand gehörig betrachtet werden, Zwangsmaßnahmen, Unfreiheit, Verbannung oder Schlimmeres stehen.
Um noch eine weitere offene Tür einzurennen: Das unvorstellbare Phänomen des Judenmords hat sogar die Dichtkunst angeregt. Die Hölle, die von Deutschland aus über Europa kam, hat in der Dichtung eine ewige Form gefunden. Und wenn Gedichte möglich sind, warum sollte dann nicht auch ein Mahnmal möglich sein? Daß die Berliner Republik dieser Hölle mit einem Mahnmal gedenken könnte, wäre ein Zeichen von Zivilisation, so wie es ein rhetorischer Trick Walsers ist, ebendieses Mahnmal einen Alptraum von der Größe eines Fußballplatzes zu nennen. Seinerzeit erstreckte sich der Alptraum über ganz Europa; ein Fußballplatz ist dagegen eine vergleichsweise bescheidene Fläche für ein Monument, das den Alptraum des Holocaust symbolisieren soll.
Der Judenmord wird bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit ritualisiert, beschworen, mißbraucht, und jeder vernünftige Mensch wird sich dann und wann gehörig darüber ärgern. Aber in freien Gesellschaften läßt sich das geistige Leben nicht so regulieren, daß unangenehme Begleiterscheinungen schon prophylaktisch im Keim erstickt werden könnten. Mag sein, daß in streng kontrollierten Gemeinschaften wie etwa Klöstern jenes reine innere Erleben entstehen kann, das Walser vorzuschweben scheint, wenn er sich gegen die Monumentalisierung der Erinnerung an den Judenmord ausspricht. Doch in der Welt von Microsoft und Linda de Mol sind die Grenzbereiche zwischen Kitsch und Authentizität, zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen sehr groß geworden, und da klingt der Ruf nach innerem Erleben der Schande total abstrakt - und somit haltlos.
Unsere postmodernen Welten schreien förmlich nach sinnvollen öffentlichen Ritualen, die über das hinausgehen, was auf Fußballplätzen und an den Stränden von Benidorm stattfindet, schreien nach Mahnmalen, die ein Gegengewicht zu den Konsumtempeln bilden können.
Walsers Unbehagen beim Gedenken, bei den Prozessen um geraubte Besitztümer, bei der Banalisierung des Holocaust ist legitim. Doch die Worte, die er dafür gefunden hat, lassen multiple Interpretationen zu. Das ist ideal für den Dichter, aber verhängnisvoll für den Redner.
Eine exakte Zeitgrenze läßt sich natürlich nicht ziehen, doch sobald der letzte Täter und der letzte Überlebende begraben sind, wird sich die Last der Erinnerung an den Judenmord auf das kollektive europäische Gewissen hin verlagern. Die dann lebenden Deutschen im Herzen Europas haben von da an ein Anrecht auf die gleiche Dosis Abnormität wie die anderen europäischen Völker auch. An der Ungeheuerlichkeit und dem Ausnahmestatus des Judenmordes ändert das nicht das geringste. Das europäische Judentum ist vernichtet; die Juden haben das Recht, in der Weise darüber zu trauern, die sie für die richtige halten, in aller Stille oder mit großem Lärm, und das noch lange nachdem Walsers Worte verklungen sein werden. Und die schuldlosen Nachkommen der Täter und der Wegschauer haben ein Recht darauf, die Erinnerung daran als Europäer zu erleben. Ein jeder mit dem Anstand, den das moderne Gewissen - mit Hilfe moderner Erzieher und moderner Erziehung - aufbringen kann. Und mit der Fernbedienung in Reichweite.