KEIN PROGRAMM - DER SPIEGEL
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Martin Morlock KEIN PROGRAMM

• aus DER SPIEGEL 21/1966
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Da schwebt vor dem Stuttgarter Luv Arbeitsgericht noch immer die Rechtsfrage: Ist die Chef-Ansagerin des Süddeutschen Fernsehens, Dagmar Kloth, 36, geborene Lindemann, auf den Künstlernamen Bergmeister hörend - ist sie, deren seit 1955 währendes Arbeitsverhältnis niemals Vertraglich fixiert wurde, eine versorgungsberechtigte Angestellte oder nur freie Mitarbeiterin dieser öffentlich-rechtlichen Anstalt?

Da tönt und flattert tagtäglich Protest auf im Schwabenland. Briefe mit Durchschlägen von Fürbittschriften an den Innenminister, den Oberbürgermeister, den Rundfunkrat und, natürlich, die Intendanz rascheln in vielen TV-Papierkörben. Illustrierte fragen rhetorisch, ob es von feiner Sitte zeuge, einer Fernsehschaffenden in der Blüte jener Jahre, in denen, laut Ehemann Klaus Kloth, 45, eine Frau »erst richtig schön« werde, den Ansagerinnenstuhl vor die Studiotür zu setzen.

Auch Telemann, Fernsehfreund und -beobachter seit Anbeginn, erschrak bei der Nachricht, die ihm so lange vertraute Dagmar Bergmeister werde am

30. Juni 1966 der 29jährigen Karin Zeller, einst Vorzimmerdame des Südfunk-Intendanten Dr. Bausch, weichen müssen: Sollte, fragte er sich, der TV-Glanz eines ehemaligen Mannequins und Photomodells nicht länger vorhalten als ein Jahrzwölft? Südfunk-Fernsehdirektor Horst Jaedicke, 42 und auch kein Milchbart mehr, habe »die Entscheidung der Zuschauer vorweggenommen«, ein wenig physiognomische Abwechslung hervorrufen wollen, so sagt er unbußfertig, und sinnt der Gekränkten an, ihre weniger telegenen Pflichten als Ehefrau eines »ordentlich verdienenden Chemiekaufmanns« und Mutter zweier Kinder durch eine ebenso verborgene Tätigkeit als Produktionsassistentin zu vermehren.

Telemann, wiewohl in manchen Dingen nicht unerfahren, weiß wenig von den einzelnen Stadien weiblichen Sich-Vollendens; insonderheit enträt er der Kenntnis vom exakten Zeitpunkt der Vollreife.

»Wann, Frau Bergmeister«, fragt er, »sollte eine Ansagerin mit dem Ansagen aufhören?«

»Ich finde, das kann man nur individuell entscheiden.«

»Wo liegt Ihrer Meinung nach die oberste Altersgrenze?«

»Da es Kolleginnen gibt, die älter sind als ich, möchte ich sie da nicht hineinziehen.«

Vor Telemanns geistigem Blick verkörpern sich allsogleich die

Fernseh-Veteraninnen Ursula von Manescul (Baden-Baden) und Ruth Kappelsberger (München), doch die Gekündigte weist, eine feinspürige Volte schlagend, darauf hin, daß das Alter ja nicht der Hauptgrund für ihre Entthronung sei, vielmehr die von der Fernsehdirektion gemutmaßte Verbraucher-Gier nach Neuem.

Ob, fragt Telemann, in dieser auf Teen- und Twen-Sex gerichteten Epoche, die harten Gesetze des Schaugeschäftes nicht in besonderem Maße gelten müßten?

Indigniert weist Dagmar Bergmeister ihn in seine Schranken: Schaugeschäft? Wir sind doch kein Programm; wir sollen den Leuten doch nur sagen, was sie sehen werden.« Und aufbrausend: »Wir sind keine Nummerngirls!«

Früher, erinnert sich die rasch Abgebrauste, früher habe man den Anfängerinnen beigebracht, sie dürften die Zuschauer »nicht durch wechselndes Äußeres irritieren«. - »Der große Erfolg der Irene-Koss war doch die Untertreibung ihrer Person.« Heute sei da offenbar ein Wandel eingetreten.

»Hat die Kündigung Ihre freundschaftlichen

Gefühle zu Herrn Jaedicke trüben können?« fragt Telemann, dem Zwietracht verhaßt ist, besorgt.

Sie habe ihn lange nicht gesehen, weil der Fernsehdirektor, infolge Beinbruchs, »wenig durchs Haus« laufe.

»Waren Sie gern Ansagerin?«

»Es hat mir von Anfang an Spaß gemacht und würde mir auch noch länger Spaß machen.«

»Wie lange?«

»Solange es geht.«

So wird denn, sieht Telemann in negativer Vision, im Jahre 1990 der Heranreifende nicht fragen können: »Mutti, wer war denn die dufte Oma, die da eben Beat angesagt hat?« (oder wie ähnliches Geräusch dann heißen wird). Und die Mutter wird nicht antworten können: »Das war die alte Frau Kloth, geborene Lindemann, genannt Dagmar Bergmeister, aus Stuttgart, die mit ihren 60 Jahren noch so viel Zuschauerpost aus den Altersheimen bekommt.«

Statt dessen wird unerwünschter Jugendschmelz auf der Scheibe flimmern. Dank der jedermann unverständlichen Grausamkeit der Stuttgarter Fernsehdirektion.

Merke: »Das Gute ist oft des. Besseren Feind, selbst wenn das Gute nur etwas Neues ist« (aus dem Schriftsatz des Süddeutschen Rundfunks an das Arbeitsgericht in Stuttgart).

Dagmar Bergmeister

Martin Morlock
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