KEINE EXPERIMENTE - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 52 / 76

Briefe

KEINE EXPERIMENTE
• aus DER SPIEGEL 38/1963
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

KEINE EXPERIMENTE

Leider haben Sie nicht erwähnt, daß unter dem rechtsstehenden Diktator Perez Jiménez Venezuela seine einmalige Blütezeit erlebt hat und sich der USA-Botschafter die Legionsmedaille eines Ehrenobristen von ihm umhängen ließ. Seit fünf Jahren ist nun die Demokratie hier versucht worden (vier Jahre lang unter dem Exkommunisten Betancourt, der nun 3,5 Milliarden Bolivares, ca. 3,3 Milliarden Mark, Schulden hinterläßt und von Bonn 40

Millionen Mark erhielt, um die 8,2 Kilometer Spannbetonbrücke in Maracaibo fertigzustellen), in einem der reichsten Länder der Welt, dessen Präsident jeden Morgen einen Barscheck von zwei Millionen Mark aus Öl- und Eisenkonzessionen erhält.

Eine rasende Kapitalflucht mit Geldentwertung und ein totales Wirtschaftschaos bis zum offenen Straßenterror, täglichen Bank- und Geschäftsüberfällen sind der Ausgang einer Ära, die sich Demokratie nannte. Dieselben sozialen Spannungen wie von 1918 bis 1933 in Deutschland.

Carácas (Venezuela)

TH. HERMESKEILER

So, wie Pérez Jiménez in Ihrem Artikel gezeichnet wurde, sehen ihn tatsächlich nur sein Feind Betancourt und dessen Clique. Tatsache ist, daß Perez Jiménez nach seinem Regierungsantritt für Ruhe, Ordnung und Sauberkeit sorgte. Eine nicht zu unterschätzende Leistung für den, der den Individualismus des hiesigen Menschen kennt. Dann kurbelte Pérez Jiménez die Bauwirtschaft an, was bekanntlich allen anderen Industrien des Landes gewaltigen Auftrieb gab. Das internationale Vertrauen wuchs schnell, viele bekannte Industrien aus aller Welt erstellten in Venezuela Tochtergesellschaften, und ein Strom von Ingenieuren, Technikern und allen anderen Berufen kam ins Land.

Wie sieht es heute, nach fünf Jahren Betancourt-Regime in Venezuela aus? Die Wirtschaft stagniert in allen ihren Zweigen. Die Arbeitslosigkeit steigt von Woche zu Woche, und die allgemeine Unzufriedenheit wächst noch schneller. Eine öffentliche Ordnung gibt es nicht mehr. Das Bandenunwesen nimmt überhand. Täglich werden Polizisten aus dem Hinterhalt erschossen, und täglich finden Überfälle statt von teils noch kindlichen Jugendlichen, mit Maschinenpistolen ausgerüstet. Der politische Terror steigert sich ebenfalls mehr und mehr.

Carácas (Venezuela)

CARLOS DE LA VALLE

Ich bin deutscher Techniker und lebe hier in Venezuela seit über zehn Jahren, habe viel Kontakt mit dem venezolanischen Volk und kann mir wirklich ein Urteil erlauben. Ihr Artikel über Venezuela und den Expräsidenten General Perez Jiménez ist falsch und oberflächlich: Das Privatvermögen von Perez Jiménez geben Sie mit 2,8 Milliarden an; niemand kennt aber die Höhe seines Vermögens, doch sicherlich sind es keine Milliarden. Doch weiß jeder hier, daß der Expräsident, als er ging, über 3,5 Milliarden in Golddollars hierließ als Reserve. Heute, mit dem demokratischen Präsidenten Betancourt und nach nur vier Jahren, hat Venezuela keinen Dollar mehr als Reserve und hat über zehn Millionen Dollar Schulden im Ausland. Das bei einem Einkommen von jährlich sechs Milliarden für eine Bevölkerung von acht

Millionen. Heute ist Hungersnot, und es gibt 500 000 Arbeitslose.

Außerdem: Hier in Venezuela kann jeder Untersuchungsgefangene sich das kaufen, was er will, wenn er Geld hat natürlich. Die Möbel, Fernsehen und Radio haben Freunde nach dem Gefängnis geschickt. Sie haben den Eisschrank vergessen. Glauben Sie mir, daß die Hälfte der Bevölkerung von Venezuela Anhänger vom ehemaligen Diktator ist.

Motorroller und nackte Mädchen und Grausamkeiten mit Gefangenen - es ist besser, wenn wir Deutsche über diesen Punkt schweigen. Das, was sich hier abspielt, ist ein Kinderspiel gegen die Spezialisten in Dachau und Buchenwald. Die Deutschen sollten das nie vergessen und können das nie wiedergutmachen.

Carácas (Venezuela)

GUSTAVO SCHNEIDER

Zur Ausgabe
Artikel 52 / 76

Mehr lesen über