»Keine Kapitulation«
Karadzic, 47, aus Montenegro stammender Psychiater, ist Chef der Serben in Bosnien-Herzegowina.
SPIEGEL: Waren Sie überrascht, als Sie die Bilder vom Konzentrationslager Omarska sahen?
KARADZIC: Ehrlich gestanden, ja. Ich wußte nicht, daß dort die Umstände so schlecht sind. Aber es sind normale Gefängnisse.
SPIEGEL: Mit Stacheldrahtverhauen.
KARADZIC: Das wäre in der Tat nicht nötig gewesen.
SPIEGEL: Die Gefangenen sind bis auf die Knochen abgemagert.
KARADZIC: In Bosnien gibt es keine Nahrung mehr, Serbien schickt nichts mehr seit den Sanktionen. In den von Moslems und Kroaten für Serben eingerichteten 40 Lagern aber ist die Situation noch schlimmer. Von den unter unmenschlichen Bedingungen Internierten sind bereits 6000 gestorben. Wir haben unsere Lager geöffnet, damit auch die Moslems das gleiche tun. Einen Gefangenenaustausch lehnten die Moslems bisher ab.
SPIEGEL: Wie viele Lager gibt es denn, mit wie vielen Insassen?
KARADZIC: Wir haben in 13 Gefängnissen etwa 8000 Kriegsgefangene. Die Zahl, welche die Moslems nennen, nämlich 95 000, ist absolut aus der Luft gegriffen. In der umkämpften Stadt Gorazde zum Beispiel halten die Moslems 3000 Serben als Geiseln fest.
SPIEGEL: Die Berichte über die Lager haben im Westen den Ruf nach einer militärischen Intervention lauter werden lassen.
KARADZIC: Wir haben ein einziges Lager, das nichts taugt, die anderen sind alle in Ordnung. Was kann eine Intervention denn erreichen - allenfalls noch mehr Zivilisten töten.
SPIEGEL: Sie rechnen also nicht mit einer Intervention?
KARADZIC: Wenn sie kommt, dann haben wir schon eine Lösung.
SPIEGEL: Welche?
KARADZIC: Wir tun zunächst gar nichts. Wenn die bombardieren, werden wir uns verkriechen samt unserer Ausrüstung. Wir haben hervorragende unterirdische Bunker. Aber dann werden wir kämpfen. Der Moslemführer Izetbegovic will über die Serben herrschen. Da gibt es keine Kapitulation von unserer Seite. Nur ein Zusammenleben in einem Staat von der Struktur der Schweiz kommt für uns in Frage.