Ketzer
Als am Nachmittag des 10. Juli die Abfassung einer SED-Zentralkomitee-Erklärung zur Absetzung Berijas fällig war, bemühten sich einzelne Mitglieder des Politbüros, aus dem Hauptquartier der sowjetischen Hoch-Kommission für Deutschland Instruktionen zu erhalten. Die
Karlshorster Sowjet-Menschen konnten ihren Pankower Genossen jedoch nicht dienen. So kam es, daß der »Deutsche Demokratische Rundfunk« lediglich den Prawda-Leitartikel vorlas. Danach sendete die Hörspielabteilung Anna Seghers »Der Prozeß der Jeanne d'Arc«. Mit dem historischen Grundtenor: »daß nicht alle Ketzer, die verbrannt werden, Ketzer sind«. *
Vor seiner Abreise nach Moskau erklärte der sowjetische Hochkommissar Semjonow
vor Mitgliedern der Sowjet-Zonen-Regierung und Volkskammer: »Meine Herren, ich hoffe Sie sehen, daß der 17. Juni nicht einfach vergessen gemacht werden kann, indem Sie Selbstkritik üben ... Dieser Aufstand war so gefährlich, daß es nicht übertrieben ist, wenn ich sage, das hätte der Anfang einer kriegerischen Auseinandersetzung werden können. Der Kommunismus kann nur sicher sein, wenn seine Macht die Ideologie ist und nicht das, was der Arbeiter heute Terror nennt ...« Ostberliner Politiker meinen, diese »Ideologie statt Terror«-Devise zeige Malenkows Regierungsabsichten in der Nußschale. Dieser Politik sei auch Berija, der Mann des »milden Terrors« geopfert worden.