Killer des Verbrauchs - DER SPIEGEL
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USA Killer des Verbrauchs

Präsident Carters Anti-Inflationsprogramm gerät ins Stocken. Die Gewerkschaften sind offen dagegen, aber auch die Unternehmer ziehen nur widerwillig mit.
• aus DER SPIEGEL 52/1978
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Alfred E. Kahn, US-Präsident Jimmy Carters oberster Streiter gegen die Inflation. klang resigniert:

»Wir alle sind«, bekannte er kürzlich in einem Kongreß-Hearing über den Kampf gegen die Teuerung, »wie Hamster in einem Laufrad im Käfig -- wir rennen, so schnell wir können, und bleiben doch auf der gleichen Stelle. Im Laufe der Zeit sind wir entmutigt, frustriert und verärgert.«

Acht Wochen nachdem ihn Carter zu seinem Chefberater für Inflationsfragen ernannt und damit beauftragt hatte, die Leitlimits der Regierung für Löhne und Preise durchzusetzen, hat Kahn allen Grund, enttäuscht zu sein.

In Amerikas Öffentlichkeit, bei Arbeitgebern wie Arbeitnehmern, überwiegt inzwischen die Skepsis gegenüber dem Anti-Inflationsprogramm.

Die Unternehmer -- die Kahn dazu verpflichten soll, die Preise etwas weniger zu erhöhen als in den Jahren 1976 77 rätseln vor allem noch über den Wust von komplizierten Berechnungsformen und Ausnahmeregeln, den Washingtons Wirtschaftsstrategen sich ausgedacht haben.

Zwar hatte Carter in persönlichen Briefen die Chefs der 500 größten Firmen des Landes aufgefordert, sich »in einer ausdrücklichen Erklärung zu verpflichten, die Preisrichtlinien einzuhalten«. Doch die Antworten kommen spärlich.

Bei denen, die nicht spuren, soll Seelenmassage per Telephon aus Washington weiterhelfen.

Aber selbst bei Wohlverhalten der Unternehmer bleibt ein Erfolg Kahns bei der Inflationsbekämpfung noch äußerst fraglich.

Schon verkündeten unverblümt die Führer großer US-Gewerkschaften, daß sie gar nicht daran dächten, sich an das von der Regierung gesetzte Limit von höchstens sieben Prozent mehr Lohn zu halten.

So schockte etwa Frank Fitzsimmons, Präsident der mächtigen Trans-

*Im New Yorker Kaufhaus Bloomingdale's.

portarbeitergewerkschaft Teamsters, er wolle in der soeben begonnenen Tarifrunde für seine rund 400 000 Lkw-Fahrer mindestens soviel herausholen, wie Amerikas Bergarbeiter sich Anfang des Jahres erstreikt hatten: Einkommenszuschläge von 37 Prozent auf drei Jahre verteilt.

Auch die rund 60 000 Arbeiter der großen öl- und Gasgesellschaften, für die ebenfalls jetzt neue Verträge ausgehandelt werden müssen, zeigten bislang keinerlei Bereitschaft, innerhalb der Lohnleitlinie abzuschließen.

Manche Arbeiterfunktionäre -- und Unternehmer -- bestreiten, daß die Regierung überhaupt das Recht habe, ohne ein vom Kongreß verabschiedetes Gesetz Leitlinien für Löhne und Preise festzulegen. So reichte die Papierindustrie-Gewerkschaft Association of Western Pulp & Paper Workers zum Beispiel Klage beim Distriktgericht in Portland (US-Bundesstaat Oregon) ein.

Die Kläger wollen auch erreichen, daß der Regierung verboten wird, Verstöße gegen die Leitlinien etwa mit Sanktionen zu ahnden. Hartnäckige Sünder, so hatte Carter gedroht, würden keine öffentlichen Aufträge mehr erhalten und müßten mit Verschärfung für sie ungünstiger Regularien rechnen.

Der einzige Weg, die Unterstützung der Gewerkschaften für das Anti-Inflationsprogramm zu gewinnen, beteuerte der Präsident der United Auto Workers, Douglas Frazer, wäre eine Art staatlicher Reallohn-Versicherung.

Tatsächlich hat Carter ein völlig neues Konzept zur Sicherung des Reallohns anvisiert. Danach sollen Arbeiter, die sich mit dem Sieben-Prozent-Zuschlag zufrieden geben, auch dann keinen Realeinkommensverlust erleiden, wenn die Inflation der Lohnleitlinie künftig mit einer Rate von mehr als sieben Prozent davontraben sollte. Nach dem Carter-Vorhaben erhalten die Arbeiter soviel Steuern vom Finanzamt zurückerstattet, wie es ihrer Realeinkommensminderung durch die zu hohe Inflation entspricht.

Dieser Plan muß jedoch erst vom im Januar neu zusammentretenden Kongreß gebilligt werden, Die Aussichten Carters sind schlecht. Weil der Inflationsausgleich über das Finanzamt zu kaum kalkulierbaren Einnahme-Verlusten des Staates führen kann, beurteilt der Vorsitzende des mächtigen Bewilligungsausschusses Ways and Means Committee, AI Ullman, das Gesetzesvorhaben skeptisch.

Nicht einmal die Vertreter etlicher amerikanischer Gemeinden mochten Lohndisziplin à la Carter üben. Die Stadträte von Chicago beispielsweise genehmigten sich für 1979 eine Gehalts-Erhöhung von 60 Prozent.

Das Anti-lnflationsprogramm, fand daher Alan Greenspan, einst Vorsitzender des höchsten wirtschaftlichen Beraterstabes Council of Economic Advisers, zeige »erste Zerfallserscheinungen«, die zum »völligen Zusammenbruch« führen würden.

Ohnehin erweist sich das System der Leitlinien so voller Tücken, daß die Unternehmen nur mit Hilfe ganzer Scharen von Experten damit fertig werden.

»Ironischerweise lag einer der ersten Effekte, die Präsident Carters Programm zur Minderung der Inflation hatte«, spottete »Business Week«, »darin, die Kosten für Rechtsberatung der Unternehmen in die Höhe zu treiben.« Auf rund 10 000 Dollar veranschlagen Experten in den großen Anwaltsfirmen die zusätzlichen Beratungskosten, die einem Unternehmen entstehen.

Knifflig etwa ist die Frage, inwieweit gestiegene Kosten für importierte Rohstoffe bei Preiserhöhungen geltend gemacht werden können. Oder: Sind Tantiemen, die seit Jahren je nach Erfolg des Unternehmens an die Mitarbeiter ausgeschüttet wurden, in die Lohnleitlinien einzubeziehen?

Auch bei dem für die Leitlinien verantwortlichen Council on Wage & Price Stability (COWPS) herrscht vielfach Verwirrung. »Wir können doch nicht warten«, stöhnt etwa Raymond F. Sasso von der Pitney-Bowes Inc., »bis das COWPS sich über seine Absichten klargeworden ist.«

Dabei ist Eile geboten. Die Inflation hat sich auf eine Jahresrate von fast zehn Prozent beschleunigt -- immerhin 3,5 bis 4 Prozentpunkte mehr, als Carter und Kahn für 1979 angesteuert haben. »Das ist gottserbärmlich«, entsetzte sich Kahn.

Die Folgen für Amerikas Wirtschaft sieht der Anti-Inflationszar so: »Wenn die Inflation sich beschleunigt, werden wir früher oder später einen derartigen Zusammenbruch der Organisation und der Moral unserer Wirtschaft erleben, daß wir in eine schwere, schwere Depression geraten.«

Kahns Chef Carter ging das zwar zu weit. Er rügte seinen Berater sogleich dafür, daß er -- für den innenpolitisch glücklosen Präsidenten zu ungelegener Zeit -- einen wirtschaftlichen Zusammenbruch in Aussicht stellte. Kahn seither: »Wir laufen Gefahr. die schwerste Banana seit 45 Jahren zu bekommen.« Und auch Notenbankchef G. William Miller warf den Rezessions-Propheten vor, sie seien lediglich von einer »Todessehnsucht« besessen.

Tatsächlich aber mehren sich die Zeichen, daß der seit 44 Monaten ununterbrochene Boom, den das Land vor allem der Ausgabefreudigkeit der Konsumenten verdankte, nun zu Ende geht.

»Es ist wirklich die Inflation, die zum Killer des Verbrauchs wird«, urteilt Jay Siegel von der Data Research Inc. Für einen Dollar bekommen die Amerikaner heute nur noch die Hälfte von dem, was sie 1967 dafür kaufen konnten. Gemessen an der Kaufkraft, verdienen viele US-Bürger heute weniger als vor zehn Jahren.

Um so hemmungsloser lebten viele Amerikaner auf Pump. Für Schuldentilgung und Zinszahlungen gehen derzeit im Durchschnitt schon 21 Prozent des Nettoeinkommens drauf.

Die im Kampf gegen Inflation und Dollarverfall hochgeschraubten Zinsen (derzeit über zehn Prozent) und die zunehmende Furcht vor einer neuen Rezession mit hoher Arbeitslosigkeit zeigen bereits Wirkung.

»Die Bühne ist für einen Rückgang der Verbrauchsausgaben hergerichtet«, sagt Albert H. Cox jr. von Merrill Lynch Economics Inc und als erstes sparen die Konsumenten beim Auto.« Die meisten Ökonomen rechnen mit einem Minus von acht Prozent fürs kommende Jahr.

Als nächstes ist der private Hausbau dran, behaupten Amerikas Konjunkturexperten. Und Elliot Stone, Präsident der Kaufhauskette Gimbel Bros., ist sich sicher: »Die Inflation hat einen negativen Effekt auf die verfügbaren Einkommen. Und das muß sich auf den allgemeinen Verbrauch auswirken.«

Daß er an der Inflationsfront scheitern könnte, hütet sich Jimmy Carter einzugestehen. Er beteuert: »Ich denke, wir bringen die Inflation runter.« Doch immerhin gesteht er ein: »Ich fange an, immer deutlicher zu erkennen, wie schwierig es sein wird.«

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