Kimono und Cut - DER SPIEGEL
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JAPAN Kimono und Cut

Eheschließungen als Verkaufsschlager. Eine Hochzeitsfeier kostet den Bräutigam im Durchschnitt zwei Jahresgehälter. *
• aus DER SPIEGEL 52/1984
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Bambusflöten und dumpfe Trommeln vom Band verbreiten weihevolle Stimmung. Nur einige Kerzen erhellen schwach Altarraum und Altar. Ein Shinto-Priester segnet ein junges Paar.

Trauung in Japan. Höhepunkt des Rituals: Die Brautleute leeren drei winzige Becher voll Sake wechselseitig mit jeweils dreimal drei Schlucken. Das ist für die Zukunft bindend wie im Westen der Tausch von Ringen.

Und das war es dann mit der Feierlichkeit. Die Türen öffnen sich - blendendes Neonlicht fällt in den Altarraum. Brautpaar und Gäste drängen hinaus auf kahle, menschenvolle Flure, der Party entgegen. Die nächste Hochzeitsgesellschaft begehrt bereits, beim Priester vorgelassen zu werden.

Eine typische japanische Hochzeit. Ehen werden eben nicht mehr in der würdevollen Abgeschiedenheit alter shintoistischer Schreine geschlossen, sondern in grellen Kopien in vielgeschossigen Betonbauten.

»Tausend Glückwünsche« heißen solche Hochzeits-Durchschleusestationen, oder »Kranich und Schildkröte« - Symbole für Glück und langes Leben. Die Wedding Halls (Hochzeitshallen), im allgemeinen so ausgestattet, daß mindestens fünf Trauungen und Party-Empfänge gleichzeitig durchzuziehen sind, haben Konjunktur. Allein im Tokioter Telephonbuch füllen ihre Adressen 25 Seiten.

Die Beliebtheit der Wedding Halls erklärt sich aus deren Inklusiv-Arrangement. Heiratswillige und ihre Familien brauchen sich praktisch um nichts zu kümmern; die Firma übernimmt alles: die Autos für die Anfahrt ebenso wie die Priester; festliche Leihgewänder ebenso wie die überdimensionale Hochzeitstorte aus Plastik, wiederverwendbar; Speise und Trank beim Hochzeitsempfang ebenso wie die Flitterwoche auf Hawaii, möglichst in der Gruppe.

Auch Extravagantes bieten Nippons Hochzeitsmanager an. So lassen manche Wedding Halls das Brautpaar zum Party-Empfang in einer Gondel von der Decke schweben. Die »Halle des Postsparvereins« in Nagoya kam auf den Gedanken, das Paar, sitzend in einem schicken Auto, eingehüllt in Nebelschwaden aus Trockeneis, auf einer Hebebühne in den Bankett-Saal fahren zu lassen.

Aber »die meisten Japaner würden sich schämen, eine so ausgefallene Hochzeitsparty zu geben«, meint Hatsumi Minatoya, Berater einer Hochzeitsfirma in Tokio. Denn: »Das Image der Familien steht auf dem Spiel.«

Deshalb wird meistens auf allzu exzentrischen Schnickschnack verzichtet - auch ohne Extravaganzen kommt die Japaner die Hochzeit schon ungemein teuer. Die »Sanwa Bank« in Tokio hat ermittelt, daß der japanische Durchschnittsbräutigam sich seine Heirat etwa zwei Jahresgehälter kosten läßt, rund 85 000 Mark, nicht mitgerechnet das schon vor der Eheschließung fällige »yuino«, Brautgeld, das der künftige Ehemann der Frau sendet (im allgemeinen rund 8000 Mark), und auch nicht der Verlobungsring für über 5000 Mark.

Die eigentliche Hochzeit, Trauung und Feier, die nur in den seltensten Fällen zusammen länger als drei Stunden dauern, lassen sich Tokios Wedding Halls mit 2,3 Millionen Yen bezahlen - rund 30 000 Mark.

»Die Japaner wollen eine orthodoxe Hochzeit«, sagt Hatsumi Minatoya. »Das Wichtigste dabei ist, Familien und Freunde zusammenzuführen.«

Das beginnt mit einer - meist shintoistischen - religiösen Zeremonie, dem kleinsten Finanzposten: Der Priester-Dienst ist wohlfeil für 55 000 Yen, rund 700 Mark.

Die Hochzeit hat ihren Höhepunkt in einem Festessen, Party genannt. 70 Gäste gelten als das sozial akzeptable Minimum der Feier. Pro Gedeck - Getränke gehen extra - berechnen die Ausrichter mindestens 10 000 Yen, 130 Mark.

Solche Partys sind nicht lustig, Gesang oder Tanz haben da keinen Platz. Das junge Paar thront an der Stirnseite des Saales, die Gäste sitzen an langen Tischen davor, die Braut schleicht sich während des Essens mehrmals aus dem Saal - um sich umzuziehen.

Durchschnittlich in drei verschiedenen Gewändern durchsitzt sie die Feier: erst traditionell im klassischen Hochzeitskimono, dann kommt sie in Weiß nach westlichem Vorbild, schließlich wechselt sie in ein langes Abendkleid. Neuerdings beteiligt sich häufig auch der Bräutigam an der Modenschau: vom Kimono zum Cut zum Dinnerjacket.

Den Hochzeitsmanagern ist das lieb. Denn alle Gewänder werden bei ihnen geliehen, und dieser Kostümverleih ist ein riesiges Geschäft. Für einen reichverzierten Hochzeitskimono etwa - Anschaffungspreis: mehrere Millionen Yen - berechnen die Wedding Halls bis zu 500 000 Yen (6400 Mark). Leihzeit: ein halber Tag. Der Durchschnittsmann zahlt für seine Smoking-Show noch immer 86 000 Yen (1100 Mark), die durchschnittliche Braut für ihren Dress-Appeal 356 000 Yen (4500 Mark).

Wahnsinnssummen, doch am Kostümzwang kommt keiner vorbei. Das liegt an der Familie. »Wenn die Braut sich nicht mehrfach umzieht, werden die Gäste meinen, ihre Familie habe nicht genug Geld«, meint Heirats-Experte Minatoya.

Nippons künftige Bräute fügen sich klaglos der unguten Neutradition. Der am häufigsten genannte Grund: Schließlich gebe es einen solchen Tag ja nur einmal im Leben, da dürfe Geld keine Rolle spielen.

In Japan wird knapp alle drei Minuten eine Ehe geschieden.

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