Klassischer Fall - DER SPIEGEL
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AGENTEN Klassischer Fall

Nach dem deutsch-deutschen Agentenaustausch wartet die Bundesregierung auf eine nächste Chance. Die inhaftierte Ärztin Christa-Karin Schumann soll in den Westen geholt werden. *
• aus DER SPIEGEL 15/1987
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Am Mittwoch voriger Woche erlebte der Ost-Berliner Anwalt Wolfgang Vogel eine jener Szenen, die Erich Honeckers Spezialist für Freikäufe und humanitären Transit zwischen Ost und West zu den erfreulichen Momenten seines harten Jobs zählt: In einem Separee des DDR-Grenzübergangs Wartha fielen ihm eine Frau und drei Männer um den Hals.

Die vier, drei Westdeutsche und ein DDR-Bürger, bildeten das ostdeutsche Kontingent im jüngsten deutsch-deutschen Tauschgeschäft. Im Gegenzug übergaben die Bonner am Grenzkontrollpunkt Herleshausen zwei Männer: den ehemaligen Spitzen-Spion im Bonner Verteidigungsministerium, Lothar-Erwin Lutze, der 1979 wegen schweren Landesverrates zu zwölf Jahren Freiheitsstrafe verurteilt worden war, sowie einen Ost-Agenten minderen Ranges. Der dritte Mann wechselte einen Tag später in Berlin gen Osten. Der vierte Wunschkandidat des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), ein Bundesbürger, hatte es aus familiären Gründen vorgezogen, im Westen zu bleiben.

Was die vier aus dem Ost-Knast dem Anwalt Vogel nach der Begrüßung mitteilten, klang keineswegs mehr freundlich - für ihre Arbeitgeber im

Westen. Zwei der Häftlinge saßen seit längerem in der DDR-Haftanstalt Bautzen ein, weil sie für den Bundesnachrichtendienst (BND) in Pullach spioniert hatten, die beiden anderen erkundeten im Auftrag des Kölner Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV) die deutsche Ost-Republik. Ihr Strafmaß: zwischen sieben und zwölf Jahren Gefängnis.

Warum es so lange gedauert habe, wollten die vier von Vogel wissen. Schließlich sei ihnen versprochen worden, falls sie geschnappt würden, sollten sie sich nicht sorgen: Die Chefs in Pullach oder Köln würden sie schon rasch wieder rausholen.

In Wahrheit mußten sie zwischen drei und fünf Jahren auf ihre Freiheit warten. Daß sie letzte Woche überhaupt freikamen, haben sie vor allem der Sorge der Oberen bei BND und Verfassungsschutz um den eigenen Nachwuchs zu verdanken: 30 ihrer Ost-Agenten sitzen derzeit in Bautzen ein. Ihre Vorgesetzten in Pullach und Köln fürchten, daß sich herumsprechen könnte, wie die Geheimdienste ihre Leute im Stich ließen.

Um die Moral ihrer Geheimen in der DDR zu heben, brachen die westdeutschen Sicherheitsbehörden letzte Woche mit einer eisernen Regel: Zum ersten Mal räumten sie öffentlich ein, es seien tatsächlich ihre Agenten und nicht harmlose Bürger. Die Stasi belohnte soviel guten Willen: Der Deal der vergangenen Woche nutzt den westdeutschen Agentenführern mehr als den Ost-Berlinern. Die bekamen nur Spione frei, die ohnehin nicht mehr lange hätten brummen müssen; ihr Star Lutze, 1976 gemeinsam mit seiner Frau Renate verhaftet und 1979 zu zwölf beziehungsweise sechs Jahren verurteilt, wäre im nächsten Jahr entlassen worden. Und die anderen drei MfS-Pfadfinder saßen lediglich Strafen zwischen 15 und 30 Monaten ab.

Einen Herzenswunsch der Bonner mochten die Ost-Berliner Behörden indes nicht erfüllen: Die ostdeutsche Ärztin Christa-Karin Schumann, heute 50, seit siebeneinhalb Jahren im DDR-Knast, muß weiter auf ihren Austausch warten. Frau Schumann wurde 1979 bei einem Fluchtversuch verhaftet und im Juni 1980 zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt. Ihr Vergehen: Militärspionage für die Westdeutschen.

Dem Mann, dem zuliebe die Ärztin zur Agentin wurde, erging es schlimmer. Der ostdeutsche Konteradmiral Winfried Baumann wurde vom Ost-Berliner Militärobergericht zum Tode verurteilt und erschossen. Baumann war Agentenführer im DDR-Ministerium für Nationale Verteidigung: Er leitete dort das Referat »Aufklärung Bundesrepublik«.

Der Offizier und seine Lebensgefährtin wollten 1979 in die Bundesrepublik fliehen, weil sie drüben keine Chance für ein gemeinsames Leben sahen. Das Verhältnis hätte, sobald es bekanntgeworden wäre, das Ende der Baumann-Karriere bedeutet. Denn Christa-Karin Schumann hat nahe Verwandte in der Bundesrepublik.

Da Baumann keine Ahnung hatte, was ihn im Westen erwartete, suchte er zunächst Kontakt zum BND. Die Pullacher waren erst einmal mißtrauisch und wollten von dem potentiellen Überläufer Beweise: Baumann sollte ihnen Namen von DDR-Agenten in der Bundesrepublik liefern. Der lieferte. Doch das Material taugte nur bedingt. Die Hinweise des Konteradmirals kosteten den Bundeswehr-Obersten Siegfried Petrelli seine Karriere. Ein »Oberst Petrelli« stand als Agent des DDR-Verteidigungsministeriums auf Baumanns Liste. Obwohl sich bei den Recherchen der westdeutschen Abwehr herausstellte, daß es sich um eine Verwechslung handelte, verlor Petrelli seinen Job im Generalstab.

Dem BND war Baumann dennoch höchstes Risiko wert. Die Geheimdienstler beschlossen, ihn und Christa-Karin Schumann via Ungarn in den Westen zu schleusen. Der Coup mißlang.

Um die Gehilfin des hingerichteten Konteradmirals bemüht sich Bonn seit Jahren ebenso intensiv wie vergeblich. Vor allem der jetzige Staatssekretär im Justizministerium, Klaus Kinkel, in dessen Amtszeit als BND-Chef die Baumann-Affäre fiel, hat sich für die Ärztin engagiert. Doch die DDR mauert. Selbst als SED-Chef Erich Honecker im Zuge des spektakulären Agenten-Austausches um den sowjetisch-jüdischen Dissidenten Anatolij Schtscharanski im Februar 1986 auf der Glienicker Brücke sich für Frau Schumann stark machte, blieb die Staatssicherheit stur.

Die Freiheit von Frau Schumann wird obendrein von einem Mann blockiert, der sie seit Jahren vor allem mit öffentlichen Demonstrationen zu erreichen sucht: von dem Heidelberger Medizin-Professor Wolf-Dieter Thomitzek, dem Bruder von Christa-Karin Schumann. Thomitzek und seine Frau Ruth treten regelmäßig am Checkpoint Charlie in Berlin sowie vor der DDR-Vertretung in Bonn auf - mit Transparenten, die »Freiheit für Dr. Karin Schumann« fordern.

Was die Ost-Berliner Sicherheitsbehörden vor allem aufbringt, ist das Bemühen des Professors, seine Schwester zu einem Menschenrechtsfall hochzustilisieren. Christa-Karin Schumann, so beteuert Thomitzek immer wieder, sei keineswegs eine BND-Agentin, sie sitze nur deshalb seit siebeneinhalb Jahren im Gefängnis, weil sie zusammen mit Baumann die DDR habe verlassen wollen.

Der Professor, so die DDR-Behörden, wisse es besser: Er selbst habe seine Schwester mit dem BND in Kontakt gebracht und als BND-Kurier zu Baumann gearbeitet. Dies habe Christa-Karin Schumann selbst vor Gericht ausgesagt. »Der Fall Schumann«, so verteidigt ein Ost-Berliner Jurist die Hartleibigkeit der DDR-Behörden, »ist ein klassischer Spionagefall. Kein Staat der Welt läßt sich in solchen Dingen unter Druck setzen oder gar erpressen.«

Der umtriebige Bruder Thomitzek ist freilich nicht das einzige Hindernis für die baldige Freigabe von Christa-Karin Schumann. »Für einen Austausch«, so ein Ost-Berliner Experte, »fehlt, nachdem Lutze ausfällt, ein Äquivalent.«

Die DDR wüßte schon eines: Sie möchte am liebsten den ehemaligen MBB-Abteilungsleiter Manfred Rotsch. Der KGB-Agent verbüßt derzeit eine achteinhalbjährige Haftstrafe.

Der Haken: Der Fall Rotsch ist noch allzu frisch. Der Ingenieur wurde erst im vergangenen Juli verurteilt.

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