»Kleidung zeigt, wie du drauf bist«
Meta und Canel, beide 13, besuchen nach den Sommerferien die 8. Klasse des Heinrich-Schliemann-Gymnasiums in Prenzlauer Berg; Julia und Teresa, beide 15, gehen dann in die 10. Klasse des Französischen Gymnasiums im Stadtteil Tiergarten. -------------------------------------------------------------------
SPIEGEL: Meta, Canel, Julia, Teresa - was haltet ihr davon, dass eine Schulleiterin in Niedersachsen Eltern schriftlich auffordert, ihre Kinder nicht in Strand- und Disco-Klamotten in die Schule zu lassen?
Meta: Ich finde, das sollte den Lehrern doch egal sein. Ich rege mich auch nicht darüber auf, wie die rumlaufen. Das ist auch nicht immer besonders toll.
Canel: Na ja, meine Mutter mag es auch nicht so gern, wenn ich Hüfthosen oder Stretchjeans in die Schule anziehe. Sie fürchtet, dass ich zu schnell reif werde. Aber ich mache es natürlich trotzdem.
SPIEGEL: Was für Kleidung tragt ihr normalerweise in der Schule?
Julia: Dieses Kleid hier habe ich mir erst gestern gekauft. Sonst trage ich oft Jeans. Die kombiniere ich aber mit ausgeschnittenen T-Shirts, oft auch bauchfrei.
Meta: Ich finde, es ist kein so tolles Gefühl, wenn einem der Wind am nackten Bauch rumbläst. Mir ist schnell kalt. Aber wenn die anderen sich so anziehen wollen, ist mir das egal.
Teresa: Ehrlich gesagt, ist das jetzt mit 15 nicht mehr so die Frage, ob man bauchfrei rumläuft. Bauchfrei laufen bei uns eigentlich nur noch die Jüngeren rum. Die sind dann auch Fans von Britney Spears oder so und wollen die Stars halt nachmachen.
SPIEGEL: Was sagen eure Lehrer dazu?
Teresa: Nichts, aber man wird härter drangenommen, wenn man zu sehr auf sein Aussehen und seine Klamotten achtet. So nach dem Motto: »Mal sehen, ob sie mehr vorm Spiegel steht als in die Bücher guckt.«
Canel: Das ist bei uns auch so. Gestylte Mädchen machen eher einen schlechten Eindruck auf die Lehrer. Die denken dann: »Aussehen eins a, aber ob die auch was im Kopf haben?«
Julia: Es gibt aber auch Lehrer, die schauen gern mal länger hin, als sie müssten, wenn man was Enges anhat. Bei uns an der Schule gibt es so einen, der ist noch ziemlich jung, hat auch eine Freundin ...
SPIEGEL: Provoziert ihr ihn auch mal mit Absicht?
Julia: Nein, würden wir nie machen. (lacht)
Teresa: Wir machen uns eher einen Spaß daraus.
SPIEGEL: Gibt es Grenzen, was ihr in die Schule anziehen würdet und was nicht?
Meta: Klar sieht man beim Shoppen oft coole Sachen, mit denen man sich nicht zur Schule trauen würde.
Canel: Eng anziehen und Bauch zeigen, ja. Aber nicht zu krass. Man vergleicht sich auch mit den anderen. Da passt man sich an und achtet darauf, dass man nicht total auffällt.
SPIEGEL: Was glaubt ihr: Wie wirkt eure Kleidung auf die Jungen in eurer Schule?
Teresa: Es ist nicht so, dass sie im Unterricht die ganze Zeit gucken. Manchmal kommen nach der Stunde kleine dumme Bemerkungen ...
Julia: ... oder aber auch Komplimente. Wegen meinem neuen Kleid kamen viele in der Schule auf mich zu und sagten: »Wow, schönes Kleid. Das steht dir richtig gut.« Auch Teresas Minirock kommt gut an.
SPIEGEL: Wie ergeht es Mädchen, die nicht die perfekte Figur haben?
Meta: Wir haben selbst eine gute Freundin, die von sich aus sagt: »O mein Gott, bin ich fett.« Uns ist das aber egal, wir sehen sie als Person. Ich muss nicht die perfekten Freunde haben.
Canel: Dicke Mädchen haben es vor allem bei den Jungs schwerer. Die lästern. Wir nehmen sie dann in Schutz und schimpfen zurück. Aber man kennt das ja bei sich: Wenn ein Junge sagt, dass dein Hintern zu dick ist, dann bist du erst mal für ein paar Wochen am Boden zerstört.
Julia: Vor einem Jahr habe ich mich auch zu dick gefühlt. Jetzt habe ich elf Kilo abgenommen und finde mich okay. Ich trage mehr ausgeschnittene Sachen und Röcke als früher.
SPIEGEL: Ist es nicht anstrengend, immer gut aussehen zu müssen?
Canel: Bei einer Freundin von mir ist es schon krass. Sie muss sich jede Woche was Neues holen. Sie hat Angst, dass die anderen sonst über sie reden. Ich sage ihr dann immer, dass es wichtigere Sachen in der Schule gibt.
Teresa: In der achten Klasse gab es bei uns eine richtige Konkurrenz unter den Mädchen. Da versuchte jede, immer die besten und neuesten Klamotten zu haben.
Julia: Das hat sich aber jetzt in der Neunten verändert: Man zieht an, was man will. Wenn man älter wird, achtet man nicht mehr so auf die Klamotten, sondern eher auf innere Werte oder auf Freundlichkeit.
Teresa: Dann ändert man seine Meinung und seinen Geschmack auch nicht mehr ständig.
SPIEGEL: Einige Politiker haben vorgeschlagen, Schuluniformen einzuführen. Was haltet ihr davon?
Julia: Das ist ein heikles Thema. Gut an Uniformen ist, dass die Rivalität aufhört. Keiner wird mehr ausgeschlossen, weil er die falschen Klamotten trägt. Denn was sagen die Klamotten schon aus?
Canel: Ja, wenn alle das Gleiche anhaben, kann man auch nicht mehr sehen, ob ihr Rock schöner und teurer ist als meiner.
Teresa: Jeder wird dann akzeptiert.
SPIEGEL: Dann seid ihr also dafür?
Julia: Nee, das auch wieder nicht. Ich würde nicht gern damit rumlaufen. Das schränkt einen ziemlich ein.
Teresa: Da geht ein wichtiger Teil verloren, denn mit deinen Klamotten drückst du ja auch deine Persönlichkeit aus.
Canel: In Schuluniform kann man die Leute nicht mehr so gut einschätzen. An der Kleidung sieht man, wie jemand so drauf ist. Man sieht zum Beispiel, ob ein Mädchen eingebildet ist.
SPIEGEL: Aber stimmt das denn immer?
Canel: Mich zum Beispiel haben am Anfang alle als Modepüppchen abgestempelt, weil ich mich geschminkt habe oder mal ein engeres Top anhatte. Jetzt, wo mich alle kennen, heißt es »Du bist ja wirklich voll nett« und so. Man will nicht so wirken.
SPIEGEL: Nach der Erfahrung müsstest du doch eigentlich für Schuluniformen sein.
Canel: Nee, das wäre todlangweilig.
Julia: Es macht auch Spaß, die Leute anzugucken, wie sie gekleidet sind. Ich bilde mir dann schon meine Meinung ...
Teresa: ... aber die kann sich ja auch wieder ändern, wenn man die Leute besser kennt. Ich finde es wichtig, dass man sich in der Schule wohl fühlt. Mein Tag fängt nicht erst nach der Schule an, sondern Schule ist ein ziemlich großer Teil meines Lebens. Deswegen möchte ich mich dort auch ganz normal kleiden. Viel wichtiger als die hirnrissige Diskussion um Schuluniformen ist aber, dass die Lehrer endlich mal guten Unterricht machen.
SPIEGEL: Was heißt das: guter Unterricht?
Teresa: Ich erwarte von den Lehrern, dass sie die Schüler unter Kontrolle halten können.
Julia: Ja, wenn man merkt, man kann Scheiße bauen, dann macht man es auch. Bei strengen Lehrern lernt man mehr.
SPIEGEL: Sind strengere Lehrer also generell die besseren Lehrer?
Meta: Nein, wichtig ist auch, dass der Unterricht Spaß macht. Man soll nicht nur hinhören, weil der Lehrer streng ist, sondern weil es interessant ist. Wir sind eine der unruhigsten Klassen, sagen die Lehrer. Aber in Geschichte passt jeder auf ...
Canel: ... weil unsere Geschichtslehrerin uns halt nicht nur den Stoff beibringt, sondern so gut erzählt.
Julia: Die meisten Lehrer an unserer Schule sind überhaupt nicht pädagogisch. Die kommen rein, leiern ihren Unterricht runter und schreien, wenn man nicht aufpasst. Danach stöhnen sie: »O mein Gott, ich hab's geschafft.« Ich dachte immer, man wird Lehrer, um Kindern was beizubringen. Aber viele unserer Lehrer hören gar nicht zu, wenn wir Probleme haben.
Teresa: Nur wenn die Lehrer uns respektieren, dann respektieren wir sie auch. Dann sollen sie aber auch respektieren, was wir anziehen. INTERVIEW: TINA HÜTTL,
MARTIN WOLF