SCHWEIZ JUDEN Kleines Boot
Die edle Tradition galt nur noch drei Jahre. Dann, 1942, verordnete die Fremden-Polizei: »Zivilflüchtlinge sind auszuschaffen, auch wenn ihnen dadurch Gewalt für Leib und Leben erwächst.«
Jetzt bemühen sich eidgenössische Schriftsteller und Journalisten, die Schweizer Vergangenheit der Jahre 1933 bis 1945 zu bewältigen.
»Wir haben versagt aus Angst, Kleinmut, Krämergeist; aus offenem oder verstecktem Antisemitismus haben wir unsere Humanität verleugnet. Jeden Reichen verhätscheln wir mit Portiers-Ergebenheit. Schuldlose Flüchtlinge stecken wir in Zuchthäuser«, klagte der Berner Dichter und Professor Dr. Hans Zbinden.
Der Journalist Alfred Häsler widmete der Vergangenheit eine Monographie*, obwohl die Berner Bundesregierung keineswegs alle Akten freigegeben hat. Häslers Enthüllungen wirkten wie ein Schock.
Zwar gewährte die Schweiz von 1939 bis 1945 etwa 28 500 Juden -- meist vorübergehend -- Asyl, doch viele Tausende hätten noch gerettet werden können. Zwei schweizerische Juristen verhinderten es:
* Eduard von Steiger, damals Leiter des eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements, und
* sein Untergebener, Dr. Heinrich Rothmund, ehemals Chef der Zentralstelle für Fremdenpolizei.
Rothmund eiferte gegen die »Überfremdung der Schweiz« und nannte
* Alfred A. Häsler Das Boot ist voll; Fretz & Wasmuth Verlag, Zürich: Stuttgart; 364 Seiten; 17,80 Mark.
sie »das Resultat einer falsch verstandenen, liberalen Weltanschauung«. Juden galten für ihn als »artfremde Elemente« und »paßlose Existenzen, die von Land zu Land geschoben werden«.
Schon 1938 hatte Rothmund von den Behörden des Dritten Reichs verlangt, sie sollten »die Flucht österreichischer Juden in die Schweiz unterbinden«. Begründung: »Wir können sie auch nicht gebrauchen.
Zwar weigerten sich schon 1938 die meisten Staaten, jüdische Flüchtlinge aufzunehmen. »Keiner will die Mischpoke«, triumphierte der »Völkische Beobachter«. Aber die Schweiz war besonders hart. Fremdenpolizist Rothmund sorgte sich: »Wir können die Juden nicht erkennen, wie sollen wir sie an der Einreise hindern?« Noch im Herbst 1938 forderte er deshalb von den Nazis -- einer seiner Verhandlungspartner war der spätere Adenauer-Intimus Hans Globke-. sic sollten die Ausweise der Juden besonders kennzeichnen. Die Nazis stempelten ein »J« in die Pässe. Der Schweizer Bundesstaat bestimmte: »Juden sind zurückzuweisen.«
Rothmund instruierte eidgenössische Grenzoffiziere: »Illegal eingereiste Flüchtlinge sind so zu behandeln, daß sie von selbst zurückwollen.« Ziel: Die in den Nachbarländern lebenden Juden sollten vom Grenzübertritt abgeschreckt werden.
Flüchtlinge mit Aufenthaltserlaubnis wurden in Internierungslager gesteckt, weil sie -- so ein Vertreter des Kantons Bern -- »das Landschaftsbild störten«.
Einer der Störenfriede erinnert sich: »Als wir die Grenze überschritten, lachten und weinten wir. Wir küßten den Boden, umarmten uns. Unbeschreiblicher Freudentaumel überfiel uns. Dann kam das Lager. Alle zehn Minuten neue Befehle, Ermahnungen und dann Schmähungen: »Seien Sie froh, daß Sie noch leben. Ohne die Schweiz lägen Sie längst im Massengrab.«
Im Oktober 1942 auf dem Höhepunkt der Judenverfolgung -- läßt Bundesrat von Steiger von der Armee die wichtigsten Fluchtwege durch Stacheldraht versperren. Steiger: »Das kleine Rettungsboot, die Schweiz, ist voll.«
Der Schweizer Polizei- und Justizchef sah eine Art ewigen Juden das Tell-Land verderben. Im Deutsch der Zeit klagte er: »Die schleichen sich da irgendwo über die Grenze im Jura« in die Kantone Genf und Wallis. Sie lassen sich in unseren Städten nieder, ohne vorherige sanitäre Kontrolle. Sie wollen essen, nehmen uns die Arbeitsplätze weg und überfremden das Land. Sie geben den Nazis Handhabe für ein Warenembargo gegen uns und Grund für eine Intervention.«
Zum Kriegsende raffte sich der Schweizer Bundesrat doch noch zu einem Protest gegen Hitlers Judenvernichtung auf und öffnete die Grenzen für -- nunmehr seltene -- jüdische Flüchtlinge.
Auch nach dem Krieg besannen sich die Eidgenossen nur langsam auf ihre »edle Vertriebenen -- Tradition«. Erst 1954 pensionierten sie Polizeiboß Rothmund -- »unter Verdankung für geleistete Dienste«. Sein Chef von Steiger amtierte sogar 1945/46 und 1950 als Bundespräsident.