PROZESSE Knast oder Karriere
Der Mann nennt sich Urs und lebt in der Schweiz. Kürzlich meldete er sich bei dem Braunschweiger Rechtsanwalt Gundolf Teßmann und fragte, ob er im Auftrag einflussreicher Leute aus der Ukraine etwas regeln könne. Es gehe da um einen Mann, der in Deutschland vor Gericht stehe und unbedingt rausmüsse - ohne Verurteilung, wenn''s geht.
Ein diffiziler Auftrag. Wiktor Scherditzki, 45, einst Präsident der Gradobank in Kiew, muss sich seit mehr als zwei Jahren vor dem Landgericht Hildesheim wegen des Verdachts der Veruntreuung von deutschen Entschädigungszahlungen an ukrainische Zwangsarbeiter verantworten.
Zwei Verhandlungstage die Woche, so geht das seit dem 16. August 2001. Am vergangenen Donnerstag tagte das Gericht zum 134. Mal, und ein Ende ist nicht in Sicht: Mit immer neuen Beweisanträgen zieht Scherditzki den Prozess in die Länge. Jeder Satz muss vom Russischen ins Deutsche und wieder ins Russische übersetzt werden. Der Prozess hätte längst beendet sein können, doch der Angeklagte will um jeden Preis seine Unschuld beweisen. Aus gutem Grund: Er ist als Finanzminister seiner Heimat im Gespräch, eine Vorstrafe in Geldsachen käme da ungelegen.
So langsam das Tempo vor Gericht, desto heftiger wird nun hinter den Kulissen gerangelt. Während Anwalt Teßmann den Behörden allerlei Offerten seiner Auftraggeber übermittelt, kontert die Staatsanwaltschaft mit der Durchsuchung bei Zeugen, die wundersamerweise von früheren Aussagen abrücken. Die harten Bandagen entsprechen den unterschiedlichen Auffassungen. Ermittler glauben an »Organisierte Kriminalität in Reinstform«, Teßmann dagegen an »eine Fehleinschätzung der Justiz«.
Immerhin ist viel Geld im Spiel. Ex-Banker Scherditzki und der mitangeklagte Igor Didenko, 39, ein Oligarch aus dem Gasgeschäft, waren verdächtigt worden, 60 Millionen von insgesamt 400 Millionen Mark Entschädigung für NS-Opfer veruntreut zu haben, die die Bundesregierung unter Helmut Kohl 1995 in die Ukraine überwiesen hatte. Die Spur des Geldes versickerte oft bei Briefkastenfirmen in Steuerparadiesen wie Zypern oder der Isle of Man.
Das fiel allerdings erst auf, als die Gradobank wegen fehlender Liquidität 1996 in Schwierigkeiten geriet. Chef Scherditzki kam in Untersuchungshaft. Schon ein halbes Jahr später kandidierte er für das Parlament, wurde mit 15,1 Prozent der Stimmen im Wahlbezirk N 74, Transkarpatien, zum Abgeordneten gewählt - was ihm Immunität und damit Freiheit verschaffte. Die Gerechtigkeit in der Ukraine geht manchmal seltsame Wege. Weil die Justiz in Kiew auf der Suche nach den verschwundenen Millionen alle Welt um Hilfe gebeten hatte, waren dem Ex-Banker aber auch deutsche Fahnder hartnäckig auf der Spur. Als der Ukrainer am 11. Oktober 2000 bei der Deutschen Bank in Hannover 50 000 US-Dollar abheben wollte, griff die Polizei zu.
Von ursprünglich acht Anklagepunkten ist nur noch einer übrig geblieben, der Rest ist verjährt: Vier Millionen Mark der Gra-
dobank flossen über Umwege in das marode Zementwerk des Warburger Unternehmers Johannes Peine, wo sie in der Konkursmasse verschwanden. Das Gericht muss nun klären, ob die Zement-Millionen ganz legal als Kredit an einen seriösen Investor gingen oder, und das wäre Untreue, über Scheinverträge an eine Londoner Firma, an der Didenko beteiligt war.
Wie das Leben so spielt, verhinderte die Festnahme, so weist es jedenfalls Scherditzkis Terminkalender aus, seine Weiterreise nach England, wo sich sein Freund, der damalige ukrainische Ministerpräsident Wiktor Juschtschenko, mit Bankmanagern traf. Auch der war seinen Posten bald los. Staatspräsident Leonid Kutschma entließ ihn im April 2001 nach nur 15 Monaten Amtszeit. Bei der Präsidentenwahl im nächsten Herbst aber darf Kutschma nach der Verfassung nicht mehr antreten. Und Juschtschenko, der sich inzwischen als Führer des patriotischen Blocks »Unsere Ukraine« einen Ruf als Reformer erwarb, gilt als Favorit für die Nachfolge.
»Dass Scherditzki dann ukrainischer Finanzminister wird, ist so sicher wie das Amen in der Kirche«, meint jedenfalls Anwalt Teßmann. Seine Auftraggeber bieten den deutschen Ermittlern hinter verschlossenen Türen für ein Entgegenkommen im Fall Scherditzki sensible Informationen über die global operierende ukrainische Unterwelt an.
Nach mehr als drei Jahren Untersuchungshaft sei aber auch jede Verhältnismäßigkeit überschritten, sagt Teßmann. Und weil der klamme ukrainische Staat die verschwundenen Millionen längst ersetzt habe, sei die leidige Sache kein Fall für ein deutsches Gericht, sondern »eine innerukrainische Angelegenheit«. Er strebe eine Lösung an, bei der »beide Seiten ihr Gesicht wahren«.
Doch die Staatsanwaltschaft, die nach verbalen Ausfällen Didenkos im gepanzerten Wagen zur Verhandlung anreist, scheint fest entschlossen, den Prozess durchzuziehen. Mehrfach hatte zudem das Gericht festgehalten, dass es Zeugen für unglaubwürdig hält. Vorvergangenen Mittwoch ließ die Anklagebehörde die Räume des Unternehmers Peine durchsuchen.
Am 134. Verhandlungstag war die ehemalige Leiterin der Kreditabteilung der Gradobank aus Kiew angereist. Sie erinnerte sich sehr genau, dass die vier Millionen Mark korrekt zurückgezahlt worden seien. Details der Transaktion waren ihr jedoch entfallen. In Hildesheim hat das Vergessen inzwischen Tradition.
ANDREAS ULRICH
* Bei einem Gottesdienst in Kiew, 2000.