HESSEN Koch oder Kellner?
Dort hinten also sitzt die Chefin. Schweigt vor einem Tisch mit Brezeln. Muss andere reden lassen. Den unauffälligen SPD-Europa-Abgeordneten zum Beispiel, der sich an diesem Donnerstagabend, zehn Tage vor der Hessen-Wahl, redlich bemüht, Stimmung in den Clubraum des Bürgerhauses in Frankfurt-Preungesheim zu bringen.
Andrea Ypsilanti hat das meist geschafft. Früher. Da jubelten ihr die Jusos in »Y«-T-Shirts zu, als die SPD-Chefin den »Politikwechsel« beschwor. Jetzt aber sitzt sie da und hört zu, wie andere reden. »Ich bin nur als Gast hergekommen«, sagt sie.
Wer Ypsilanti in diesen Tagen wahrnehmen will, muss genau hinsehen. Die Frau, die mit ihren verwegenen Plänen monatelang die Republik in Atem hielt, ist weitgehend in der Versenkung verschwunden. Auch im eisigen Winterwahlkampf in Hessen. Termine? Ganz wenige nur. Interviews? Nein, danke: »Der Spitzenkandidat heißt Thorsten Schäfer-Gümbel«, sagt sie dann.
Immer wieder hat sich Ypsilanti in den vergangenen zwölf Monaten politisch verrechnet. Sie hat auf eine hauchdünne rotrot-grüne Mehrheit gesetzt - und verloren. Sie sorgte dafür, dass ihre Partei seit der Landtagswahl im vergangenen Januar von fast 37 auf inzwischen 24 Prozent in den Umfragen abstürzte. Ihrem Gegner Roland Koch hat sie unfreiwillig ein Comeback verschafft, die hessische SPD ist tief zerrissen und auch die Bundespartei schwer lädiert. »Die hessische Parteivorsitzende hätte ein Parteiordnungsverfahren verdient, weil sie ihre Partei zielstrebig demoliert hat«, schrieb Helmut Schmidts Vertrauter Klaus Bölling im November.
Vieles spricht dafür, dass Ypsilanti selbst im Abgang die Lage falsch eingeschätzt hat. Ihre Lage. Dass sie lange gehofft hat, die Fäden weiter in der Hand halten zu können. Schließlich präsentierte sie mit dem vorher völlig unbekannten Thorsten Schäfer-Gümbel einen Mann aus ihrem Lager, der bislang stets in Treue fest zu seiner Chefin gestanden hatte.
Noch bei ihrem ersten gemeinsamen Fernsehauftritt im ZDF machte sie klar, wer für sie Koch und wer Kellner war. Ypsilanti redete, und Schäfer-Gümbel schwieg überwiegend. Der Kandidat saß da wie ein Schuljunge, während die Chefin dem Publikum lieber selbst erklärte, was der neben ihr sitzende »Herr Schäfer-Gümbel« künftig tun werde und was nicht.
Sie behielt den Parteivorsitz, sie blieb Fraktionsvorsitzende, sie fuhr den schweren Dienstwagen der Fraktion, und auf der SPD-Kandidatenliste zur Landtagswahl beanspruchte sie selbstverständlich Platz zwei, direkt hinter Schäfer-Gümbel.
Beim Landesparteitag im Dezember stellte sie noch einmal klar, wer ihrer Meinung nach das Sagen hatte. »Die Verantwortung« für das Ergebnis der Landtagswahlen trage selbstverständlich die Parteivorsitzende und nicht der Spitzenkandidat. Schäfer-Gümbels Leute hatten stattdessen ein deutliches Signal für Ypsilantis Rückzug nach der Wahl erwartet. Der Kandidat war sauer. Insgeheim.
Auch intern versuchte sie, weiter die Strippen zu ziehen. Als Schäfer-Gümbel Ypsilantis Wortbruch als Fehler bezeichnete und die Medien über Absetzbewegungen des Kandidaten gegenüber der Parteichefin spekulierten, verdonnerte sie ihren früheren Getreuen, unverzüglich eine Erklärung aufzusetzen. Man sei bei der Bewertung der rot-rot-grünen Koalitionspläne nach wie vor einer Meinung, musste Schäfer-Gümbel zu Protokoll geben. Zeitungsinterviews ließ sich die Ypsilanti-Truppe vor der Autorisierung bisweilen vorlegen.
Gut möglich, dass die Landesvorsitzende zu diesem Zeitpunkt dachte, sie sei immer noch die Nummer eins. Sie war es nicht, denn Ypsilanti hatte die Wirkung ihres Kandidaten unterschätzt. Der machte seine Sache überraschend gut. Fortan richteten sich die Kameras auf ihn, und langsam, aber stetig verschoben sich die politischen Gewichte.
Öffentliche Aufmerksamkeit ist in der Mediendemokratie häufig ein wertvolleres Gut als formale Macht, und Schäfer-Gümbel durchschaute diese politische Mechanik schnell. »Die Nummer eins bin ich«, verkündete er selbstbewusst, während seine Getreuen in aller Diskretion andeuteten, der Kandidat habe eine Art Zusage Ypsilantis, dass er nach der Landtagswahl auch formal an die Spitze rücken könne. Der einstige Ypsilanti-Mann spielte auf einmal auf eigene Rechnung.
Doch gibt es wirklich eine solche Absprache? Gibt es nicht, beharrte Ypsilanti noch am vergangenen Donnerstag. Ihre Vertrauten verbreiten allerdings, sie habe inzwischen selbst erkannt, dass sie nach der Wahl die Parteispitze räumen müsse, um einen Neuanfang zu ermöglichen.
So viel Einsicht trauen ihr nicht alle Genossen zu. Und verweisen auf eine Veranstaltung mit Parteichef Franz Müntefering, die Anfang Januar in Gießen stattfand. Ypsilanti hielt die Eröffnungsrede und begrüßte der Reihe nach die anwesenden Partei- und Kommunalpolitiker.
Den Mann allerdings, der kurz nach ihr reden sollte, erwähnte sie mit keinem Wort. Es war der Spitzenkandidat.
MATTHIAS BARTSCH,
KONSTANTIN VON HAMMERSTEIN