König der Hoffnung - DER SPIEGEL
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AFGHANISTAN König der Hoffnung

Nach der Rückkehr aus dem römischen Exil soll Zahir Schah den Zusammenhalt seiner Heimat garantieren. Doch Warlords rüsten zu neuen Machtproben und wollen das Land ins Chaos stürzen.
Von Susanne Koelbl und Claus Christian Malzahn
• aus DER SPIEGEL 17/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Sonne strahlt über dem Internationalen Flughafen Kabul, als seine Majestät, Mohammed Zahir Schah, um 11.37 Uhr Ortszeit dem Flugzeug entsteigt. Im Hintergrund ragen die Gipfel des Hindukusch empor. Fast 29 Jahre lang hat der ehemalige König Afghanistans die Bergriesen nicht mehr gesehen. Von diesem Tag hat er geträumt.

Als Afghane hat der heute 87-Jährige seine Heimat verlassen. Kehrt nun ein römischer Herr zurück? In grauem Zwirn und Lederjacke, mit bordeauxrotem Halstuch und italienischen Maßschuhen läuft er über den 38 Meter langen Ehrenteppich.

Interimspremier Hamid Karzai folgt dem Monarchen mit seinen Ministern. Dann schreiten sie die Ehrengarde ab, 26 Mann mit geschultertem Gewehr und aufgepflanztem Bajonett. Dahinter warten winkende Kinder und misstrauische Kriegsherren auf ihren verlorenen Regenten.

Der Usbeken-General Abdul Raschid Dostam, 47, sonst ein eher grober Heerführer, überreicht voller Demut einen Strauß feuerroter, wilder Tulpen und verspricht, für den Fall eines Besuchs in seinem Herrschaftsbereich bei Masar-i-Scharif, ein »gewaltiges Buskaschi« zu veranstalten. Das brutale Reiterspiel ist der Nationalsport der Afghanen. Da dreht der Monarch den Kopf und antwortet mit leiser, feiner Stimme: »Macht ihr nicht schon die ganze Zeit ein Buskaschi da oben?«

Das Volk lacht. Kein Italiener ist da zurückgekehrt, wie manche befürchtet hatten. Der König kennt seine Afghanen noch immer. Doch solche Heiterkeit täuscht kaum über die angespannte Lage hinweg.

Dostam, der etwa 6000 Soldaten befehligt und stellvertretender Verteidigungsminister ist, stürzte sich immer wieder in kriegerische Auseinandersetzungen, um seine Pfründen zu wahren. Solche Eskapaden soll der König nun stoppen. Den Willen dazu hat er. Aber hat er auch die Macht?

»Das Volk will keinen Krieg mehr«, versicherte Hamid Karzai dem König kurz vor dem gemeinsamen Abflug in Rom. Doch die blutigen Auseinandersetzungen hören nicht auf. Im Gegenteil: In den vergangenen Wochen nahmen die Attacken auf Regierungsmitglieder und Angehörige der internationalen Schutztruppe wieder zu.

Karzai drängte den König deshalb, nicht erst zur Eröffnung der Loya Jirga, der großen Ratsversammlung aller afghanischen Stämme, im Juni nach Kabul zu kommen, wie es die Berater des Monarchen eigentlich geplant hatten. »Wir brauchen Sie jetzt, um ein Zeichen zu setzen«, bat er den König vergangenen Mittwoch in dessen römischer Residenz.

Glücklich und gelöst habe der Monarch in den letzten Stunden vor dem Abflug gewirkt, berichtet ein afghanischer Minister. Bei Teigtäschchen, Süßigkeiten und Tee mit Kardamom vertrieb sich der König die Zeit vor dem Start in das wohl letzte Kapitel seines Lebens - einmal in Kabul angekommen, will er »nie wieder fort«.

Er hätte nie zu hoffen gewagt, den einstigen Monarchen »in so guter Verfassung« zu sehen, staunte auch der afghanische Außenminister Abdullah Abdullah. Ob er denn Angst vor einem Attentat habe, wollte ein Teilnehmer der römischen Runde wissen. »Nein!«, antwortete der König bestimmt. Angst habe er nur davor, »die riesigen Erwartungen und Hoffnungen meines Volkes« nicht erfüllen zu können.

Nach dem Abschied von seiner Frau und Tochter fuhr der alte Mann in einem Rolls- Royce durch die römische Nacht zum Militärflughafen. Hinter ihm eine Eskorte von 40 Limousinen und Polizeifahrzeugen, vor ihm eine ungewisse Zukunft.

Das Wort des Königs soll in der Heimat nun mehr Macht entfalten als tausend bewaffnete Männer. 40 Jahre lang hatte Zahir Schah friedlich regiert, bis ihn ein Cousin 1973 vom Thron putschte. Wenn ältere Afghanen vom König sprechen, klingen Erinnerungen an Kinos und Konzerthäuser mit, an unverschleierte Frauen und großzügige Boulevards. Zahir Schah steht für eine verlorene glückliche Zeit.

Kehrt sie nun mit ihm zurück? »Der König wird uns Frieden geben, welcher Volksgruppe wir auch angehören«, sagt der Gouverneur von Paktika im Osten des Landes. Er gehört zu den 500 ausgewählten Stammesführern, Diplomaten und Militärs aller Provinzen und Ethnien des Landes, die zum Empfang geladen waren. »Vielleicht werden sie uns Frauen dann auch wieder wie Menschen behandeln«, hofft Fahima Hadi, 45, Direktorin der Maryam-Oberschule in Kabul, die in der kleinen Gruppe der geladenen Damen stand; die verhasste Burka hatte sie demonstrativ zu Hause gelassen.

50 Carabinieri begleiteten den Monarchen auf seinem Flug von Rom, drei Monate sollen die Italiener ihn nun in Kabul bewachen. Den afghanischen Soldaten, die eigentlich zum Schutz des Königs abgestellt werden sollten, traut offenbar noch niemand über den Weg.

Alle lieben den König, sagen sie jedenfalls. Doch diese Liebe kommt bewaffnet daher. 1000 afghanische Milizionäre müssen den neun Kilometer langen Weg vom Flughafen zum Domizil des Königs im Kabuler Diplomatenviertel Wasir Akbar Khan absichern. 500 Soldaten der internationalen Friedenstruppe Isaf, darunter fünf Scharfschützentrupps am Flughafentower und einem nahen Berg, sind ebenfalls in Stellung gegangen.

»Wer die junge Entwicklung in Afghanistan herumdrehen will - heute wäre der Tag«, sagt Fallschirmjäger Hauptmann Heiko W., 32, aus Varel, unter anderem zuständig für den Einsatz der Scharfschützen.

Denn in Wahrheit will nicht jeder Versöhnung. Und vor allem: nicht jetzt. Die Loya Jirga steht bevor. Am 10. Juni stimmen etwa 1500 Politiker, Würdenträger, Gesandte der Minderheiten und Intellektuelle über eine neue Übergangsregierung für die folgenden 18 Monate ab. Es geht darum, wer sich die Macht sichern kann.

Zurzeit reisen die rivalisierenden Warlords mit Geldschatullen übers Land und versuchen, die Stammesführer der Provinzen jeweils auf ihre Seite zu ziehen. Wem es bisher nicht gelang, genügend Stimmen einzukaufen, muss nun versuchen, den Termin der Loya Jirga zu verzögern. Das könnte am besten gelingen, wenn das Land wieder ins Chaos stürzt.

Zwar erinnert der Jubel über die Heimkehr des Königs auf den ersten Blick an die triumphale Reise von Ajatollah Chomeini aus dem französischen Exil nach Teheran im Jahre 1979. Doch die allgemeine Volksfreude kann die Sorgen der internationalen Friedenstruppe nicht vertreiben. Denn ihren Geheimdienstlern liegen konkrete Erkenntnisse für ein geplantes Attentat auf den Heimkehrer aus Rom vor.

»Was will der alte Mann hier«, lästert Abdul Rasul Sayyaf, 55, ein reicher Paschtune in Kabul, der Verbindungen zu islamistischen Gruppen pflegt. Sayyaf, der sich von Anfang an offen gegen die Stationierung der Friedenstruppe geäußert hatte, macht kein Geheimnis daraus, dass ihm der Einzug der modernen westlichen Welt in sein Land nicht passt.

Auf das deutsche Bundeswehrcamp wurden vor zwei Wochen mit Hilfe einer Zeitschaltung Raketen abgefeuert. Das vermutliche Ziel, das Stabsgebäude, verfehlten sie nur knapp. Die Tat trägt wohl die Handschrift eines der grausamsten Warlords, des Gotteskriegers Gulbuddin Hekmatjar. Die extremistischen Anhänger des einstigen Premiers sollen erst vor drei Wochen einen Putschversuch gegen die Interimsregierung angezettelt haben, wurden jedoch von afghanischen Sicherheitskräften überwältigt.

Verteidigungsminister Mohammed Fahim, der machthungrige Anführer von etwa 10 000 Soldaten, entkam im ostafghanischen Jalalabad ebenfalls nur knapp einem Bombenanschlag. Isaf-Ermittler wollen aber auch nicht ausschließen, dass der Minister selbst den Sprengkörper zünden ließ - um nun mit aller Härte gegen seine Gegner vorzugehen.

Der König weiß: Die Guten und die Bösen sind in Afghanistan nur schwer auseinander zu halten. Zu Hunderten werden ihm die Abgesandten der Stämme nun huldigen, und jeder wird ihm eine andere Wahrheit einflüstern. Ein Riesenpensum steht dem Heimkehrer bevor, der zwar guten Willens ist - aber eben auch ein alter Mann.

Allein der Höhenunterschied vom römischen Mittelmeerniveau auf über 1800 Meter setzt seiner Gesundheit zu. Gleich drei Ärzte sichern die königliche Existenz kardiologisch ab und haben für alle Fälle einen Defibrillator dabei. Der zigarrenkistengroße Apparat soll den Herzschlag des Monarchen nach etwaigen Attacken wieder in Takt bringen. »Bis zur Loya Jirga muss seine Majestät durchhalten«, sagt ein Vertrauter, »sonst bekommen wir Probleme.«

Nun bewohnt Zahir Schah mit Schwiegersohn General Abdul Wali und dessen Tochter einen geräumigen, modern eingerichteten Bungalow in Kabul. Im Garten blühen 200 Rosenbüsche und Geranien, eine Oleanderhecke begrenzt das großzügige Grundstück. Selbst der Swimmingpool, neben dem die Taliban noch vor wenigen Monaten ihre Kühe hielten, ist wieder hergestellt.

Besorgt hatte der deutsche Isaf-General Carl Hubertus von Butler, 51, am Abend zuvor sogar noch die Schlafstätte des Monarchen inspiziert, ein elegantes Himmelbett mit gedrechselten Holzpfosten und cremefarbenen Vorhängen.

»Da muss er lebend rein«, gab von Butler Weisung, »dann war es ein guter Tag.«

SUSANNE KOELBL, CLAUS CHRISTIAN MALZAHN

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