Könige der Geldhäuser - DER SPIEGEL
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THEMA DES JAHRES Könige der Geldhäuser

Wolfgang Kaden über das gefährliche Milliardenspiel der Investmentbanker
Von Wolfgang Kaden
• aus SPIEGEL Chronik 54/2008
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Banker zu sein, das war doch was. Gewiss, bis ganz oben auf der Prestigeskala der Berufe, wo seit Jahrzehnten der Arzt und der Pfarrer unangefochten thronen, haben es die Geldhändler nie gebracht. Aber es darf vermutet werden, dass sie im Ansehen ihrer Mitbürger durchaus auf der Höhe der Unternehmer lagen, und die rangieren im vorderen Drittel der Tabelle. Der Chef einer Bankfiliale im Ort, der zählte durchaus zu den lokalen Zelebritäten, so wie der Doktor, der Bürgermeister, der Direktor des Gymnasiums.

Das dürfte Vergangenheit sein. 2008 wird als das Jahr in die Geschichte des Bankwesens eingehen, in dem der Berufsstand des Bankers ein Gutteil seines öffentlichen Ansehens verspielte. Als ein Jahr, in dem das einstmals durchaus als seriös angesehene Gewerbe sich endgültig den Ruf einer Zockerbande aneignete; einer Truppe, die mit ihrer Geldgier nicht nur das Vermögen ihrer Kunden aufs Spiel setzte, sondern auch noch die Gefahr einer neuen Weltwirtschaftskrise heraufbeschwor.

Spätestens seit den Schreckenswochen im September und Oktober 2008 sehen viele Bürger in den Herren des Geldes nur noch habgierige Halunken, die den Wohlstand ihrer Mitmenschen verantwortungslos aufs Spiel setzen. Als in den USA eine Investmentbank nach der anderen ins Verderben rutschte, da machte sich neben der Angst um die eigene Zukunft zugleich Schadenfreude breit. Es schien vielen ausgleichende Gerechtigkeit, was den Banken und ihren Vorturnern widerfuhr.

Die pauschale Verurteilung, die der Spezies nun entgegenschlägt, tut all jenen Geldmanagern unrecht, die mit den heißen Spielen gar nichts zu tun haben. Zwei höchst unterschiedliche Kulturen existieren in den Geldhäusern nebeneinander - und vielfach auch gegeneinander. Da sind einmal jene Bankkaufleute, die das traditionelle Geschäft besorgen: Spargelder einwerben und verwalten, Vermögende bei der Geldanlage beraten, Kredite an Privatleute und Unternehmen vergeben, Handelsgeschäfte finanzieren. Commercial Banker heißen diese Leute im Denglisch der Zunft.

Und da sind jene Banker, die für die ganz großen Summen zuständig sind: für die Ausgabe von Aktien oder Anleihen, für die Kreation phantasievoller Wertpapiere, für die Finanzierung von Übernahmen, für die Verwaltung der großen Vermögen. Die nennen sich Investmentbanker.

Letztere sind - wie fast alles in den vergangenen Jahrzehnten, was mit Geldgeschäften zu tun hat - eine Schöpfung der amerikanischen Bankenszene. 1933, nach der Weltwirtschaftskrise, wurden die amerikanischen Banken per Gesetz zerlegt: in jene Geldhäuser, die das traditionelle Geschäft des Commercial Banking abwickeln, und in jene, die als Investmentbanken für die großen Deals zuständig sein sollten. Der Zwang zur Trennung wurde 1999 wieder aufgehoben, aber die beiden Bankentypen existierten fort.

Es waren nicht die Commercial Banker, die für die Finanzmarktkrise des Jahres 2008 verantwortlich zeichnen. Es waren die Investmentbanker, die das Desaster auslösten. Sie haben all die heißen Papiere erfunden, mit denen die zweifelhaften Hypothekenkredite gebündelt und in alle Welt verteilt wurden. Sie haben mit wenig eigenem Kapital immer längere Kredithebel bedient, zum Schluss Schrottanleihen mit einer Relation von 30 zu 1 erworben: 30 Dollar/Euro fremdes Geld, ein Dollar/Euro eigenes.

Eine neue Spezies von Managern wuchs in den Investmentbanken heran, eine Gattung, die sich inzwischen auch in vielen Industrieunternehmen breitgemacht hat. Zeitgenossen, für die nur noch der »Deal«, das Geschäft, zählt und die Menschen, die hinter den Abschlüssen stehen, ohne Belang sind. Die nur noch in Kennziffern denken können. Die ohne Bindung sind zu den Unternehmen, für die sie gerade arbeiten. In ihren dunklen Anzügen und hellweißen Hemden, mit ihrem Jargon, in dem es nur noch um »tools«, »leverage« oder CDOs geht, eine Karikatur ihrer selbst.

Sie, die Bannerträger des angelsächsischen Finanzkapitalismus, verstanden sich zunehmend als die Masters of the Universe, als die Könige, auch in ihren jeweiligen Bankhäusern. Nichts lief mehr ohne sie. In der Deutschen Bank waren es die Londoner Investmentbanker, die im Jahr 2000 einen Zusammenschluss mit der Dresdner Bank erfolgreich torpedierten: Als einige ihrer Vorleute für den Fall einer Fusion mit ihrem Abgang drohten, brach der Vorstand in Frankfurt die Verhandlungen ab.

Das Selbstbewusstsein, das sie vor sich hertrugen, resultierte aus den dicken Geldströmen, für die sie sorgten. Die dürftigen Erträge aus den Provisionsgeschäften, mit denen sich die Kollegen vom Commercial Banking zufriedengeben mussten, konnten den flotten Jungs in London oder an der Wall Street nur ein müdes Lächeln abgewinnen.

Sie fuhren die Milliardengewinne ein, zunehmend auch mit Geschäften, die im Gewerbe »Eigenhandel« heißen. Transaktionen also ohne jeden Kundenauftrag, Spekulation auf eigene Rechnung zur Mehrung des Unternehmensgewinns. In den besten Zeiten waren das vor Steuern Renditen von bis zu 40 Prozent.

Während die alten Kommerzbanker nur über engbegrenzte Vollmachten verfügen, während in diesem Brot-und-Butter-Geschäft unter jedem Vertrag zwei Unterschriften stehen müssen, genießen die Investmentheroen einen nahezu unbegrenzten Aktionsradius. Bestes Beispiel ist Jérôme Kerviel, jener junge Börsenhändler der französischen Société Générale, der das Bankhaus mit seinen Spielchen satte fünf Milliarden Euro kostete.

Der 31-Jährige jonglierte mit zweistelligen Milliardenbeträgen, ohne dass einer seiner Vorgesetzten mal genauer hinguckte. Hauptsache, er machte gutes Geld, was er lange Zeit auch tat. Bankinterne Nachforschungen ergaben hinterher, dass Kerviels Supervisoren insgesamt 75 warnende Hinweise übersehen oder nicht ernst genommen hatten. Warum auch, der Mann verdiente ja prächtig für die Bank, im Jahr 2007 waren es phantastische 1,5 Milliarden Euro. Schon in seinem ersten Jahr in der Abteilung hatte er mit einer Wette auf Allianz-Aktien deftige 500000 Euro eingefahren.

Mitarbeiter wie Kerviel waren die Hoffnungsträger des Bankmanagements. Die Société Générale hatte in den vergangenen Jahren einen grandiosen Höhenflug erlebt, aus der einstigen Staatsbank war eines der weltweit profitabelsten Geldhäuser geworden. Das gelang nicht zuletzt dadurch, dass die Bank ihr Investmentbanking massiv ausbaute. 2006 sorgten die Händler aus diesem Bereich für fast die Hälfte der Gewinne.

Nicht nur die Banken profitierten von den wilden Geschäften. Auch die Geldjongleure gehörten zu den großen Gewinnern. Um ihnen genügend Anreize zu bieten und sie an das Unternehmen zu binden, lassen ihnen die Banken abenteuerliche Honorare, wie sie zuvor noch nie angestellte Mitarbeiter irgendwo verdient haben. Anshu Jain, »Head of Global Markets« bei der Deutschen Bank, soll Branchengerüchten zufolge zeitweise um die 30 Millionen Euro im Jahr eingestrichen haben; etwa das Doppelte dessen, was seinem Chef Josef Ackermann überwiesen wird.

Anshu Jain sitzt nicht im Vorstand der Deutschen Bank, sondern ist Mitglied des unter dem Top-Gremium angesiedelten »Group Executive Committee«. Diese Trennung der obersten Führungsebene (aktienrechtlich höchst fragwürdig) habe Ackermann erfunden, so heißt es, um Jains Bezüge nicht öffentlich machen zu müssen, wie es nach deutschem Recht und dem Corporate Governance Kodex erforderlich wäre.

Was die horrenden Bezüge der Investmentbanker besonders ärgerlich macht: Sie werden quasi ohne jeden materiellen Einsatz kassiert. Der Kapitalismus belohnt normalerweise jene großzügig, die mit ihrem Kapital ins Risiko gehen und Erfolg haben. Die Investmentbanker aber riskieren keinen müden Cent an eigenem Geld. Sie dealen und spielen mit fremden Vermögenswerten - und lassen sich mit Provisionen, Boni oder Tantiemen auf geradezu unanständige Weise belohnen.

Beispielhaft der Fall des ehemaligen IKB-Chefs Stefan Ortseifen. Der hatte schon als Vorstand das unmäßige Engagement in verbrieften Hypothekenanleihen zu vertreten. Da er so wunderbare Erträge einspielte, führte kein Weg an ihm vorbei, als ein neuer Vorstandschef zu berufen war. Dann, als Milliarden verspielt waren, wurde Ortseifen entlassen - und kassierte dennoch für das Geschäftsjahr 2006 seinen Millionenbonus. Inzwischen fordert die IKB per Klage einen Großteil des Geldes zurück, mit der Begründung, die Bilanz sei nachträglich geändert worden.

Die Ruhestandsbezüge, die Ortseifen mit Erreichen des Pensionsalters überwiesen werden, wären ihm übrigens auch sicher gewesen, wenn die IKB in den Konkurs geschickt und nicht mit öffentlichem Geld gerettet worden wäre. Ortseifen hatte die Pensionskasse der Bank rechtzeitig ausgegliedert und in eine eigene Firma eingebracht.

Die üppige und fast gänzlich risikofreie Entlohnung der Investmentgarde schlägt natürlich durch auf den Unternehmensgewinn. In einem Antrag für die Hauptversammlung der Deutschen Bank schlug der Unternehmenskritiker Ekkehard Wenger, Betriebswirtschaftsprofessor in Würzburg, daher vor, das Investmentbanking-Geschäft abzuspalten, um die Rendite des Frankfurter Geldhauses zu verbessern. Begründung: »Investmentbanken unterscheiden sich von Fußballvereinen nur unwesentlich. Letzten Endes wird alles an die Spieler verteilt, und für den Verein bleibt nichts.« Der Antrag wurde erwartungsgemäß abgelehnt.

Richtig ist jedenfalls, dass das Investmentbanking Geldhäuser wie die Deutsche Bank nicht vorangebracht hat. Im Jahr 2002, als Josef Ackermann antrat und das Frankfurter Institut zielstrebig zur Investmentbank umbaute, rangierte die Bank auf Platz 15 in der Rangliste der größten Banken weltweit. Heute liegt sie auf Platz 17, zeitweise war sie auf Platz 29 abgesunken.

Kritiker wie der Betriebswirtschaftler Wenger werden fraglos in den Banken Beifall von jenen bekommen, die nicht an den lange Zeit gutgefüllten Fleischtöpfen sitzen. Seit Jahren müssen viele aus dem Fußvolk der Banken darunter leiden, dass die Geldhäuser ein Kostensenkungsprogramm nach dem anderen durchziehen - vor allem die deutschen Institute, die in beinhartem Wettbewerb mit den Sparkassen stehen und in ihrer Ertragskraft international weit zurückgefallen sind.

Mit wachsendem Groll haben viele Mitarbeiter aus den traditionellen Geschäftsbanken-Bereichen es hinnehmen müssen, dass ihre Gehälter stagnierten, während die Bezüge der ungeliebten Kollegen vom Investmentbanking in immer luftigere Höhen kletterten.

Werden sich nun also, nachdem das Investmentbanking so viele Geldhäuser in Not gebracht oder vernichtet hat, die Gewichte endlich mal wieder zugunsten der Commercial Banker verschieben? Wird das biedere Geschäft mit den Privatkunden und den unspektakulären Firmenkrediten wieder zu Ehren kommen?

Einerseits: Mit dem Crash ist die Spezies der Investmentbanker auf Jahre hinaus in Verruf geraten; nicht nur in der Gesellschaft, auch in den Bankhäusern. Die Commercial Banker tanken aus der Finanzkrise neues Selbstbewusstsein; manch einer kann die Schadenfreude gegenüber den arroganten Kollegen kaum verbergen. Investmentbanken des alten Typus wird es nicht mehr geben. Die Akteure selbst werden durch interne wie externe Regeln und Kontrollen zukünftig in ihren Freiheiten eingeschränkt. Regierungen wie Bankvorstände werden aus dem Desaster, das die Welt an den Rand einer ökonomischen Katastrophe geführt hat, Lehren ziehen.

Andererseits: Tot ist das Investmentbanking damit nicht. Die globalisierte Wirtschaft, die mit immer größeren Summen hantiert, wird auch zukünftig auf das Wissen und das Geschick dieser Profis angewiesen sein, fortan unter dem Dach von Universalbanken agierend. Und im Übrigen: Die Margen, die das Gewerbe an sonnigen Tagen verdient, werden auch in Zukunft noch viel zu verlockend sein, als dass die Bankvorstände auf diese Geschäfte gänzlich verzichten würden.

WOLFGANG KADEN, 68, war bis 2003 Chefredakteur des »manager magazins«. 2002 wurde er mit dem Ludwig-Erhard-Preis für Wirtschaftspublizistik ausgezeichnet.

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