FRANKREICH Köpfe im Korh
Ein Chefredakteur des französischen Fernsehens, ein Giscard zugeneigter Kommentator zudem, betrat ein bürgerliches Restaurant in Paris. Einige der Gäste unterbrachen ihr Abendessen und buhten -- der Fernsehmann verließ die Gaststätte.
Auf einem Fest der linken Zeitung »Liberation« im Pariser Tanz-»Palace« versuchten mehrere Gäste, den Nachrichten-Direktor des TV-Senders »Antenne 2«, Jean-Pierre Elkabbach, zu verprügeln. »Liberation«-Redakteure mußten den TV-Journalisten beschützen.
»Gewisse Journalisten des Fernsehens und Rundfunks kann die Öffentlichkeit einfach nicht mehr ertragen«, erklärte der sozialistische Innenminister Gaston Defferre, der nach gewonnener Wahlschlacht Elkabbach annahm: »Ihr Mangel an Objektivität ist jetzt noch schockierender als zu Zeiten Giscards.«
»Die Verantwortlichen beharren darauf«, glaubte Mitterrands Kommunikationsminister Georges Fillioud, selbst ehemals Rundfunk-Journalist, »sich weiterhin als politische Gegner der neugewählten Mehrheit zu verhalten.« Auch der neue Staatschef ist erbost: Als eine Rede, die er kurz vor den Parlamentswahlen gehalten hatte, nach seiner Meinung nicht ausführlich genug gewürdigt worden war, zürnte Mitterrand: »Unter Giscard wäre das anders gelaufen.«
Unter Giscard wurden die Reden den Fernsehbossen beizeiten angekündigt, die daraufhin Kamerateams und Übertragungswagen bereitstellten. Unter Giscard wurde das reguläre Programm unterbrochen, als der Parlamentspräsident Chaban-Delmas verkündete, er werde für den Staatschef stimmen. Unter Giscard wurden TV-Redakteure versetzt, als sie aus dem »Canard enchaine« Berichte über die Diamanten-Affäre des Staatschefs zitierten.
Eine direkte Leitung verband die Fernsehstudios mit dem Elysee, erst unter den Sozialisten wurde jetzt die Direktnummer »61« unterbrochen. Giscard trat derart oft im Fernsehen auf, daß man »das Gefühl haben kann«, so Francois Mitterrand einmal, »er ißt und schläft im Fernsehstudio«.
Nach dem Wahlsieg der Linken wußten die Giscard-Anhänger in den Anstalten: Der Tag der Abrechnung steht bevor. Der »Express« fühlte sich an die Tage der Französischen Revolution erinnert, als die Königstreuen zur Guillotine transportiert wurden: »Man hört die 'Karren' über das Kopfsteinpflaster rollen und wartet darauf, daß die 'Köpfe' in den Korb fallen.«
»Ich habe mir nichts vorzuwerfen«, antwortete Michel Bassi, einer der Vertrauten Giscards, auf die Frage, warum er nicht sein Amt als Generaldirektor des von Frankreichs Staatsfirma Sofirad kontrollierten Privatsenders »Radio Monte Carlo« aufgebe. »Wenn man mit mir nicht zufrieden ist, soll man mir doch kündigen.« Seit Anfang des Monats ist Bassi arbeitslos.
»Freiwillig werde ich nicht zurücktreten«, erklärte auch Jean-Pierre Elkabbach, der nach den Mai-Unruhen des Jahres 1968 zunächst nach Toulouse und später nach Bonn zwangsversetzt worden war, weil er sich für eine Demokratisierung der Fernseh- und Rundfunkanstalten eingesetzt hatte. Wie Bassi wurde nun auch Elkabbach von seinem Amt entbunden.
Unabhängig vom Schicksal der Einzelpersonen soll nun ein von der Regierung berufener Ausschuß darüber nachdenken, wie Rundfunk und Fernsehen dem direkten Zugriff der Machthaber entzogen werden können.
Schon fordern Redaktionsausschüsse größere Mitspracherechte bei der Auswahl ihrer Chefs und der Gestaltung der Programme. »Es geht darum, die Strukturen zu demokratisieren«, schrieb der Chefredakteur der kommunistischen »Humanite«, Rene Andrieu, der sich bei Giscard mehrfach -- erfolglos -- darüber beklagt hatte, daß beim Fernsehen keine kommunistischen Journalisten angestellt würden; zugleich aber warnte er: »Wir müssen achtgeben, daß eine Tyrannei nicht durch eine andere ersetzt wird.«
Denn solange die von Giscard so meisterhaft genutzten Strukturen noch bestehen, fällt es offenbar auch den Sozialisten schwer, der Versuchung zum Mißbrauch zu widerstehen: Der Generalsekretär des Elysee beispielsweise, Pierre Beregovoy, beschwerte sich beim »TF 1«-Nachrichtendirektor Jean-Marie Cavada »im Namen des Präsidenten« über eine Reportage von der Luftfahrtausstellung in Le Bourget.
Darin war erklärt worden, offensive Waffen im Ausstellungsgelände seien vor dem Besuch des Staatschefs auf »ausdrücklichen Wunsch des Elysee entfernt worden«. Beregovoy: »Diese Art von Detail muß nicht herausgestrichen werden.«
In einem Interview fragte »Le Monde« den neuen Kommunikationsminister: »Fängt es schon wieder an?« Georges Fillioud wiederholte dreimal hintereinander: »Nein, es fängt nicht wieder an.« Auch die sozialistische Gewerkschaft CFDT warnte die Sozialisten davor, »die gleiche Politik zu betreiben wie das vorherige Regime«.
Das ist vielleicht gar nicht nötig. Denn der Ton im Fernsehen, so Fillioud, »hat sich geändert, allerdings nicht im gewünschten Sinne«. Denn: »Es geht nicht darum, daß die, die sich uns gegenüber verwerflich verhalten haben, sich nun gegenüber der neuen Opposition genauso verhalten.«
Tatsächlich werden Sozialisten in Interviews nun ausgesprochen höflich befragt, und unter Giscard verbannte Journalisten werden just von jenen wieder eingestellt, durch die sie einst vertrieben worden waren.
»Ich wußte«, so Premier Pierre Mauroy über die Verantwortlichen bei Fernsehen und Rundfunk, »daß sie zu Mitterrandisten werden, aber ich habe nicht geglaubt, daß das so schnell geht.«