Koffer oder Sarg - DER SPIEGEL
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KORSIKA Koffer oder Sarg

Separatistische Terroristen bedrohen alle Nicht-Korsen. 1982 begingen sie über 800 Attentate. Jetzt soll ein »superflic« aus Paris den Terror stoppen.
• aus DER SPIEGEL 4/1983
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Das alte Jahr endete für Jean-Paul Lafay ungemütlich. In seiner Praxis in der korsischen Stadt Corte erschien ein bewaffneter Kapuzenmann. Als der Tierarzt ihm die Maske vom Gesicht reißen wollte, schoß der Unbekannte. Lafay begann das neue Jahr im Krankenhaus.

Das Attentat von Corte war das letzte in einer Rekordserie von 805 Anschlägen, die Bombenleger im Jahre 1982 auf der Insel verübten. 1978 hatten sie es erst auf 294 Attentate gebracht, 1973 sogar nur auf 40.

Die Regierung im fernen Paris wachte allerdings erst nach dem Mordversuch an Lafay auf. Sie beorderte einen »superflic« nach Korsika: den erfolgreichen Gangsterjäger Robert Broussard, der sich zuletzt im Vorzimmer des (korsischen) Staatssekretärs für Sicherheitsfragen, Joseph Franceschi, darum bemühte, Frankreich von Terroristen sauber zu halten. Jetzt soll Broussard Korsika vom korsischen Terror befreien - doch das ist schwierig.

Die Insel, der Frankreich den großen Napoleon verdankt, blickt auf eine ausgeprägte Bomber-Tradition zurück, gegen die bisher nichts half. Schon Anfang der 60er Jahre detonierten die ersten Sprengsätze. Viele Korsen sahen darin ein legitimes Mittel, auf ihre Unzufriedenheit aufmerksam zu machen.

In der Tat war die wirtschaftliche Lage auf Korsika immer schlechter als auf dem Kontinent: höhere Arbeitslosigkeit, kaum Industrie, Wegzug der Jugendlichen, miserable Verkehrsbedingungen zum Festland. Dazu kam die Weigerung der zentralistischen Regierung in Paris, die kulturellen Eigenheiten der Korsen - vor allem ihre Sprache - zu tolerieren.

Ein Weinskandal brachte 1975 das angesammelte Pulver zur Explosion. Der Arzt Edmond Simeoni, Wortführer der Autonomisten, stürmte am frühen Morgen des 21. August mit einer Handvoll bewaffneter Männer ein Weingut bei der Ortschaft Aleria. Tags darauf rückten über 1000 Gendarmen auf das Anwesen. Die Besatzer antworteten mit Gewehrsalven auf Tränengasgranaten, zwei Polizisten wurden getötet. Eine Woche später fiel in der Hafenstadt Bastia ein dritter Polizist der Revolte zum Opfer.

Während Simeoni in einem Pariser Gefängnis saß, versuchte die Regierung mit hohen Wirtschaftssubventionen, das »korsische Volk« zu besänftigen. Von Autonomie aber wollte sie nichts wissen. Die Zentralisten aller Parteien fürchteten um die nationale Einheit, wenn das Aufbegehren der Korsen mit Selbstbestimmungsrechten honoriert würde.

Die Korsen bombten weiter. Während die Autonomisten des Doktor Simeoni behutsam von Gewalttaten abrückten, übernahmen Separatisten der Geheimorganisation FLNC (Front de liberation nationale de la Corse) den Kampf mit Dynamit. Ihre Devise: »Freiheit oder Tod«. Ihr Ziel: die völlige Loslösung der Insel von Frankreich.

Nach ihrem Wahlsieg im Frühjahr 1981 erließ die Linke eine Generalamnestie für alle inhaftierten korsischen Attentäter. Monatelang blieben Gewalttaten aus, und die Regierung entschloß sich zu einem Schritt, der vielen Pariser Zentralisten als Ketzerei gegolten hatte: Korsika bekam ein Autonomiestatut, das ihm vor allen anderen französischen Regionen Sonderrechte einräumte. Im August vorigen Jahres wurden erstmals 61 Abgeordnete in die neue »Assemblee regionale« gewählt.

Doch seither ist die Bomberei wieder in vollem Gange. An den Häuserwänden, von Bastia im Norden bis Bonifacio im Süden, ist wieder zu lesen: »I Francesi fora]«, Franzosen raus] Zugereiste Franzosen erhalten Drohbriefe mit der Aufforderung, sich für »Koffer oder Sarg« zu entscheiden.

Von »Franzosen, die von der Kolonialisierung profitieren, und Korsen, die gutgehende Geschäfte betreiben« (so die Definition der FLNC), verlangen die Revoluzzer jetzt gar eine Art Revolutionssteuer. Wer nicht zahlt (wie der Tierarzt Lafay), wird ausgebombt oder niedergeschossen.

Die inzwischen amtlich verbotene FLNC wurde gerade nach den Regionalwahlen S.124 im Sommer aktiv, weil sie erst gar nicht versucht hatte, ihre Leute in das neue Gremium zu bringen. Das Wahlergebnis zeigte auch, daß die Korsen zwar zuerst Korsen, aber dann immer noch Franzosen sind.

Die Separatisten isolierten sich noch stärker, weil die Autonomisten das neue Statut respektieren und loyal die parlamentarischen Spielregeln einhalten. Ihr Sprecher Simeoni, einer der eifrigsten Widersacher der Pariser Zentralisten: »Die korsische Sache wird endlich ernst genommen.«

Auf etwa 200 Mann wird die aktive Truppe der Separatisten geschätzt. Doch obwohl sie neuerdings wieder fast jede Nacht zuschlagen, wurden bisher lediglich zwei FLNC-Leute festgenommen - Paris löste daraufhin die Chefs von Polizei, Gendarmerie und Nachrichtendienst ab.

Des Rätsels Lösung: Nichts steht auf Korsika höher im Kurs als Solidarität unter Korsen, auch wenn sie Bombenleger sind. Als vor einigen Jahren zeitweilig über 50 Attentäter im Gefängnis saßen, galten sie als Märtyrer. Korsen aller politischen Lager forderten die »Befreiung der inhaftierten Patrioten«.

Paul Cousseran, bis vor kurzem Präfekt von Korsika und jetzt Polizeichef in Paris, erklärt das Phänomen so: »Die Separatisten stellen keinen bestimmten Prozentsatz der Bevölkerung dar, sondern einen Teil jedes Korsen. Für ein paar Minuten am Tag ist jeder Korse Separatist.« In solchen Momenten steht dem »echten« Korsen der bombenlegende Nachbar näher als der Lehrer, der vom Kontinent kommt und dem gerade das Häuschen gesprengt wurde.

Zudem geht die Angst um. Jeder, der es wagen würde, einen »Patrioten« zu verraten, müßte um sein Leben bangen. Die »Omerta«, das Gesetz des Schweigens, regiert auf der Insel.

Das Spiel der heimischen Politiker ist undurchsichtig. Jeder, der auf sich hält, hat in den letzten Wochen mit Blick auf Paris staatserhaltende Erklärungen abgegeben. Doch in ihren Hochburgen, den Fischernestern und Bergdörfern, reden die Lokalmatadoren anders. Dort geht es ihnen darum, ihre Klientel bei der Stange zu halten.

Mächtige Clan-Chefs versuchen, den Wähler durch persönliche Dienste an sich zu binden - von der bevorzugten Baugenehmigung über die begehrte Invalidenrente bis zum Arbeitsplatz für den Sohn. Nach wie vor bestimmt ein halbes Dutzend solcher inzwischen ergrauter Clan-Chefs das politische Leben auf der Insel.

Daß es der linken Regierung in Paris jetzt doch zu bunt geworden ist, hängt kaum mit dem von der Opposition verbreiteten Gerücht zusammen, Libyens Oberst Gaddafi sei der Waffenlieferant für die FLNC. Paris geht es um die Glaubwürdigkeit seiner Dezentralisierungspolitik.

Scheitert das Modell der regionalen Autonomie auf Korsika, wird es für andere Regionen unbrauchbar. Statt dessen bekämen in Paris die orthodoxen Jakobiner, die stur am Zentralismus festhalten, wieder Auftrieb.

»Heute weiß die Polizei, wo die Leute von der FLNC sitzen«, behauptete der Oppositionspolitiker Francois Leotard. Bisher aber wagte es die Polizei nicht, auf Korsika zuzuschlagen. Paris könnte sich gezwungen sehen, weitere Ordnungskräfte auf die Insel zu schicken.

Flics vom Kontinent aber sind das letzte, was sich die Korsen auf Dauer für ihre Insel wünschen.

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