Kommando Kartoffel - DER SPIEGEL
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Osthandel Kommando Kartoffel

In Hamburg drohen mehrere zehntausend Tonnen Kartoffeln zu vergammeln, die für die notleidende Sowjetunion bestimmt sind - die Rote Armee soll helfen.
• aus DER SPIEGEL 45/1990
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

An Schuppen 55 im Hamburger Hafen wird geschuftet wie vor 100 Jahren. Eine Handvoll Männer verladen Kartoffeln: Sack für Sack wuchten sie die Knollen aus Güterwaggons in große Netze, die per Kran in den Bauch des sowjetischen Frachters »Nowodruschesk« befördert werden.

Ähnlich mühsam geht es auch auf anderen Hamburger Kais zu. Insgesamt sechs Schiffe mit Zielort Leningrad werden derzeit in der Hansestadt mit Kartoffeln aus der ehemaligen DDR beladen. Doch überall fehlen Arbeiter, weil sich kaum einer mehr für einen Hunderter pro Acht-Stunden-Schicht den Rücken verbiegen will. Statt der benötigten 1000 Mann malochten vergangene Woche höchstens 300 als Säckeschlepper.

Die Folge: Mehr als die Hälfte der 105 000 Tonnen Erdäpfel - genug, um beispielsweise die Neun-Millionen-Stadt Moskau gut einen Monat lang zu versorgen - kann voraussichtlich nicht verladen werden. Während in der Sowjetunion die Geschäfte leer sind und Michail Gorbatschows Perestroika an der Lebensmittel-Knappheit zu scheitern droht, gammeln die dringend benötigten Güter in einem der weltweit modernsten Häfen vor sich hin.

Nun soll sogar die Rote Armee Hand anlegen. Rund 100 Sowjetsoldaten, die bei Schwerin stationiert sind, werden nach Plänen der Hamburger Gesamthafen-Betriebsgesellschaft diese Woche mit Bussen zu den Kartoffel-Schuppen pendeln, um so viel Nahrung wie möglich in die notleidende Heimat zu schaffen. Zusätzliche Unterstützung von 30 Mann pro Schicht offeriert die Deutsche Lada Automobil GmbH, ein Ableger des sowjetischen Staatsbetriebs.

Damit auch beim Sonderkommando Kartoffel alles seine Ordnung hat, bekommen die Rotarmisten eine befristete Arbeitserlaubnis. Antreten dürfen sie nur in Zivil, um diplomatischen Verwicklungen beim Auftauchen des roten Sterns auf westlichem Nato-Gebiet vorzubeugen.

Vorbild für den Arbeitseinsatz ist die brüderliche Hilfe, die Sowjettruppen schon seit Jahren in den Ostsee-Häfen Rostock, Wismar und Stralsund bei Transporten in ihre Heimat leisten. Auch beim Großteil der Kartoffel-Lieferung, der dort zur Zeit verladen wird, muß die Rote Armee anpacken.

Ähnlich sieht es in der Sowjetunion selbst aus, wo sich in diesem Winter eine Kartoffelkatastrophe anbahnt (SPIEGEL 42/1990). Weil das Grundnahrungsmittel massenhaft auf den Feldern zu verfaulen drohte, mußten zum Beispiel rund 60 000 Moskauer neben abkommandierten Soldaten dafür sorgen, daß wenigstens ein Teil der Ernte eingebracht werden konnte.

Die Hilfe der Rotarmisten in Hamburg kommt allerdings reichlich spät: Freitag dieser Woche ist letzter Tag zum Einladen, dann müssen die Schiffe ablegen. Andernfalls, so der Abnehmer Sojusplodoimport in Moskau, reicht die Lieferung in die russische Frostperiode hinein - die Ware könnte beim Umladen verderben.

Die Chance, alle Kartoffeln fristgerecht auf den Weg zu bringen, ist in Bonn vertan worden. Bereits vorletzte Woche hatte die Stadt Hamburg sich ans Verteidigungsministerium gewandt mit der Bitte, Bundeswehrsoldaten als Hilfskräfte zu schicken. Die Hardthöhe lehnte ab: Ein solcher Einsatz, hieß es zur Begründung, sei nur »im Rahmen humanitärer Hilfe« möglich. Das Auswärtige Amt beschied, dieser Fall liege nicht vor, kommerzielles Interesse überwiege.

Die Verantwortlichen in Hamburg empfinden die Absage als Affront. Sie sorgen sich vor allem um das mühsam aufpolierte Image der Hansestadt, die sich nach Jahren wirtschaftlicher Schwäche nun mit ersten Erfolgen als Drehscheibe des Ost-West-Handels präsentiert. Patrioten wie Günter Elste, SPD-Fraktionschef im Landesparlament, kritisieren den Imageverlust durch die Kartoffelaffäre als »sagenhafte Peinlichkeit«.

Elste forderte gar den von seinem Parteifreund Henning Voscherau geführten Senat auf, den Hafen zum Notstandsgebiet zu erklären. Dann nämlich könnte auf dem Wege der Amtshilfe auch die Bundeswehr zum Kartoffelwuchten antreten.

Die Posse um die ehemals volkseigenen Gewächse haben womöglich alte SED-Genossen inszeniert. Als Lieferant der Ost-Knollen firmiert die Agro-Consulting GmbH mit Sitz Unter den Linden in Berlin, die von Kennern als Ableger des alten DDR-Wirtschaftsministeriums eingestuft wird.

Zur Verwunderung einiger Geschäftspartner hat die Agro-Consulting eine Firma mit einschlägiger Vergangenheit in den Handel eingeschaltet: die in Hamburg ansässige Spedition Richard Ihle.

Das Unternehmen, das jahrelang einen Großteil des DDR-Handels mit der offiziell geächteten Republik Südafrika abwickelte, gehörte zum Firmen-Imperium des Stasi-Obristen und Devisenbeschaffers Alexander Schalck-Golodkowski. Der frühere Ihle-Manager Uwe Harms, der sich angeblich gegen dubiose Geschäfte sperrte, wurde 1987, wenige Wochen nach einer Unterredung in Ost-Berlin, ermordet in der Wohnung eines Strichers aufgefunden.

Die neu gegründete Agro-Consulting will allerdings von alten Zeiten nichts wissen. Prokurist Ronald Emmrich: »Wir sind eine ganz normale Firma.« o

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