Komplott im Harem - DER SPIEGEL
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MITTLERER OSTEN / SCHAUPROZESS Komplott im Harem

• aus DER SPIEGEL 27/1958
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Auf lebenslängliche Zwangsarbeit lautete das Doppelurteil, das unlängst von einem Militärgericht der Vereinigten Arabischen Republik Nassers im syrischen Damaskus verkündet wurde. Die beiden Angeklagten - Verwandte König Sauds von Saudiarabien - waren in Abwesenheit für schuldig befunden worden, sich an einem Komplott zur Ermordung Präsident Gamal Abd el-Nassers beteiligt zu haben.

Die Urteilsbegründung der Militärrichter nahm sich freilich aus wie eine Schauerballade. Gedungene Schergen, so hieß es, hätten den Präsidenten Anfang März bei seinem Antrittsbesuch im syrischen Gliedstaat der neugegründeten Einheitsrepublik überwältigen, ihn ins nächstbeste Flugzeug verfrachten und die Piloten zum Start zwingen sollen. Anschließend sollte die Maschine angeblich von einem syrischen Jagdflieger abgeschossen werden.

Als Finanzier und Drahtzieher der Verschwörung war in der Anklageschrift kein Geringerer als König Saud genannt worden. Er habe den Plan des Attentats »mit Wissen und Einverständnis« der Vereinigten Staaten ausgeheckt, und in seinem Auftrag hätten die beiden Angeklagten - das Brüderpaar Assad Ibrahim und Madsched Ibrahim - als V-Leute fungiert. Bruder Assad ist dem König Saud als Vater seiner Lieblingsfrau, der 23jährigen Om Khaled, besonders eng verbunden.

Das Urteil von Damaskus war der vorläufig letzte Akt eines Schaustücks, das von dem machtlüsternen Führer der neuen Einheitsrepublik sorgsam in Szene gesetzt worden war und das man einige Wochen lang für seinen erfolgreichsten Coup seit dem Handstreich auf den Suez-Kanal gehalten hatte. Allerdings lassen der Propagandarummel, der den Prozeß begleitete, und die jüngste Pressekampagne gegen König Saud vermuten, daß Nasser mit dem Effekt seiner Moritat unzufrieden ist: Er hat es nicht zuwege gebracht, wie er zunächst glaubte, seinen mächtigsten Gegner in der arabischen Welt politisch auszuschalten und damit auf dem Weg zu dem erträumten großarabischen Reich ein Stück voranzukommen.

Daß er König Saud künftig zu seinen Feinden zählen müsse, hatte sich Nasser spätestens nach der Vereinigung Syriens mit Ägypten im vergangenen Frühjahr sagen müssen. Damals erhielt er, wie die Londoner »Times« meldete, »Berichte über den Besuch der Außenminister vom Irak und von Jordanien bei König Saud, die ihn (Nasser) überzeugten, daß sich König Saud trotz seiner Neutralitätsbeteuerungen für eine gegen die Vereinigte Arabische Republik gerichtete Föderation mit dem Irak und Jordanien bereits entschieden hatte«.

Andere Berichte aus der Saud-Hauptstadt Riad besagten, der König erstrebe überdies ein Schutzbündnis aller Ölscheichs der arabischen Halbinsel gegen Nasser.

Eine Allianz der arabischen Fürsten, gestützt auf die Weltmacht Öl und das Wohlwollen Amerikas, würde aber - darüber gab es in Kairo keinen Zweifel - die Nasserschen Habenichts-Republiken in schwere Bedrängnis bringen.

Das war die Situation, in der Nasser Ende Februar zu seinem Staatsbesuch nach Syrien aufbrach. Zehn Tage nach seiner Ankunft in Damaskus rückte er dann vor einer johlenden Volksmenge mit einer Story heraus, die gerade ungeheuerlich genug war, um geglaubt zu werden.

Drei Bankschecks über insgesamt 1,9 Millionen Pfund Sterling, so behauptete er, seien in Sauds Hauptstadt Riad ausgestellt worden, um eine Verschwörung gegen die Vereinigte Arabische Republik zu finanzieren. »Sie dachten, sie könnten den Obersten Sarradsch kaufen, damit er seine Landsleute verrät. Aber er hat es uns gesagt ...«

Nasser enthüllte gerade soviel, wie er brauchte, um die Neugier seiner Zuhörer zu reizen. Denn der Oberst Sarradsch war kein Unbekannter - als ehemaliger Chef des geheimen Nachrichtendienstes der syrischen Armee gilt er, wie sich der »Manchester Guardian« ausdrückte, als der »sinistre Schatten im Zwielicht von Damaskus«.

Tags darauf gab Oberst Sarradsch dann in einer Pressekonferenz Einzelheiten der Geschichte zum besten: Der Schwiegervater König Sauds sei zu ihm gekommen und habe ihm erzählt, Saud habe »seinem sterbenden Vater 1953 einen Blutseid leisten müssen, daß er die Vereinigung von Syrien und Ägypten niemals zulassen werde«; er, Sarradsch, habe den Attentatsauftrag zum Schein angenommen und um eine höhere Bestechungssumme gefeilscht; daraufhin habe er die Schecks, »zahlbar an Überbringer«, als Vorschuß erhalten. Weitere 20 Millionen Pfund sollten ihm nach vollbrachter Tat ausbezahlt werden.

Zum Beweis für seine Behauptung ließ Sarradsch vor den Journalisten ein Tonband von seinen Unterhaltungen mit dem Saud-Schwiegervater ablaufen, den allerdings keiner der Zuhörer gut genug kannte, um die Tonband-Stimme beurteilen zu können. Pikante Details tischte die ägyptisch-syrische Presse als Nachspeise auf: König Saud habe entgegen seiner Gewohnheit wochenlang die Nächte bei seiner jungen Frau Om Khaled verbracht, der Tochter des Verschwörers Assad Ibrahim.

Auf die Komplott-Story Nassers fiel fast der gesamte Nahe Osten herein. Selbst für »die erfahrenen Libanesen«, so berichtete der »Manchester Guardian«, »trägt die Story von dem Komplott Sauds gegen die Ägypter den Stempel der Wahrheit«.

Auch im Reiche Sauds waren es nicht nur die Anhänger der groß-arabischen Idee, die den Worten Nassers glaubten: Die raffiniert ausgeschmückte Mär appellierte an die Ressentiments des Volkes gegen den Reichtum, die Verschwendungssucht, die luxuriöse Vielweiberei und die Vetternwirtschaft des Wüstenherrschers.

Wie sehr Nasser mit seiner dreisten Spekulation auf Sauds Schwäche Recht latte, bewies die Reaktion. Statt eines scharfen Protestes oder ultimativer Drohungen kam aus Sauds Hauptstadt Riad nur ein lahmes Dementi: »Es ist nichts von einem Komplott bekannt ... König Saud hat jedoch eine Untersuchung angeordnet.« Die Unzufriedenheit mit der Regierung Saud wuchs nun auch bei Hofe in wenigen Tagen derart, daß Saud es für zweckmäßig hielt, seinen Bruder Emir Faisal von einer Auslandsreise herbeizurufen und ihm die Regierungsgeschäfte zu übergeben.

Kronprinz Faisal allerdings schlug nun nicht, wie man am Nil gehofft hatte, einen neuen, nasserfreundlichen Kurs ein. Er beschränkte sich vielmehr auf ein paar allgemein gehaltene Loyalitätsbeteuerungen und versicherte im übrigen bei jeder Gelegenheit, daß er König Saud die Treue halten werde. In Kairo ist daher die Befürchtung gewachsen, König Saud könnte eines Tages wieder die Führung der Staatsgeschäfte übernehmen und die für Nasser so gefährliche Allianz aller Ölscheichs erneut betreiben.

Kronprinz Faisal

22 Millionen Pfund ...

König Saud

... für Nassers Ermordung?

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