AFGHANISTAN Komplott oder Abrechnung?
Planten die 350 vorige Woche von der Kabuler Polizei Verhafteten wirklich den Sturz der Interimsregierung Karzai? Zweifel an der offiziellen Version scheinen angebracht. Fest steht: Die meisten Festgenommenen gehören tatsächlich zur fundamentalistischen Afghanen-Miliz Hisb-i-Islami, die vom früheren Ministerpräsidenten und Ur-Mudschahid Gulbuddin Hekmatjar, 53, angeführt wird. Der wegen seiner Rücksichtslosigkeit gefürchtete Paschtune hatte aus dem iranischen Exil zum Widerstand gegen das Kabuler »Marionettenregime« und gegen die Amerikaner aufgerufen - Washington brauche Afghanistan als »zweites, zentralasiatisches Israel«, so Hekmatjar zum SPIEGEL. Auch soll sich der Ex-Premier laut Hisb-i-Islami-Führung wieder in Afghanistan aufhalten, nachdem Iran ihn zur unerwünschten Person erklärte. Andererseits gab es in letzter Zeit zahlreiche Kontakte zwischen der »größten Partei Afghanistans« (Hekmatjar) und der Kabuler Administration. Die Hisb-i-Islami schickte Delegationen zu Gesprächen, Hekmatjars Schwiegersohn traf sich mit dem (paschtunischen) Premier Karzai - man unterstütze den Friedensprozess, verkündete ein Sprecher im pakistanischen Peschawar. Auch die jetzt Verhafteten sollen in Kabul gewesen sein, um über Aussöhnung zu verhandeln. Hinter der »Verschwörung« könnte so ein Komplott von Politikern der Nordallianz stecken, die ihren Erzfeind Hekmatjar endlich ausschalten und den Paschtunen-Block in der bevorstehenden Großen Ratsversammlung Loya Jirga schwächen wollen. Sämtliche Sicherheitsdienste sind inzwischen in der Hand der Nordallianz.