KONZEPTIONEN - DER SPIEGEL
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Georg Wolff KONZEPTIONEN

• aus DER SPIEGEL 52/1962
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Im Hintergrund der SPIEGEL-Affäre rumort - inzwischen deutlich erkennbar geworden - eine strategische Kontroverse. Kurz gesagt geht es darum, ob die Bundeswehr atomar oder konventionell bewaffnet werden soll. Strauß war und ist für eine atomare Bewaffnung. Ein großer Teil des deutschen Offizierskorps, Insbesondere Generäle des Heeres, möchte dagegen den Akzent der Bundeswehr-Rüstung auf konventionelle Waffen legen.

Wie strittig diese Alternative ist, hat der SPIEGEL letztmalig in der Strauß -Titelgeschichte in der Nummer vom 28. November 1962 dargestellt. Darin wurden Äußerungen von General Heusinger, dem jetzigen deutschen Vertreter beim Nato-Oberkommando in Washington, zitiert, die der General am 30. Juni 1961 im Blair House in Washington machte.

Die damaligen Erklärungen General Heusingers verdienen eine Würdigung. Sie beleuchten in greller Weise die Problematik, um die es sich bei der Streitfrage »Konventionelle oder atomare Rüstung« handelt. Sie lassen erkennen, daß dabei Lebensfragen der Nation und jedes einzelnen Staatsbürgers auf dem Spiele stehen.

Hieraus ergibt sich auch die für eine Demokratie selbstverständliche Forderung, daß diese Problematik mit aller Deutlichkeit in der Öffentlichkeit dargestellt werden muß. Wie anders sollte der Staatsbürger sich ein Urteil bilden? Das ist in dem Foertsch-Artikel, der die Aktion gegen den SPIEGEL auslöste, denn auch geschehen. Das ist aber auch in den Äußerungen des Generals Heusinger vom 30. Juni 1961 geschehen.

Im Verlauf dieser Äußerungen erklärte sich General Heusinger für eine konventionelle Rüstung. »Wenn wir«, sagte er damals, »dreißig Divisionen zwischen Alpen und Ostsee hätten, wäre ein russischer Angriff illusorisch. Wir brauchen eine vielfach verstärkte Panzerabwehr, bessere Artillerie und Luftaufklärung.«

Noch bedeutungsvoller war die Kritik, die der General an der Verwendung kleinster atomarer Waffen übte. Er sagte; diese Waffen seien für taktische Kampfzwecke immer noch zu groß. »Wenn schon taktische Atomwaffen«, so Heusinger, »dann ganz vorn in der ersten Linie, weil sie nur im ersten Augenblick des gegnerischen Angriffs nützlich sind, wenn der Angreifer In der Bereitstellung massiert ist.«

An dieser Stelle kam dann die aufregendste These des Generals. Er führte aus: Da eine gegnerische Truppenkonzentration tatsächlich nur unmittelbar vor Angriffsbeginn ein lohnendes Atomziel biete und da die Angriffskräfte des Gegners sich sofort nach Beginn des Angriffs rapide ausfächerten, sei eine wirklich sichere Wirkung nur durch einen präventiven Atomschlag zu erzielen - den aberöder Westen nie führen werde. »Das«, so sagte der General, »ist ein ernsthafter Einwand gegen die Planung mit taktischen Atomwaffen.«

Um die Bedeutung dieser Ausführungen General Heusingers voll zu erfassen, vergegenwärtige man sich die Hauptthese: Der General war damals der Meinung, daß taktische atomare Waffen nur für eine (Präventiv-)Aktion nützlich sein könnten, die aber in der Planung der Nato gar nicht vorgesehen ist.

Angesichts dieser Auslassung des Generals kann man wohl schlecht an einem erstaunlichen Entweder-Oder vorbei: Entweder sind die gewaltigen Kosten einer atomaren Rüstung der Bundeswehr vertanes Geld und inhibieren überdies die konventionelle Rüstung - oder aber der von General Heusinger so ausdrücklich betonte Verzicht der Nato auf einen Präventivschlag ist in Wirklichkeit gar nicht ernst gemeint.

Wie immer man zu der von General Heusinger beschriebenen Problematik Stellung nimmt, klar ist, daß sie vorhanden ist, daß sie diskutiert werden muß, und daß man Offiziere und Journalisten, die-aus wohlerwogenen Gründen im Interesse der Landesverteidigung andere Ansichten als Herr Strauß vertreten, nicht einfach mit Verhaftungsbefehlen verfolgen kann, die auf einem Gutachten aus der Ägide Strauß basieren.

Herr Strauß hat den Sessel des Bundesverteidigungsministers unter peinlichen Begleitumständen räumen müssen - aber man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß die Bundesanwaltschaft noch Immer nach dem Tenor eines Gutachtens handelt, das längst passe ist.

Das ist nicht die Schuld der Bundesanwaltschaft und nicht die Schuld der Beamten des Bonner Sicherungsdienstes. Sie sind verpflichtet - und: Honi soit qui mal y pense -, Landesverrat zu verfolgen, wo und wann immer ihnen eine Tat durch Gutachten als des Landesverrats verdächtig bezeichnet wird. Die Frage Ist nur, ob dieses Gutachten stimmt, ob es jemals gestimmt hat oder ob es noch stimmt.

Man vergesse doch nicht: Das Gutachten wurde zu einer Zeit angefertigt, als Herr Strauß Verteidigungsminister war. Man vergesse ferner nicht, daß Herr Strauß eine strategische Konzeption vertrat, die im SPIEGEL und von deutschen Offizieren scharf kritisiert worden ist. Inzwischen ist Herr Strauß gegangen, hat sich die strategische Konzeption der Bundesregierung geändert, ist die Öffentlichkeit durch Politiker, Generäle und Presse über die strategischen Probleme in einer Üppigkeit unterrichtet worden, die an vielen Stellen weit über den inkriminierten SPIEGEL -Artikel hinausgeht.

Stimmt das Gutachten noch, wenn es überhaupt je gestimmt hat?

Als vollends absurd muß man doch die Aktionen gegen den SPIEGEL und die oppositionellen Offiziere der Bundeswehr ansehen, wenn man sich vergegenwärtigt, daß deren Konzeption vor General Heusinger in der Öffentlichkeit mit detaillierten Überlegungen vertreten wurde, und daß diese Konzeption heute die offizielle Konzeption der ersten und größten Nato-Macht, nämlich der USA ist - wahrscheinlich neuerdings auch die Bundeskanzler Adenauers.

Der amerikanische Nato-Oberkommandierende in Europa, US-General Norstad, hat in letzter Zeit - soeben wieder auf Tagungen der WEU und der Nato - genau die These vertreten, die auch in dem Foertsch-Artikel des SPIEGEL zum Ausdruck kam, nämlich, daß es in der konventionellen Rüstung der europäischen Nato-Nationen ernste »Lücken« gibt.

George W. Ball, der stellvertretende amerikanische Außenminister, hat Ende November in Paris erklärt, daß man, um eventuellen sowjetischen Pressionen auf Westberlin begegnen zu können, mehr konventionelle Truppen braucht - und keineswegs, wie Strauß will, mehr atomare Waffen. Dieselbe Ansicht vertrat der US-Außenminister Rusk vorletzte Woche.

Der Bundeskanzler ist bei seinem letzten Besuch in Washington auf diese Ansichten der amerikanischen Regierung und der amerikanischen militärischen Führung hingewiesen worden. Er ist von diesen amerikanischen Ansichten stark beeindruckt worden und hat sich bereit erklärt, eine knappe Milliarde Mark für die Verwirklichung der amerikanischen Ansichten bereitzustellen.

Es geht hier nicht darum, zu erörtern, welche der beiden Konzeptionen die richtige ist. Es geht vielmehr darum, darzutun, daß es nicht nur legitim, sondern darüber hinaus notwendig ist, die anstehenden strategischen Fragen in der Öffentlichkeit zu erörtern.

Es geht ferner darum, festzustellen, daß diese Diskussion bereits vor Veröffentlichung des Foertsch-Artikels - zwar nicht in der deutschen Tagespresse, aber doch in ausländischen Zeitungen - stattgefunden hat, ja, daß einer der höchsten deutschen Militärs wie General Heusinger die in Frage stehenden Themen in der Öffentlichkeit erörtert hat, und zwar in einer Weise, die der Darstellung des SPIEGEL durchaus recht gibt

Es erhebt sich da doch die Frage, wie lange man noch von all diesen Dingen keine Kenntnis nehmen will, wie lange man es noch fertigbringt, ironische Bemerkungen in den Wind zu schlagen, wie zum Beispiel die Hanson W. Baldwins in der »New York Times«, ihm sei in dem Foertsch-Artikel nichts Neues mitgeteilt worden und dessen Inhalt sei den Sowjets längst bekannt, oder ähnlich lautende Erklärungen des US-Generals Willoughby, des britischen Militärexperten Liddell Hart (SPIEGEL 51/1962) und des Obersten i. G. a. D. von Bonin (SPIEGEL 50/1962).

Am Anfang der SPIEGEL-Affäre stand ein Gutachten. Wieviel ist dieses Gutachten heute noch wert?

Georg Wolff
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