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ENGLAND Kopf ab

Die Labour Party droht durch Flügelkämpfe zu zerbrechen. Das erwählte Führungs-Duo der Zukunft ist schon verzankt. *
• aus DER SPIEGEL 31/1983
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Kandidat Lindsay Williams zählte, als alles am vorigen Donnerstag vorüber war, die Stimmen jener Bürger, die seine politischen Vorstellungen, das Programm seiner Partei und die Geschichte ihrer rechtschaffenen Kämpfe für das Wohl der Nation honoriert hatten. Es waren nur 2834.

Sein Gegner, der konservative Bauernsohn David Maclean, erhielt 17 530 Stimmen, und Michael Young, ein liberaler Politiker, nur etwas weniger - 16 978.

Das trostlose Ergebnis für Mr. Williams hätte wohl einer exzentrischen Splitterpartei zu Gesicht gestanden. Doch der absolute Verlierer vertrat Englands altehrwürdige Labour Party. In der ersten Nachwahl seit Margaret Thatchers Juni-Sieg haben die Bürger des nordwestenglischen Wahlkreises Penrith der Linkspartei einen provisorischen Totenschein ausgestellt.

Zunächst hatte es so ausgesehen, als würde Labour den Schock der Erdrutschniederlage

bei den Parlamentswahlen problemlos verarbeiten.

Der glücklose Parteichef Michael Foot versprach, auf dem Jahreskongreß der Sozialisten im Oktober freiwillig zurückzutreten. Und weil auch der Stellvertreter des 70jährigen Verlierers, der Parteirechte Denis Healey, 65, sofort nach der Wahl das Handtuch warf, schien mit dem bevorstehenden Wachwechsel im Seebad Brighton zugleich auch ein chancenreicher Neuanfang verbunden. Es kam aber ganz anders.

Zum erstenmal seit Jahren boten sich zwei Männer für die Führungsämter an, die stark genug schienen, den zerstörerischen Dauerkonflikt zwischen dem linken und dem rechten Labour-Flügel zu beenden.

Ein »Traumpaar« sei gefunden worden, meinten sogar konservative britische Blätter, als sich die Nachfolge-Favoriten Neil Kinnock, 41, und Roy Hattersley, 51, gleich nach der Demütigung durch Englands Wähler für den Wettbewerb von Brighton rüsteten.

Kinnock gilt zwar als Repräsentant des linken Labour-Flügels, nicht aber als Freund dogmatischer Grabenkämpfer. Bei den Stellvertreter-Wahlen auf dem Parteitag 1981 beispielsweise stimmte er gegen den aristokratischen Traditionslinken Anthony Wedgwood Benn, und auch gegen den Rauswurf einiger trotzkistischer Parteimitläufer hatte er nichts einzuwenden.

Das gefiel auch dem gemäßigten Lager, das mit Hattersley, Innenminister im Schattenkabinett, einen Partei-Pragmatiker ins Rennen schickte. Der Halblinke und der Halbrechte wirkten in der Tat wie eine ideale Sturmspitze:

Als Starredner im Wahlkampf und später im Unterhaus setzten Hattersley und Kinnock die Macht-Monopolistin Margaret Thatcher sehr schnell unter Druck. Sie verstehen sich darauf, das Medium Fernsehen zu nutzen, und bieten dem Publikum auch Populäres: Rotschopf Kinnock trainiert einen Rugby-Klub in Wales, derweil der blonde Hattersley als bester Fußballer des Parlaments bekannt wurde.

Vor allem aber schienen die beiden Abgeordneten fest entschlossen, die fällige Generalüberholung der Partei voranzutreiben - zunächst mit dem Versprechen, »partnerschaftlich aufeinander zuzugehen«.

Doch wenig später, Mitte letzten Monats, ging die Einheit unversehens in die Brüche. Als Kinnock und Hattersley die in der Partei hochheiligen Grundsatzprogramme für die Brighton-Abstimmung diskutierten, widersprachen sie sich fast in jedem Punkt.

Kinnock verteidigte dabei jene Partei-Plattform, die im Juni von mindestens 3,5 Millionen Wählern mehr als erwartet verschmäht wurde - frühere Labour-Anhänger, die der Arbeiterpartei brüsk den Rücken kehrten. Doch der »walisische Zauberer«, wie seine Freunde Kinnock anhimmeln, sah keinen Grund, »unsere sozialistischen Überzeugungen nun zu verwässern«. Nur einiges müsse »verfeinert« werden.

Zu Kinnocks Verfeinerungen gehört es, abermals ein umstrittenes wirtschaftliches Ankurbelungsprogramm zu fordern, das mit Krediten und Steuererhöhungen zu finanzieren wäre. Um welche Summen es sich dabei handeln würde, erwähnte der Zauberer lieber nicht.

Konkurrent Hattersley dagegen löste das Doppelbündnis an der Labour-Spitze mit einer Wahlkampfanalyse, die ätzender nicht ausfallen konnte.

Das milliardenschwere Ankurbelungsprogramm etwa, mit dem Michael Foot die Arbeitslosigkeit bekämpfen wollte, ist nach Ansicht Hattersleys von den Wählern »kaum verstanden« und »selten geglaubt« worden. Erst recht sei die Forderung, Englands Atomstreitmacht aus dem Verkehr zu ziehen, »auf überwältigende Ablehnung gestoßen«.

Hattersleys Rundumschlag ließ erkennen, worum es ihm in Wirklichkeit geht: Anders als sein Mitbewerber Kinnock wähnt er die Partei im nunmehr fünften Jahr der Opposition an einem Scheideweg. In Brighton, sagt er, werde es sich zeigen, ob Labour den radikalsozialistischen Aktivisten an der Basis folgt, um einen neutralistischen Kurs nach außen und einen »volksrepublikanischen« nach innen anzusteuern. Seine Alternative wäre die Wiederbelebung von Labour als Reformpartei.

An provokanter Stelle, und zwar im New Yorker »Wall Street Journal« - nicht gerade ein Labour-Blatt - wurde Hattersley noch deutlicher. Die Partei, schrieb er, müsse sich entscheiden »zwischen Wählerstimmen und sozialistischen Wertvorstellungen, zwischen Prinzipien und Popularität«.

Das allein hätte genügt, um seine Chancen, Nachfolger von Michael Foot zu werden, schwer zu mindern. Doch der Mann aus Yorkshire wagte obendrein, den merkwürdigen Modus anzugreifen, mit dem die Partei ihren Vorsitzenden zu wählen pflegt. Hattersley verlangte, vom System der »Blockstimmen« abzugehen, bei dem die Bosse der Gewerkschaften dank den Millionen Stimmen ihrer Mitglieder den Parteitag dominieren - obwohl die Anhänger der »Unions« gar nicht konsultiert werden und obwohl Labour nur rund 300 000 Mitglieder hat.

Deshalb kam es schließlich zu einem Eklat, der Hattersley womöglich entscheidend zurückwarf. Am Ende einer Fraktionssitzung, bei der sein Antrag abgeschmettert wurde, noch vor Brighton jedes Gewerkschafts- und Parteimitglied einzeln zu dem Führungsduell zu befragen, zögerte Noch-Parteichef Foot wieder einmal. »Wo bleibt deine Führerschaft«, rief Hattersley erzürnt, »wo bleibt bloß die verdammte Führerschaft?«

Foot, der zugleich seine letzte Fraktionssitzung geleitet hatte, reagierte laut Ohrenzeugen wütend wie noch nie. Er werde ihm, schrie er in Richtung Hattersley, »den Kopf abreißen lassen« - und, nicht genug damit, auch noch »die Haut abziehen«.

Andere Parteimanager rechnen schon mit einer Scheidung ihres Traumpaars. Ein Labour-Veteran aus dem Parteivorstand nahm es ergeben hin. »Eigentlich kommt es nicht mehr darauf an, wer Nachfolger von Michael Foot wird«, vertraute er der Sonntagszeitung »Sunday People« an, »keiner kann die Partei zusammenhalten - sie fällt auseinander.«

Der arme Labour-Kandidat Lindsay Williams jedenfalls mußte bei der Nachwahl von Penrith wegen des niedrigen Stimmenergebnisses auf seine vorgestreckte Wahlkampfeinlage von 150 Pfund verzichten: Die Labour-Schmach war bodenlos.

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