Kopf-Jäger
Die zäh dahinschleichende niedersächsische Kabinettskrise, die sich an der Bodenreform zum Bruch auszuwachsen droht, ist durch ein Ereignis von außen in ein wetterwendisches Stadium geraten, das die Krise fördern oder ebensogut verschleppen kann. Hinrich Wilhelm Kopf, der Allparteien-Ministerpräsident, stärkster Exponent der niedersächsischen Allparteienpolitik, wurde von Polen als Kriegsverbrecher angefordert.*)
Die Polnische Militärmission beim Alliierten Kontrollrat in Berlin bot eine spannende Inszenierung. Selbst Mildred Murphy, Tochter des vielleichtigen Zivilgouverneurs der US-Zone und Korrespondentin der Armeezeitung »Stars and Stripes«, mußte ihre Ungeduld zügeln. Der kleine, drahtige Pressechef der Polnischen Mission, Oberstleutnant Hubert Meller, trat mit einem kurzen »Sorry« vor die wartenden Bleistifte.
Mit scharfem Lächeln um die schmalen Lippen erklärte die Stimme Polens in fließendem Englisch den wachsamen Ohren eine Angelegenheit, die »weit über das Niveau der normalen Denazifizierungs-Atmosphäre« hinausgeht. Er skizzierte die Jahre eines Herrn in Polen. Der Herr blieb vorerst namenlos.
Erst zum Schluß führte der Pressechef mit schlau blitzenden Augen hinter der randlosen Brille effektheischend den Haupthieb. Aber da hatten alle schon erraten, daß es um Kopfs Kopf ging. Hinrich Wilhelm Kopf, Niedersachsens Premier, steht seit dem 6. 11. 47 auf der Kriegsverbrecherliste der UNWCC (der alliierten Kriegsverbrechenkommission).
Die polnischen Beschuldigungen beziehen sich auf Kopfs Tätigkeit in Oberschlesien während der Jahre 1939 - 1945. Nachdem er 1933 als preußischer Landrat pensioniert war, wurde er Mitinhaber der Berliner Maklerfirma Kopf und Bohne. Nach dem Polenkrieg habe er als Vertreter seiner Firma im oberschlesischen Industriegebiet gewirkt. Als Bekannter von hohen Nazifunktionären, etwa des kommissarischen Oberbürgermeisters von Königshütte, Killing (der heute dem Flüchtlingsamt in Hannover vorstehe), und des SA-Brigade-Kommandeurs Schört sei Kopf Treuhänder konfiszierter polnischer und jüdischer Güter geworden.
Dann sei er in die Haupttreuhandstelle Ost übernommen worden und habe die Bücher eines Abteilungsleiters erst in Königshütte, später in Lubliniec geführt. Lubliniec habe ihn erst nach der Scheidung von seiner ersten Frau und der Heirat mit Frau Kube, geborene Behr, gesehen, von der er inzwischen auch wieder geschieden ist. Neben der Verwaltertätigkeit auf deren Gütern habe er auch die Aufgaben eines Enteignungskommissars im Gebiet Lubliniec erfüllt.
Seine Wohnungseinrichtung soll Kopf aus den konfiszierten Gütern komplettiert haben. Neben seinem normalen Einkommen aus den beiden Gütern seiner Frau und seiner Beamten-Pension habe er als Angestellter der HTO für die ganze Zeit etwa 80000 Mark bezogen. Im Jahre 1943 allein hätten seine Einnahmen aus der
*) Der Fraktionsführer der zweitstärksten Partei, der CDU, und der Vorsitzende der drittstärksten Deutschen Partei, Heinrich Hellwege, wurden vom britischen Gouverneur Sir Brian Robertson empfangen. Maklerei mit jüdischen Gütern 65000 Mark betragen.
Mit besonders tönender Stimme las Polens Meller die Bonbonstelle seines Manuskripts: »Den Ex-Landrat sah man in dieser Zeit nur mit dem NSDAP-Abzeichen!« Ein weiterer Haupt-Vorwurf betrifft Kopfs Teilnahme an der Verschikkung oberschlesischer Bürger in Konzentrationslager. Seine Angestellten habe er geschlagen und mißhandelt.
Privat sagte der Pressechef in der hellbraunen Tuchuniform noch etwas mehr: »In Polen wußte man natürlich schon lange um diese Kriegsverbrechen. Aber wir wußten nicht, um wen es sich handelte. Als wir im November vorigen Jahres bei der UNWCC mit dem amerikanischen Oberst Springer und mit Sir Robert Craigie von der englischen Delegation einen Mann namens Wilhelm Kopf auf die Kriegsverbrecherliste setzten, war uns nicht bekannt, daß dieser Mann mit dem Niedersächsischen Ministerpräsidenten identisch ist. Man ahnte es nur.«
Die Polnische Mission habe dann gewissenhaft die Spur verfolgt und Fotos von Kopf nach Oberschlesien geschickt. Dort hätten die Hauptzeugen, zumeist polnische Staatsbürger, die durch Kopf von Haus und Hof vertrieben worden seien, die Identität festgestellt. »Das ist erst eine Woche vor der Pressekonferenz gewesen, auf der wir der Welt die Mitteilung machten«, betont Hubert Meller. Zur selben Stunde sei der britischen Militärregierung in Herford der Auslieferungsantrag der Polnischen Regierung überreicht worden. »Diplomatische Rücksichten« verbieten Meller, seine Ansichten über die britische Reaktion auf den polnischen Schritt kundzutun.
»Wir haben noch einige Angaben über verbrecherische Taten von Herrn Kopf, aber ...« Die Polnische Mission will sich offensichtlich noch einige Rosinen für den weiteren Gang der Dinge aufheben. Auch für wieviel Verschickungen in KZs der frühere Makler verantwortlich sein soll, sagt der offizielle Sprecher Polens im Kontrollrat-Deutschland nicht genau: »Es ist eine ganze Reihe. Seit der Veröffentlichung melden sich neue Opfer, Polen und Deutsche.«
Dr. jur. Fritz Bohne, ein freundlicher Riese von fast zwei Metern, mit kahlem Schädel, lächelt nur nachsichtig aus bebrillten Augen zur Affäre Kopf. Als ehemaliger Kompagnon war er mit ihm in der Firma Kopf & Bohne zehn Jahre ständig zusammen: »Niemand kennt seine Geschäftsgebahren besser als ich. Kopf ist ein anständiger Mensch!«
Die Firma Kopf & Bohne hatte ihre Geschäftsräume am Kurfürstendamm 220. Acht Räume, jetzt ausgebrannt. Die beiden Chefs arbeiteten zusammen mit 20 Angestellten bis 1943 gemeinsam. Dann wurde wegen Kopfs Ausscheiden die Gesellschaft mit gleichen Rechten und Anteilen aufgelöst. Kopf ging nach Oberschlesien, zarter Bande wegen. Die Liquidation der Firma ist formell noch nicht abgeschlossen, man findet noch heute beide Namen in alten Handelsregistern.
Die alten Geschäftskompagnons stehen nur noch in loser Verbindung: »Sollte Kopf aber in dieser Affäre seinen Kopf verlieren, läßt er sich immer noch hier bei mir unterbringen« Schließlich habe Kopf, so betont Bohne, jüdischen Familien durch Kniffe und Tricks geholfen, ihren wertvollen Schmuck zu verschieben. »Er dachte dabei nicht an sich.«
Die Treuhandgesellschaft Ost hatte in den vom nachmaligen Generalgouvernement abgetrennten »neudeutschen« Gebieten Industrieanlagen und städtischen Grundbesitz von geflüchteten oder laut Verfügung zu enteignenden Polen und Juden zu verwalten. (Sämtliches Vermögen von Polen, die nicht als Volksdeutsche eingestuft wurden, wurde »blockiert"). Die Treuhandgesellschaft, die als eine oberste Reichsbehörde direkt dem Beauftragten für den Vierjahresplan unterstellt war, übernahm die Vermögensverwaltung von den vorübergehend damit beauftragten Oberbürgermeistern, die ihrerseits Maklerfirmen und Fachleute betraut hatten. Diese wurden größtenteils mit übernommen.
Kopf war mit der Verwaltung eines verhältnismäßig kleinen Sektors betraut. Er wurde aber von der Leitung der Treuhandgesellschaft des öfteren wegen seines ordentlichen Geschäftsgebahrens anderen Hilfsgesellschaften als Beispiel vorgehalten. Ein tariflicher Streit war der äußere Anlaß, dessentwegen Kopf aus der Vermögensverwaltung ausschied.
Schon vor Jahresfrist meldeten sich in Niedersachsen Leute, die Kopf wegen seiner treuhänderischen Tätigkeit etwas am Zeug flicken wollten. Dieselben Leute wußten, auch der sozialdemokratische Generalsekretär des süddeutschen Länderrats, Erich Roßmann, und der Finanzminister im nordrhein-westfälischen Kabinett Amelunxen, Höpker-Aschoff, hätten polnische Vermögen verwaltet, allerdings im Altreich.
Damals hatte aber niemand Interesse daran, dem populären Ministerpräsidenten, der das Vertrauen der Engländer und die Billigung der Parteien besaß, auf ungewisse Aussagen hin etwas anzuhängen. Die Zeugen meldeten unter anderem, daß Hinrich schon in Königshütte gern Skat drosch und einem guten Trunk nicht abhold war.
Von Prügeln war nicht die Rede, und ein Parteiabzeichen hat er nach dem Zeugnis dieser Leute nicht getragen. Darin war offenbar der polnische Oberst auch nicht sicher. Denn er bemängelte sofort an dem Kopf'schen Dementi, das er im übrigen als eine »äußerst schwache Abschwächung« definierte, Kopf lasse ja nichts über seine Parteizugehörigkeit verlauten. Der hatte aber diesen Parteizusatz nur vergessen und fügte ihn später seiner Erklärung an.
In den Lebensbeschreibungen des 54jährigen Ministerpräsidenten aus Hadeln war von einer treuhänderischen Tätigkeit nie die Rede. Aber der joviale Herr mit der Bismarck-Attitüde und den markigen Kernworten hatte sich bisher auch nie als Opfer des Faschismus feiern lassen wie andere, die unter Hitler ebenso wenig gelitten hatten wie er.
Kopf stellte sein Amt nicht zur Verfügung. Das niedersächsische Kabinett, mit Ausnahme des Kommunisten Abel, sprach ihm das Vertrauen aus. Der Landtag, der das polnische Auslieferungsbegehren zu einer Angelegenheit des nationalen Prestiges erhob, stellte sich hinter ihn. Allerdings nicht so ent- und geschlossen, wie man nach dem Zeitungskommentar des anderen prominenten Ostflüchtlings, Dr. Günther Gereke, erwarten konnte, dem der SPD-Mann in Niedersachsen Heimstatt und politischen Rückhalt gegeben hat.
Gerekes Partei, die CDU, weigerte sich zunächst, Kopf in Bausch und Bogen zu decken. Aber sie lehnte, wie die anderen Parteien, eine parlamentarische Untersuchungskommission ab, die von den Kommunisten gefordert worden war. Karl Abel, Minister ohne Portefeuille, zog die Konsequenzen und ging. Der Kommunist ist der erste neudeutsche Minister, der einen Verstoß gegen demokratische Spielregeln zum Anlaß nahm, seinen allerdings nicht sehr einträglichen Posten zur Verfügung zu stellen. Die Kommunisten wollen Kopf nun irgendwie provozieren, um ihn zu einer Beleidigungsklage zu verleiten.
Die Militärregierung hat sich noch nicht endgültig festgelegt. Lord Pakenham bedachte Kopf mit einigen aufmunternden Prädikaten. Es gibt in Niedersachsen niemand, der ernstlich Kopfs Auslieferung an ein Land wünscht, wo mit Leuten, die eines Kriegsverbrechens beschuldigt sind, kurzer Prozeß gemacht wird. Aber der einfache Bürger, und nicht nur in Niedersachsen, sondern in ganz Deutschland, interessiert sich brennend für die Frage: Was würde mit dem Makler Kopf geschehen, wenn er nicht zufällig Ministerpräsident eines deutschen Landes wäre?