Kopf oder Krone
Sechs Millionen ungarischer Katholiken waren zunächst verwirrt. Sechs Millionen katholischer Ungarn wissen jetzt definitiv, daß ihr Fürstprimas Josef Mindszenty nicht nur ein Märtyrer für die Kirche, sondern auch ein Märtyrer für Ungarn ist. Kardinal Francis J. Spellman, Mindszentys New Yorker Kollege, deckte die Karten auf. Wenigstens soweit es um die Krone des Heiligen Stephan geht.
In Paris erklärte der ungarische Gesandte Graf Michael Karolyi, sie befinde sich zur Zeit in Wiesbaden. Die Krone sei aber nicht nur ein Kunstgegenstand, der dem ungarischen Volk gehöre, sondern auch ein »äußerst gefährliches Symbol«. Falls sie nicht zurückerstattet würde, könnte es plötzlich einem Kardinal oder sogar dem Papst selbst einfallen, Erzherzog Otto damit zu krönen. Um auf diese Weise die ungarische Monarchie wieder aufzurichten.
Die Anklagepunkte, die der kommunistisch geführte ungarische Staat dem einen Tag nach Weihnachten verhafteten Kirchenfürsten vorhielt, liefen unter der Sammelüberschrift »Hochverrat, Umsturzversuch und Spionage«.
Einer von ihnen konstatierte: Kardinal Mindszenty hat den Gesandten einer Westmacht im August 1947 schriftlich gebeten, die Rückgabe der angeblich von den USA-Besatzungstruppen einbehaltenen Krone an Ungarn zu verhindern. Eine bejahende Antwort des Gesandten sei aufgefunden worden. Auch Kardinal Spellman habe dem ungarischen Fürstprimas versichert, die Krone werde einbehalten. So behauptete Budapest am 29. Dezember.
Am gleichen Tage bezeichnete Kardinal Spellman die Erklärungen des ungarischen Innenministeriums, soweit sie seine Person betrafen, als falsch. Die klare Stellungnahme des New Yorker Erzbischofs wurde bei einer Millionenzahl von Mindszenty-Anhängern mit Erleichterung und Genugtuung aufgenommen. Die ungarischen Machthaber hatten kaum eine andere Reaktion erwartet.
Zehn Tage später aber, am 8. Januar, platzte eine neue Sensation in den an dramatischen Zwischenfällen gewiß nicht armen Ablauf des Kampfes Kommunismus gegen Kirche. Spellman breitete die ganze Korrespondenz vor der Weltöffentlichkeit aus, die er 1947 mit Fürstprimas Mindszenty einerseits und dem State Department sowie dem damaligen US-Armeeminister Robert Patterson andererseits geführt hatte. Im Interesse der Sicherstellung und Zurückbehaltung der politisch so wertvollen Stephanskrone.
Aus diesem Briefwechsel geht eindeutig hervor, daß der sehr einflußreiche Spellman seine Aktion tatsächlich auf direkten Wunsch Mindszentys unternahm. Mit vollem Erfolg. Die Krone wurde nicht mit dem ungarischen Staatsschatz an die Budapester Volksdemokratie ausgeliefert.
Budapests bolschewistische Staatspolizei Allamvedelmi Hatosag ("Behörde für die Staatsverteidigung") unter Gabor Peters Führung (vgl. Spiegel Nr. 39/1948) triumphierte.
*) Im Laufe ihrer fast tausendjährigen Geschichte wurde die Krone des öfteren in Verstecken den Zufällen kriegerischer Verwicklungen entzogen. Bei einem dieser Transporte (wahrscheinlich im Jahre 1780) wurde das Kreuz verbogen. Es behielt seither diese Form bei. Zwar beziehe sich Spellmans Briefwechsel nur auf einen Teil der Anklage. Aber auch so erhärte er die Glaubwürdigkeit der übrigen Anklagepunkte. Außerdem habe Mindszenty ja gestanden.
Vielleicht hat gerade die Art, wie dieses »Geständnis« zustande kam, Spellman zu jenem Schritt veranlaßt, der ihm notwendigerweise zunächst von vielen seiner ungarischen Glaubensbrüder schwer übelgenommen wurde. Der unerwartete Stellungs- und offenbar auch Gesinnungswechsel des USA-Kardinals rief bei den Anhängern Mindszentys eine so große Bestürzung hervor, daß manche von ihnen sogar schon von Perfidie, infamem Verrat und Judastum sprachen.
Wie ist es möglich - so fragte man sich in Ungarn - daß ein so hervorragendes Mitglied des Kardinalskollegiums gegen einen Amtsbruder, den der Bolschewismus an Leib und Leben bedroht, als Belastungszeuge auftritt und ihn so den Henkern preisgibt?
Nur der Vatikan und der nicht ohne dessen Konsens handelnde amerikanische Kirchenfürst selbst - er gilt als einer der aussichtsreichsten Anwärter auf den Stuhl Petri, wenn die Frage der Nachfolgeschaft Papst Pius XII. einmal akut wird - könnten die Antwort hierauf geben.
In Rom und New York scheint man sich eher als in Ungarn selbst darüber klar geworden zu sein, daß Kardinal Josef Mindszenty als physische Person unwiderruflich verloren und nicht mehr zu retten ist. Selbst wenn er nicht zum Tode verurteilt, ja selbst wenn es in Ungarn in absehbarer Zukunft zu einem Umsturz kommen sollte, ist nicht anzunehmen, daß er den Sowjet-Machthabern lebend entkommt. Es gilt, der Welt zu zeigen, daß er den Weg zum Märtyrertum beschritt.
»Ein Schäfer verläßt seine Herde nicht!«, sagte Kardinal Mindszenty, als man ihm nach der Verhaftung seines Sekretärs Monsignore Dr. Andreas Zachar nahelegte, den Machtbereich seiner Feinde zu verlassen. Seit der Verstaatlichung der 4813 katholischen Schulen Ungarns war es zur offenen Fehde gekommen.
Als »Uj Vilag« (Neue Welt), das Blatt der »Ungarisch-Sowjetischen Kulturgesellschaft«, sich in stürmischen Ausfällen gegen den Vatikan und seinen ungarischen Exponenten erging, war die weitere Entwicklung klar vorgezeichnet. Verfasser dieser Hetzartikel war Istvan Dobi, alias Dobinski, einst Paradekutscher einer kirchlichen Domäne, später Moskaus Mann in der Kleinlandwirte-Partei.
Der gewesene Widerständler war mit dem politischen Segen der russischen Eroberer in der parlamentsbeherrschenden Partei aufgetaucht. Gewissermaßen als deren trojanisches Pferd - wie sich bald herausstellen sollte. Nach einem Schulungskurs in Moskau »reorganisierte« er die Kleinen Landwirte von 60 auf 18 Prozent der Wählerstimmen herunter. Moskaus Dank war ihm gewiß.
Als Landwirtschaftsminister bekämpfte er die »Kulaken«. So erfolgreich, daß er Ministerpräsident wurde. Als solcher nahm Dobi den Kampf gegen die Kirche auf.
Josef Mindszenty, klassischer Typ des Kämpfers der Ecclesia militans, ging offenen Auges seinen Weg in die Gefängniszelle der Budapester Andrassy-ut Nr. 60. Noch zu Lebzeiten verlieh ihm Rom die doppelte Gloriole des Märtyrers für den Glauben und des unerschrockenen Verteidigers nationaler Belange. So wie vor fast tausend Jahren Papst Sylvester II. dem ersten apostolischen Ungarnkönig die heilige Krone als Symbol nationaler Selbständigkeit und geschichtlicher Größe verlieh.
Im Jahre 1038 starb Stephan I. Neunundfünfzig Jahre später wurde er heiliggesprochen.