POLIZEI Kopf und Kragen
Den Präzisionsschützen der Polizei in Recklinghausen und Detmold war fast wie Weihnachten: Sie bekamen eine neue Latzhose, eine wasserabweisende Parka, wurden mit einer imprägnierten Uniformhose sowie mit Bergschuhen ausgestattet.
Jedoch, der polizeiliche Wunsch, auch mit Stiefeln versehen zu werden, wurde vom nordrhein-westfälischen Innenministerium abgelehnt: »Nur noch Kradfahrer und Hundeführer«, so die Begründung, erhielten Langschäfter, Bergschuhe hätten sich durchaus »im Dienst bewährt«.
Auch die Scharfschützen der Bonner Polizei baten bislang vergeblich um »gefütterte Stiefel, Wärmeanzug, Handschuhe und warme Kopfbedeckung«. Die Schießspezialisten von Paderborn beanstandeten ihr »Gewehr 63«, weil »nach einigen Schüssen der Lauf so heiß wird, daß sich bei der Waffe dann eine Streuung bemerkbar macht«. Mitteilung der Präzisionsschützen an das Ministerium: »Kein genaues Schießen möglich.«
Und die Super-Schützen der Bochumer Polizei forderten vergeblich Funkgeräte an; auch stehen ihnen besondere Fahrzeuge nicht zur Verfügung: »Bei Bedarf sind sie dem Bestand der Behörde zu entnehmen.«
Beschwerden und Begehren dieser Art -- nach Schutzwesten und besseren Schußwaffen, besserer Bekleidung und speziellem Gerät -- häufen sich beim Düsseldorfer Innenminister Burkhard Hirsch, seit die Gewerkschaft der Polizei (GdP) im bevölkerungsreichsten Bundesland eine düstere Bestandsaufnahme präsentierte.
Den Anstoß dazu hatte Hirsch selbst gegeben, als er Ende 1976 im westfälischen Hiltrup bei einem Polizei-Seminar über »Ausbildung und Einsatz von Spezialeinheiten der Länder und des Bundes« erklärte, in Nordrhein-Westfalen seien alle Polizei-Sonderkommandos (PSK) komplett ausgerüstet und einsatzbereit. Zumindest für die Präzisionsschützen meint nun der GdP-Landesvorsitzende' Kriminalkommissar Günter Schröder, sei Hirschs Hurra-Parole »nicht richtig«.
In Nordrhein-Westfalen ergänzen immerhin an die tausend Scharfschützen' stationiert bei den Kreispolizeibehörden und den Polizeipräsidien der Städte, die Spezialeinsatzkommandos (SEK), Mobilen Einsatzkommandos (MEK) und die Sondereinheit GSG 9 des Bundesgrenzschutzes.
Die technisch und psychologisch besonders geschulten Beamten werden nicht als geschlossener Verband, sondern je nach Bedarf am Tatort in kürzester Frist, ob Tag oder Nacht, bei »flankierenden Maßnahmen für die aktiven Kommandos« (Innenministerium) eingesetzt.
Zu ihren Aufgaben gehört vor allem die Kontrolle eines Kampfplatzes, etwa bei Bankraub mit Geiselnahme oder gezielter lokaler Terroristen-Fahndung' von Dächern, Bäumen und Fahrzeugen aus. Ebenso leisten sie Feuerschutz, wenn Geiseln ausgetauscht oder abgeführt werden, wenn Lösegeld übergeben wird oder MEK- und SEK-Kollegen Fassaden hochklettern, in Keller eindringen oder Fluchtwagen bereitstellen müssen.
An Präsenzfällen für Präzisionsschützen fehlt es in Nordrhein-Westfalen nicht. Im letzten Jahr wurden -- neben 293 Mord- und 356 Totschlagfällen -- 518 Banken, Zahl- und Poststellen überfallen, ferner 47 Geld- und Werttransporte. Außer der Entführung des Münsteraner Springreiters Hendrik Snoek -- in der Polizei-Statistik »erpresserischer Menschenraub« -- wurden zehn weitere Geiselnahmen registriert.
Vor allem aber müssen die Spezialschützen für jederzeit mögliche Großeinsätze alarmbereit sein:
>In Düsseldorf (Stockholm-Prozeß) und Köln (Roth-Prozeß) wird jede Woche gegen sechs mutmaßliche Terroristen verhandelt; Störungs- und Befreiungsaktionen werden
* Bei einem Bankraub mit Geiselnahme am 6. April 1973 in Mönchengladbach.
von den Sicherheitsbehörden befürchtet;
* in Bonn sind die diplomatischen Missionen und ihre Mitglieder durch Anschläge und Entführungsversuche ebenso gefährdet wie > die deutschen Politiker und ihre Familien; beispielsweise sollte Außenminister Genschers Tochter Martina gekidnappt werden;
* an Rhein und Ruhr, vor allem in Düsseldorf, Essen, Krefeld, Mönchengladbach, Wuppertal und Köln leben besonders viele Millionäre, etwa Bankiers, Konzernchefs von Versicherungen und Großunternehmer -- die weit eher als andere Bürger mit Erpressung und Geiselnahme rechnen müssen.
Kein Zweifel wohl: Wenn Scharfschützen schon notwendig sind, gebührt ihnen die bestmögliche Ausrüstung. Doch GdP-Schröder präsentiert in seinem Brief an den Innenminister eine lange und unbereinigte Mängel-Liste aus zunächst 21 Polizeibezirken und -präsidien in allen Landesteilen. So fehlen etwa laut GdP-Erhebung »sämtliches Fernmeldegerät' sämtliche Fahrzeuge, Schutz- und Sonderbekleidung, Deckungsmaterial und Tarnanzug, Brech- und Schanzwerkzeug«.
Die Bochumer PSK-Beamten haben nur fünf Stahlhelme, »die jedoch zur persönlichen Ausrüstung« von fünf Beamten gehören. Den Scharfschützen im Märkischen Kreis fehlen Kampfanzüge ("analog denen des MEK"), nicht mal Gummistiefel werden ihnen gewährt.
Die Schießprofis von Olpe »sind lediglich mit einem Stoffkittel ausgerüstet«. Sie möchten auch gern ein Koppel, denn »das Schnellziehholster kann nur mit Koppel getragen werden« -- wer keines hat, kann auch nicht ziehen. In Köln werden auch beim Sondereinsatz »Uniformstücke des täglichen Dienstes« benutzt; außer einem Overall aus graugrünem Drillich fehlt jede Sonderbekleidung wie imprägnierte Hosen, Mützen, Parka, feste Schuhe.
Die Präzisionsschützen im westfälischen Paderborn monieren die Dienst-Holster für ihre Neun-Millimeter-Pistole ("HK-P 9") als »fehlerhaft«, weil die Waffe viel zu eng im Gurt sitzt: »Die Pistole kann nicht schnell genug gezogen werden.« In Neuß am Rhein besitzen die Scharfschützen nach GdP-Ermittlung nur einen Arbeitsanzug ("Blaumann"); die Bonner würden -- wie die Kollegen in Bochum -- neue Gewehre bevorzugen, weil »das alte FN-Gewehr erheblich besser« als das »Gewehr 63« gewesen sei. Die PSK-Beamten in Gelsenkirchen fragen nach einer Mütze ohne Schirm, »weil der Schirm die Sicht durch das Zielfernrohr behindert« -- auch dies sicher von Nachteil für Präzisionsarbeit.
FDP-Innenminister Hirsch hält die Beanstandungen gleichwohl für »unbegründet": »Nach allen Erfahrungen der letzten Zeit gab es kein einziges Mal eine Panne, die auf solche Beschwerden zurückgeführt werden könnte.« In der Polizei-Abteilung des Ministeriums unterstellt man den Scharfschützen vielmehr »eine Art Prestigedenken« im Hinblick auf MEK und SEK. »Die hätten natürlich«, so ein Sprecher, »auch gern noch Hubschrauber oder schnelle Wagen, um sozusagen ranggleich zu sein.«
Schützenhilfe aber leisten den Spezialisten so waffenkundige Leute wie der international renommierte Fachautor Heinz Josef Stammel. Das Gewehr 63 hält der Experte zum Beispiel für »absoluten Schwachsinn«. Da lägen die Treffer bei jedem Schuß, wenn im Zehn-Sekunden-Abstand geschossen werde, zentimeterweise immer höher: »Wenn also einer drei- oder viermal schießt, ist es mit dem Treffen aus, dann kann er nur noch ein Vaterunser hinterherschicken.«
Der fatale Effekt wird bewirkt durch zu dünne Wandungen des Laufs, die sich bei Erhitzung verziehen. Auch das FN-Gewehr, ebenso wie das Gewehr 63 ein Massenprodukt für militärischen Einsatz und vor allem auf Robustheit ausgelegt, ist Stammel suspekt: »Das ist kein Scharfschützengewehr, das ist eine Bleisprühmaschine.«
Ebenfalls unzureichend ist dem Waffenspezialisten »diese Kriegsmunition aus der Massenfertigung. Da muß fein laborierte Scharfschützenmunition her, wie sie bei uns allenfalls von Olympia-Kämpfern verwendet wird -- die müssen ja auch treffen, die gehen auch nicht mit einem Sturmgewehr auf Medaillenjagd«.
Zwar makaber, doch orientiert am polizeilich erwünschten Erfolg, erläutert Stammel: »Wenn der Präzisionsschütze hundertprozentig sein will, dann müßte er, wenn er einen Geiselnehmer treffen will, der seine Pistole an die Schläfe der Geisel hält, unbedingt das Kleinhirn treffen. Denn nur dann wird gleichzeitig jeder Reflex ausgeschaltet, der Finger des Gangsters zieht den Abzug nicht mehr durch. Trifft er das Großhirn, wird die Geisel gleichzeitig tot sein.«
Neben Stammels starken Worten mutet die Auffassung des Leiters der Polizeiabteilung im Düsseldorfer Innenministerium, Ministerialdirigent Heinz Ruwe, eher naiv an: Vorzug des beanstandeten Gewehrs 63 sei, daß der Schütze mit dieser »Selbstladewaffe im Ziel bleiben und sofort einen zweiten und dritten Schuß mit großer Schußpräzision nachsetzen kann« -- und ein nur verletzter Gewalttäter seine Geisel eben doch noch töten könnte.
Der sichere Tod hat seinen Preis. Während das in Nordrhein-Westfalen verwendete Gewehr 63 je nach Rabatt nur um die 400 Mark pro Stück kostet, kommt etwa die österreichische Spezialwaffe vom Typ SSG auf 1500 bis 2000 Mark. Das von der Firma Steyr-Daimler-Puch hergestellte Gewehr, vor allem bei US-Scharfschützen geschätzt, hat aber auch auf eine Distanz von 300 Metern nur eine Streuung von 24 Millimetern -- mithin ist, von der Waffe her gesehen, bei hundert Metern jeder Schuß ein Treffer.
Preiswerter schon wäre die Allwetter-Ausrüstung, die sich die NRW-Schützen wünschen. Rund 100 Mark würde ein Paar Stiefel kosten -- auch das allerdings unterm Strich schon 100 000 Mark bei einer Tausendschaft Scharfschützen. Für einen Kampfanzug müßten auch etwa 120 Mark angelegt werden. Daß, andererseits, körperliches Wohlbefinden selbst unter extremen Bedingungen bei Scharfschützen quasi lebenswichtig ist, wird von Fachleuten nicht bezweifelt.
Unumstritten ist auch, daß der Präzisionsschütze über Funk mit der Einsatzzentrale verbunden sein muß. Die dazu durchweg benutzten Walkie-Talkies aber sind wenig geeignet -- sie erfordern eine womöglich verräterische Lautstärke und immer eine Hand. Auch hier allerdings: Taschenclip-Geräte mit Ohrhörer, die leise Kommunikation und freie Hände gewährleisten, sind kostspielig.
Stammel jedoch hält dafür, daß die Konsequenz, überhaupt Scharfschützen einzusetzen, auch andere Konsequenzen nach sich ziehen muß: »Bei der Ausrüstung hat alles perfekt zu sein. Der Scharfschütze riskiert immerhin Kopf und Kragen der Geisel und seinen Kopf und Kragen auch. Alles in allem verlangt die Polizeigewerkschaft noch viel zuwenig.«