Kopfschuß - DER SPIEGEL
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FILM Kopfschuß

»Looping«. Spielfilm von Walter Bockmayer. Deutschland 1981. 109 Minuten. Farbe.
• aus DER SPIEGEL 18/1981
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wenn man auf dem Rummelplatz (Dom, Cannstatter Wasen, Oktoberfest etc.) mit der Achterbahn oder dem Autoscooter fährt, Zuckerwatte oder Bratwürste einschiebt, Lose kauft oder Loopings dreht -- dann ahnt man kaum, was für Tragödien und Schicksale sich hinter dem Jahrmarktsglanz und -flitter im Verborgenen abspielen.

»Treten Sie näher, treten Sie ein!« ruft da ein Schaubudenbesitzer und verbirgt uns, daß er -- obwohl schon S.224 rüstigen Alters -- sich nach einem jungen Ding verzehrt. Und der Losanpreiser, der scheinbar fröhlich aufmunternd ruft: »Jede Nummer gewinnt!«, hat vielleicht eine Gattin, die dem Alkohol zuspricht, weil ihre Tochter dem Laster anheimgefallen ist. So kann jedes bunte Lämpchen, das da strahlt, eine düstere Erfahrung überdecken, jeder laut gedudelte Schlager einen Seufzer übertönen.

Daß wir künftig an diesem Leid nicht mehr achtlos vorübergehen, dafür sorgt, leider, Walter Bockmayers Film »Looping«, der schon vor seinem Start vier Bundesfilmpreise ergattert hat -die offenbar jetzt vom Verein für Blindenhunde oder von den Freunden des Opernstummfilms verliehen werden.

Bockmayer, der einen so anrührend schönen Film wie »Flammende Herzen« gedreht und am Kölner Theater mit großer Verve und Aufrichtigkeit das Asozialen-Drama »Kiez« von Peter Greiner inszeniert hat, ist in »Looping« jedenfalls ganz schön ins Schleudern gekommen und ständig auf seifigem Kitsch ausgerutscht.

Bisher ging Bockmayer mit dem Kitsch sorgsam wie mit einem Frühbeet um: Dem entwuchsen dann die bizarrsten und zartesten Pflanzen der Hoffnungen und der wuchernden Wunschträume.

Der Irrtum jetzt mag es gewesen sein, daß Bockmayer meinte, dieses Gewirr aus Werbung und Wahrheit, aus Popfarben und Pastellseelen ließe sich ohne jegliche Anstrengung auf dem Rummel finden.

Statt jedoch die Trivialität dort zu suchen, hat er sie dem Jahrmarkt aufgepfropft. Der Film »Looping« bringt keinen Groschenroman wirklich zum Reden, sondern geht mit der Wirklichkeit herablassend wie ein Groschenroman um.

Die Schauspieler stellen das fahrende Gewerbe der Schausteller so dar, wie gesetztere Herrschaften bei Scharaden Greise und Greisinnen spielen: Sie übertreiben schamlos und maßlos, aus Angst, man würde sonst die Nähe zwischen Dargestelltem und Darsteller ahnen können. So also machen sich Bockmayer und sein Team über Glück und Leid der Schaubudenleute her: Sie volkstümeln sie in Grund und Boden, sie verhökern sie als dumpf-gesundes Volksempfinden.

Hans-Christian Blech (den man noch nie so stier und stumpf gesehen hat) als Johnny und die mollig-resolute Shelley Winters (deren Ausdrucksskala von einem hart zusammengedrückten Mund bis zu einem Lächeln unter Tränen reicht) als Carmen betreiben eine Jahrmarktsbude, bei der es -- wie bei ihrer Ehe -- nicht mehr so recht läuft.

Kein Wunder, denn die Attraktion ihres Programms ist Ingrid Caven, die in ihrer Rolle so singt, wie sie auch sonst singt, worauf die Rummelplatzbesucher das Weite suchen. Für ihre Schauspielerei müßte das gleiche gelten, nur wird da »Lache, Bajazzo«-Chargieren inzwischen mit dem Bundesfilmpreis bedacht.

Carmen und Johnny ziehen bei schmaler Abendkasse von Ort zu Ort und erzählen sich im Bett vor dem Einschlafen Märchen, längst der heilen Welt des St. Impotenz anheimgefallen -- bis, ja bis das freche und laszive Biest Tanja (Sydne Rome) auftaucht und Schwung in den Laden bringt.

Bald drängeln sich die Zuschauer zu ihrem Strip, der in der outrierten Darstellung von Frau Rome ein Fall für die Menschenrechtskommission wäre, zeigte die Schauspielerin sich beim Schwenken des Hinterns, beim Blecken der Zähne und beim Wegschleudern der Unterwäsche nicht so sehr davon überzeugt, daß sie ein sexuelles Großfeuer entfacht.

Und der alte Johnny giert nach ihren Brüsten, so daß er bald nach ihr, bald nach der Flasche greift. Doch die resolute Carmen, die das Herz dort hat, wo Bockmayer den rechten Fleck vermutet, weiß Rat: Sie weist Tanja sexuell in ihre Schranken, läßt Johnny im Superman-Kostüm S.227 seine Leidenschaft marktgerecht einsetzen und kanalisiert seinen Johannestrieb in die Finger um, die emsig Geldscheine zählen und Münzen klimpern lassen.

Denn sie will jetzt, wo Tanja den Schuppen und die Autoscooterbahn vollstript, sich und Johnny einen Lebenstraum erfüllen: Die beiden sparen auf einen Loop.

Doch wie das Leben in schlechten Filmen so spielt: Die Geldgier macht auch egoistisch. Vorübergehend verstößt und vergißt die energische Carmen die Inga Ingrid Cavens, was bei dieser wiederum fürchterliche Erinnerungen wachruft.

Denn war nicht Johnny einst, als er jünger war und des Nachts im Bett noch keine Märchen erzählte, auf ihre Mutter scharf wie jetzt auf die ständig strippende Tanja? Und hat Carmen daraufhin diese Mutter nicht, in rigider Leidenschaft und mit dem herrlichen Egoismus, der Liebenden auf dem Rummel eigen ist, einfach hinweggeputzt? Die Glückliche konnte das, Kunstschützin, die sie ist, als Kunstfehler und Unfall darstellen -- eine Chance, die gewöhnlich Sterbliche nicht haben, es sei denn, sie sind im medizinischen Gewerbe oder beim Film.

Und so nimmt das Unheil seinen Looping. Während Carmen und Johnny die Einweihungskurven auf ihrem neuen teuren Gerät fahren, während Tanja bitter lächelt, weil sie dem Johnny noch einmal sexuell eingeheizt hat, schießt Inga den beiden in die Stirn.

Eigentlich sinnlos. Denn beballert genug war der Film ohnehin schon ...

Hellmuth Karasek

Hellmuth Karasek
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