NIEDERLANDE Krach schlagen für die Freiheit
Es war kein Mord, es war eine Schlächterei, wie sie Amsterdam noch nicht erlebt hatte. Der Mörder wollte nicht nur töten, er wollte Angst und Entsetzen erzeugen. Das ist ihm gelungen.
Dienstagfrüh, viertel vor neun: Nachdem er ihn niedergeschossen hatte, beugt sich der Killer über den Sterbenden, redet auf ihn ein und jagt ihm noch 10 bis 20 weitere Kugeln in den Körper. Dann macht er sich mit einem langen Messer über die Leiche her. Zum Schluss spießt er ein Bekennerschreiben auf die Klinge eines kleineren Messers und stößt es dem Toten in die Brust. Der Killer erledigt seinen Job mit der gleichen bestialischen Besessenheit wie die Kopfabschneider von Bagdad.
Das Mordopfer: der 47 Jahre alte Filmemacher Theo van Gogh, ein Urgroßneffe des Malers Vincent van Gogh. Der Name des 26-jährigen Täters wird geheim gehalten. Man weiß nur: Er ist gebürtiger Marokkaner mit doppelter Staatsangehörigkeit und mit Kontakten zur Terrorszene.
Nach dem Mord lieferte sich der Mörder ein Feuergefecht mit der Polizei. Er stand breitbeinig und ohne jede Deckung auf einer Wiese im Oosterpark und feuerte. Of-
fenbar habe er den Märtyrertod gesucht, sagen Polizisten. Doch in Amsterdam wird so leicht keiner von Amts wegen erschossen, den man auch lebend fangen kann. Deshalb kam er mit einem Steckschuss im Bein davon.
Van Gogh war per Fahrrad auf dem Weg ins Filmstudio gewesen. Er wollte zur Abnahme seines Dokumentarfilms »06/05«, der demnächst in die holländischen Kinos kommen soll. Der Film beschreibt die Hintergründe des Mordes an dem Politiker Pim Fortuyn, der mit saloppen Sprüchen zur Ausländerfrage die holländische Politik zum Kochen gebracht hatte und der am 6. Mai 2002 von einem militanten Tierschützer erschossen worden war.
Es war der erste politische Mord in den Niederlanden seit 400 Jahren. Auf einem Spruchband am Nationaldenkmal in Amsterdam stand damals, was viele Niederländer dachten: »Dit Land gaat kapot«.
Aber diesmal ist es noch schlimmer. Fortuyns Mörder war ein verwirrter Außenseiter der Gesellschaft, aber er war Holländer. Van Goghs Mörder ist ein muslimischer Fanatiker, der für eine gottgewollte Ordnung zu töten meinte. Abendland gegen Morgenland sozusagen. Der Kampf der Kulturen erfasst das friedliche kleine Land zwischen den Deichen.
Holland ist immer noch ein Hort von Toleranz. Doch die bunte Vielvölkerfolklore im Amsterdamer Grachtenviertel täuscht eine Multikulti-Harmonie vor, die es nicht gibt. Der Sicherheitsdienst beschwichtigt. Die Lage sei unter Kontrolle. Nur fünf Prozent der eine Million Muslime, die in Holland leben, seien Radikale. Ein skurriler Trost. Fünf Prozent von einer Million sind 50 000. So viele Radikale kann der Sicherheitsdienst nicht observieren.
Für Premierminister Jan Peter Balkenende war der schwarze Dienstag, an dem van Gogh starb, ein »trauriger Tag für das freie Wort in unserem Land«. Der Tote sei ein »markanter Kämpfer für die Meinungsfreiheit« gewesen.
Ein markanter und ein provokanter Kämpfer. Van Gogh war keiner der Leisen im Lande. Die militanten Muslime in Holland waren für ihn eine Horde von »Ziegenfickern«. Er wollte auswandern, weil sich die Niederlande zu einem »anderen Belfast mit brennenden Kirchen und Moscheen entwickeln«.
Der »göttliche Dicke«, wie sie ihn wegen seiner barocken Körperformen nannten, war ein Rigorist der alten Schule, ein überparteilicher Bürgerschreck, der kungelnde Sozialdemokraten, frömmelnde Katholiken und politisch korrekte Protestanten hingebungsvoll bekämpfte. Seine Lieblingsgegner waren zuletzt die Islamisten, die seiner Ansicht nach die niederländische Gastfreundschaft missbrauchten. Wenn er jemanden in sein Haus einlade, so sagte er, erwarte er von dem Gast, »dass er mich nicht bestiehlt oder zusammenschlägt«.
Mit dem Fernsehfilm »Submission« hatte van Gogh den Hass der islamistischen Gemeinschaft in den Niederlanden auf sich gezogen. Gemeinsam mit der schwarzen Politologin Ayaan Hirsi Ali prangert er darin das barbarische Patriarchat in den muslimischen Familien an.
Die naturalisierte hübsche Afrikanerin ist ebenso verhasst wie van Gogh. Seit sie sich vom muslimischen Glauben losgesagt hat und als Abgeordnete der rechtsliberalen Regierungspartei VVD in der Zweiten Kammer des Parlaments sitzt, kämpft sie gegen die Brutalität der muslimischen Männer in den Niederlanden, »gegen den Inzest, gegen die Schläge und gegen die Zwangsabtreibungen«.
Obwohl sie sich über die Wirkung ihrer Aufklärungskampagne im Klaren war, fühlte sich Hirsi Ali nicht ernstlich bedroht. Seit Dienstagvormittag ist das anders. Das Bekennerschreiben, das an der Messerklinge in van Goghs Körper steckte, enthielt auch eine Morddrohung gegen Hirsi Ali.
Der Sicherheitsdienst ist einer Gruppe Fundamentalisten auf der Spur, die angeblich einen »Dschihad in den Niederlanden« (so VVD-Fraktionschef Jozias van Aartzen) plant. Er prüft auch Berichte über eine Todesliste mit den Namen prominenter Politiker.
Am Abend nach dem Mord zogen 20 000 Menschen mit Rasseln, Topfdeckeln und Waschbrettern durch die Stadt. Sie folgten der Aufforderung von Bürgermeister Job Cohen, »Krach für die Freiheit« zu machen.
Als die Prozession das »Monument op de Dam« erreichte, das an die deutsche Besatzungszeit erinnert, läuteten die Kirchenglocken. Hunderte Demonstranten skandierten: »Wir wollen unser altes Holland wiederhaben.« Aber das gibt es nicht mehr. ERICH WIEDEMANN
* Mit einer Darstellerin des Films »Submission«.