KATASTROPHEN / PERU Krachende Kruste
Vögel stoben gegen den Himmel, Felsbrocken prasselten wie ein Wasserfall zu Tal, Städte stürzten ein. »Die Erde«, so berichtete ein Augenzeuge, der US-Diplomat Don Maghes, »zuckte wie eine Schlange.« Über zehntausend Kilometer entfernt, In der Erdbebenwarte zu Hamburg-Harburg, kündete die Nadel eines Seismographen von einem sogenannten Weltbeben.
Die unterirdische Pflugschar wütete am vorletzten Sonntag, 3.27 Uhr Ortszeit, nur vierzig Sekunden lang. Es genügte, um die Topographie eines 240 Kilometer langen und 130 Kilometer breiten Landstrichs im Norden Perus -zwischen der Hafenstadt Chimbote und dem eisgepanzerten Gebirgszug der Cordillere Blanca -- buchstäblich von Grund auf zu verändern.
Gleichzeitig brach die ohnehin mangelhafte Infrastruktur in der abgelegenen und unterentwickelten Region Perus zusammen:
* Das dünne Telephonnetz des Landes war binnen Minuten außer Betrieb; tagelang konnte weder das Ausmaß der Katastrophe abgeschätzt, noch konnten Hilfsmaßnahmen eingeleitet werden.
* So unzulänglich war das Straßennetz nördlich von Lima, daß den Rettungstrupps keine Ausweichmöglichkeiten blieben, als die wenigen Zugänge zum Katastrophengebiet durch Erdrutsche blockiert wurden.
* Im Krankenhaus von Chimbote standen nur 70 Betten zur Verfügung -- seit 1956 hat sich ihre Zahl in der rasch wachsenden 200 000-Einwohner-Stadt nicht erhöht.
Schnelle Hilfe konnte -- wenn überhaupt nur von außen und per Luftbrücke kommen. Doch auch sie verzögerte sich um eine Katastrophennacht: Ein telephonisches Hilfebegehren des US-Botschafters in Peru, Taylor G. Beicher, blieb im Außenministerium in Washington unbeachtet -- die Beamten des Büros für lateinamerikanische Angelegenheiten weilten gerade auf einem Wohltätigkeitsfest und waren nicht erreichbar.
Erst einem Reporter gelang es schließlich, den Katastrophen-Spezialisten des State Department zu alarmieren. Die Behörde beorderte drei C -- 130 -- »Hercules« -- Transportmaschinen von Panama nach Peru -- beladen mit einem 23 Mann starken Krisenkommando, zwei zerlegten Hubschraubern und einem Feldhospital mit sechzig Betten. Auch die erdbebenerfahrene chilenische Regierung entsandte einen Lufttransporter. Fracht: 1500 Wolldecken.
Inzwischen freilich hatte sich eine mächtige Staub- und Dunstglocke wie ein Leichentuch über das zerstörte Land gebreitet; noch nach drei Tagen, am Mittwoch letzter Woche, reichte sie bis zu 5000 Meter hoch in den Himmel. Erst am Donnerstag, als die Nebelwand von aufgewirbeltem Staub zerstoben war, konnten die Rettungstrupps ihre Einsatzorte lokalisieren. Und erst dann sahen peruanische Fallschirmjäger und US-Hubschrauberpiloten, als sie nach möglichen Landeplätzen für »Hercules »-Maschinen suchten, die katastrophalen Auswirkungen des Bebens.
In dem von Fünf- und Sechstausendem gesäumten, »Peruanische Schweiz« genannten Hochtal von Huayla, an den Ufern des Santa-Flusses, waren nach den Erdstößen zahlreiche Gletscherseen ausgebrochen. Wer in dem 21 000 Einwohner zählenden Indio-Ort Yungay von einstürzenden Gebäuden und weit auseinanderklaffenden Erdspalten verschont geblieben war, wurde von den Wasser-, Geröll- und Schlammassen zermalmt, die im D-Zug-Tempo talwärts quollen. Aus der Nachbarstadt Huaraz funkte am Freitag ein Missionar, daß Tausende von Toten unter den Trümmern liegen. In der Nähe von Chimbote wurde ein ganzer Personenzug verschlungen; und das Beben spaltete selbst noch die Eiswand des 6768 Meter hohen Andengipfels Nevado Huascarán.
Erneut wurde die Ohnmacht einer Wissenschaft und Technik offenkundig, die zwar künstliche Beben auf dem Mond erzeugen kann, bis heute aber noch keine brauchbare Methode entwickelt hat, rechtzeitig vor Zuckungen der Erdkruste zu warnen, Allenfalls Hypothesen können die Geophysiker über die möglichen Ursachen weltumspannender Beben aufstellen.
Von rund einer Million Erdstößen im Jahr, die oft nur haarfeine Schwingungen der Seismographen auslösen, konzentriert sich das Gros auf einen globalen Bebengürtel, der sich von Gibraltar ostwärts über Sizilien, Griechenland, Vorder- und Südasien erstreckt und die Westküsten Nord- und Südamerikas im »pazifischen Feuergraben« umklammert.
Nur zehn Prozent der Erdstöße, so schätzen die Forscher, werden durch den Einsturz riesiger Hohlräume in der dünnen Erdkruste ausgelöst oder sind vulkanische Erschütterungen. Neun Zehntel. aller Verschiebungen in der Erdkruste aber werden, wie jetzt die Erschütterungen in Peru, als tektonische Beben registriert -- Begleiterscheinungen der immer noch fortwährenden Auffaltungen neuer Gebirge.
Ein Verfahren, das rechtzeitig auf solch unterirdisches Brodeln hindeuten könnte, wird derzeit in Taschkent von sowjetischen Wissenschaftlern und dem Tübinger Geologen Dr. Werner Ernst erprobt. Im südwürttembergischen Bebengebiet des Zollerngrabens hatte Ernst anhand von Probebohrungen festgestellt, daß sich Beben womöglich durch steigenden Methangasgehalt unter der Erdoberfläche ankünden. Umwälzungen der Erdschichten, so vermutet Ernst, setzen eingeschlossene Gasteilchen frei und lassen sie nach oben abströmen.
Im chilenischen Valparaiso, nahe dem pazifischen Bebengürtel, will der schwäbische Erdforscher nun im großen versuchen, was ihm bisher nur im kleinen annähernd gelungen war -- bevorstehende Beben rechtzeitig vorherzusagen. Auf diese Weise, so mutmaßen Experten, könnten Auswirkungen wie die des Peru-Bebens künftig gemildert werden.
Das Ausmaß der peruanischen Katastrophe freilich war -- nach den neuerlichen Erschütterungen am Donnerstag -- bis zum letzten Wochenende noch nicht genau zu übersehen. Rund 2000 Tote waren geborgen worden; aber auch die Schätzung, es seien insgesamt 50 000 Todesopfer, wird ungewiß bleiben.
Denn erst im kommenden Jahr soll in dem jetzigen Katastrophengebiet eine Volkszählung erstmals Aufschluß darüber geben, wie viele Menschen dort ansässig sind.