ROTES KREUZ Herrschende Standards
Falls ihn im Oktober die internationale Liga der Rot-Kreuz-Gesellschaften zum Chef kürt, kann sich Hans-Jürgen Schilling der guten Wünsche seiner Kollegen gewiß sein. Den Karrieresprung gönnen viele Funktionäre des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) ihrem Generalsekretär -- sie wollen ihn schlicht los sein. »Wird Schilling in Manila gewählt«, so ein Referent in der Bonner DRK-Bundeszentrale, »dann gibt es ein Aufatmen in unseren Reihen.«
Nicht ohne Grund. Immer wieder brachte er mit starken Sprüchen und bedenklichen Thesen seine Organisation ins Zwielicht, verunsicherte Mitarbeiter und Spender. Doch unverdrossen tritt der Generalsekretär mit eigenwilligen Ansichten zu Ausländerfragen und Asyl, humanitärer Hilfe und Zivilschutz hervor.
Nachdem etwa das Kölner Komitee »Ein Schiff für Vietnam / Not-Ärzte e.V.« im September 1980 gefordert hatte, wegen der überfüllten Flüchtlingscamps in Südostasien ein Transitlager in der Bundesrepublik zu errichten, befand der gelernte Jurist, die Situation in Thailand und Kambodscha habe sich »so sehr entspannt«, daß kein Anlaß dafür bestehe.
Die Kollegen aus der DRK-Leitung dementierten die Analyse. Dies, so streuten sie in Bonn, sei nur die private S.82 Meinung Schillings, nicht aber die offizielle Haltung der Rotkreuzler.
Bereits zu Beginn des Jahres hatte Schilling versucht, die Kölner, die mit der »Cap Anamur« bislang rund 6000 Boat-people aus der Südchinesischen See fischten, madig zu machen. Die Fahrten des Rettungsschiffs, unterstellte er, seien lediglich organisierte Einwanderungshilfe. Die Einsätze der Komitees in Thailand und Kambodscha seien überdies »unqualifiziert« und geprägt von einem »besorgniserregenden humanitären Aktionismus«.
Schillings Attacken gegen die Konkurrenz sind um so unverständlicher, als seine Helfer trotz einer Hungerepidemie unter den Flüchtlingen nicht in das völkerrechtlich umstrittene Gebiet um die Lager Nong Mak Mun und Nong Samet vorrückten. Die »Wilden« (Schilling über private Hilfsorganisationen) scherten sich dagegen nicht um Konventionen, sondern versuchten zu handeln. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Winfried Pinger: »Ohne den spontanen Einsatz von privaten Organisationen wären dort noch mehr Menschen verhungert.«
Schillings Tiefschläge mochte selbst DRK-Präsident Walter Bargatzky, oberster Repräsentant der Hilfsorganisation, nicht hinnehmen. Der »Cap Anamur« bescheinigte er eine »sehr verdienstvolle Tätigkeit«. Die Not in der Welt sei so groß, daß »wir einen Pluralismus humanitärer Organisationen haben sollten«.
Mit solchem Gegeneinander brachte die DRK-Spitze die unteren Helferchargen gegen sich auf. Die Arbeit, diktierten Aussiedler- und Flüchtlingsbetreuer auf einer Fachtagung im Herbst 1980 ins Ergebnisprotokoll, werde »ungemein erschwert«. Die widersprüchlichen Aussagen zur Flüchtlingsproblematik stifteten »sowohl unter den Mitarbeitern des DRK als auch in der Bevölkerung Verwirrungen«.
Anlaß zu Irritationen gibt der oberste Samariter aber vor allem mit seinem Widerwillen, Flüchtlinge ins Land zu lassen; schließlich gebe es Grenzen der Humanität. Denn, so der Generalsekretär vor dem Düsseldorfer Rhein-Ruhr-Club im Dezember 1980: Die schlechten wirtschaftlichen Perspektiven ließen für die Übernahme neuer sozialer Lasten »aus dem auswärtigen Bereich« wenig Spielraum.
Der Generalsekretär, dessen eigene Organisation sich um die Eingliederung von Vietnamesen, Laoten und Kambodschanern müht, hält von aktiver Ausländerpolitik wenig. Die Integration von Fremden, besonders aber von Asiaten, sei zum Scheitern verurteilt: Die Einwanderungspolitik anderer Länder, Englands zum Beispiel, habe gezeigt, daß die Eingliederung nicht zu bewältigen sei. Integrieren lasse sich in Westeuropa nur, wer nicht, wie etwa ein Asiate, »seine Persönlichkeit preisgeben muß, um den hier herrschenden Standards gerecht zu werden«.
Daß die Bundesdeutschen wegen der Ereignisse im Dritten Reich eine besondere Verpflichtung gegenüber Verfolgten haben, läßt Schilling nicht gelten: Die Regierung dürfe, dies sei entscheidend, nicht zulassen, »daß die Folgewirkungen sozialer Bürden den freiheitlichen und humanitären Geist der Gesellschaft auszehren«.
Damit sich die Staaten vor dieser »immer bedrohlicher werdenden Gefahr« bewahren können, hat Schilling eine Alternative zum Asyl entdeckt. Das Hochkommissariat für Flüchtlingsfragen der Vereinten Nationen (UNHCR) soll von Staaten Territorien erwerben, wo Flüchtlinge aus Asien angesiedelt werden könnten.
Viel Platz brauchten diese Leute sowieso nicht, weil sie Enge gewohnt seien; überdies könnten »selbst unwirtliche Felseninseln oder Wüstenstreifen durch den Einsatz moderner Technik zu leistungsfähigen Gemeinwesen« entwickelt werden.
Schillings Idee, Volk ohne Raum Platz zu schaffen, stößt bei den Vereinten Nationen auf wenig Sympathie. Wenn für die Rückkehr der Flüchtlinge in ihre Heimat keine Aussicht mehr bestehe, so die Maxime des Uno-Flüchtlingskommissars Poul Hartling, ist Integration oberstes Ziel. Außerdem dürfe kein Mensch gezwungen werden, sich in einem bestimmten Gebiet niederzulassen -- zumal es ohnehin unrealistisch sei zu erwarten, daß irgendwelche Staaten irgendwelche Gebiete verkauften; soziale und politische Probleme werden damit festgeschrieben.
Auch auf anderem Sektor wartete Schilling mit wundersamen Einfällen auf.
So schlug er vor, das bisherige Konzept der teuren und mangelhaften Zivilverteidigung aufzugeben. Statt dessen sollten Städte zu »Fluchtburgen« erklärt werden, in denen die Bevölkerung vom Gegner unbehelligt Schutz finden könne.
Nachteil dieses Vorschlags: Der potentielle Gegner muß sich darauf einlassen, die Fluchtburgen als sakrosankt anzuerkennen und nicht anzugreifen. Dahinter, bemängelte ein Bonner Zivilschutzexperte, steckt »die Idee vom regelbaren, menschlichen Krieg«.