TSCHAD Krieg der Chefs
Zwei Tage und zwei Nächte regnete es Artilleriegranaten auf Faya-Largeau am Tibesti-Gebirge. Dann war die Stadt reif zum Sturm. Während die Truppen der von Libyen gestützten »Nationalen Befreiungsarmee« unter Ex-Präsident Gukuni Weddei von Norden her ins Stadtzentrum vorrückten, räumten die Truppen des amtierenden Präsidenten Hissein Habre am anderen Ende der Stadt ihre Stellungen - erster Aufzug eines neuen Akts in einer bizarren afrikanischen Tragödie. Der Bürgerkrieg im Tschad geht ins achtzehnte Jahr.
Die Neuauflage des alten Konflikts war bereits Anfang des Jahres abzusehen. Im März hatte Oberst Radwan, ein Abgesandter des libyschen Staatschefs Muammar el-Gaddafi, in Ndjamena einen Katalog unerfüllbarer Forderungen ausgebreitet: Habre solle den Tschad zur »Arabischen Islamischen Republik« erklären, die Annexion des Aozou-Streifens im Nord-Tschad durch die Libyer anerkennen und einen Beistandspakt mit Tripolis schließen.
Als Gegenleistung, so Radwan, werde seine Regierung Habres Vorgänger und Konkurrenten Gukuni, der seit seinem Sturz im Juni letzten Jahres in Tripolis auf sein Comeback wartete, fallenlassen. Im Weigerungsfalle werde man dafür sorgen, daß der Tschad »überrollt« werde.
Habre lehnte ab. Daraufhin ließ Gaddafi die Invasion anlaufen. Die Gukuni-Armee stößt fast nirgendwo auf Widerstand. Denn die Macht der Zentralregierung
ist auf die Hauptstadt Ndjamena und wenige größere Orte beschränkt, und die kaum 5000 Soldaten der Tschad-Armee können in dem nahezu menschenleeren Riesenland von der fünffachen Größe der Bundesrepublik keine wirksamen Verteidigungslinien aufbauen. Ende vergangener Woche hatten die Invasionstruppen bereits ein Drittel des gesamten Staatsgebietes erobert.
Afrikas zählebigster Bürgerkrieg hat mehrmals seine Struktur geändert: Zunächst standen der christlich-animistische Süden und der moslemische Norden gegeneinander, die von den französischen Kolonialherren zu einem künstlichen Staatengebilde zusammengeklittert worden waren. Nachdem Gaddafi mit massiver Waffenhilfe in den Konflikt eingegriffen hatte, wendete sich das Blatt zugunsten der Moslems.
Doch die siegreiche Moslem-Koalition in Ndjamena brach bald wieder auseinander - in eine Gaddafi-freundliche Fraktion unter Präsident Gukuni und eine Gaddafi-feindliche unter Habre. Ende 1980 schuf der Libyer klare Verhältnisse, indem er ein libysches Expeditionskorps in Ndjamena einmarschieren und Gukuni eine »Vereinigte Libysch-Tschadische Republik« ausrufen ließ. Erst der Protest vieler Afrika-Staaten gegen seinen Handstreich veranlaßte ihn im Jahr darauf, seine Truppen wieder abzuziehen und Habre das Feld zu überlassen.
Am Tag nach dem Einmarsch der Gukuni-Truppen skandierte im Zentrum von Ndjamena eine vieltausendköpfige Menge: »Schlagt die fremden Teufel.« Und: »Wir müssen unsere Freiheit gegen das Ungeheuer Gukuni verteidigen.«
Doch das Volk der Tschader hat wenig zu verteidigen und noch weniger zu verlieren. Der Tschad ist - laut Uno-amtlicher Rangfolge - das ärmste Land des Kontinents und hat kaum Chancen, seine Lage zu bessern - ganz gleich, wer in Ndjamena regiert.
Der schwarze Süden des Landes hat sich - wenn auch noch nicht rechtlich - aus dem Staatsverbund gelöst. Der alte Nord-Süd-Konflikt existiert schon lange nicht mehr. Im tschadischen Bürgerkrieg sind keine Bürgerfreiheiten, Religionen oder Ideologien umkämpft, sondern nur noch die Interessen zweier Männer, die sich durch nichts Wesentlicheres voneinander unterscheiden als durch die Gunst Muammar el-Gaddafis. Frankreichs Außenminister Cheysson: »Dies ist ein Krieg der Chefs.«
Seine eigenen Truppen hielt der Libyer - von einigen »Beratern« abgesehen - bislang aus dem Konflikt heraus. Denn die neue Invasion hat unter den sonst wenig solidarischen Afrikanern unerwartet viel Solidarität mit Habre geweckt. Zaire schickte gleich 250 Fallschirmjäger und eine Rotte Jagdbomber zur Entlastung. Die Ölmacht Nigeria, deren Grenztruppen sich noch kürzlich aus nichtigen Anlässen Feuergefechte mit tschadischen Einheiten geliefert hatten, hob spontan ihre Treibstoffblockade gegen den feindlichen Nachbarn auf.
Tschad-Anrainer Kamerun lud den für nächsten Monat zum Staatsbesuch erwarteten Libyer wieder aus. Ägypten versprach großzügige Waffenhilfe. Und Sudan-Staatschef Dschaafer Numeiri forderte energische Maßnahmen gegen den »libyschen Interventionismus«.
Am energischsten trat die Ex-Kolonialmacht Frankreich dem Angriff auf seine ehemalige Kolonie entgegen. Präsident Francois Mitterrand ließ eine Luftbrücke zwischen Paris und Ndjamena einrichten, auf der Nacht für Nacht 30 Tonnen Waffen und Munition herangeschafft werden.
Die Schärfe, mit der Sozialist Mitterrand die zentralafrikanische Krise anpackte, überraschte seine Gegner wie seine Freunde. Während der Regierungszeit des bürgerlichen Mitterrand-Vorgängers Giscard d'Estaing hatten französische Soldaten in Kusseri am Kameruner Ufer des Schari-Flusses monatelang tatenlos zugesehen, wie drüben auf der anderen Seite des Flusses in Ndjamena Habres und Gukunis Truppen einander abschlachteten.
Mitterrand schloß auch einen Einsatz französischer Truppen nicht aus. Frankreich hat sich in bilateralen Verträgen verpflichtet, die Sicherheit der moderaten frankophonen Staaten West- und Zentralafrikas zu garantieren. Und »alles, was Frankreich versprochen hat«, so Mitterrand, »wird Frankreich auch halten«.
Sein Außenminister, Claude Cheysson, schränkte zwar ein: »Wir werden uns nicht wie die Vereinigten Staaten in Honduras und Nicaragua verhalten«, fügte aber hinzu: »Schlimm wäre es nur, wenn der nördliche Nachbar des Tschad Truppen über seine Grenzen schicken würde, denn dabei könnte Frankreich nicht tatenlos zusehen.«
[Grafiktext]
LIBYEN Aozou-Streifen von Libyen besetzt ÄGYP-TEN Tibesti-Gebirge Kilometer Faya-Largeau NIGER Koro-Toro TSCHAD SUDAN NIGE-RIA Ndjamena Abeche KAME-RUN TSCHAD AFRIKA ZENTRALAFRIKA
[GrafiktextEnde]