KRIEGSSCHULD - DER SPIEGEL
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Briefe

KRIEGSSCHULD
• aus DER SPIEGEL 29/1964
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

KRIEGSSCHULD

Dank und Anerkennung gebührt Ihnen für die Ausmistung des Augiasstalles deutschen historischen Bewußtseins. Sie setzen damit einen Maßstab für das, was wirkliche journalistische Aufgabe ist, vor der nur allzu viele schreibende Duckmäuser feige weichen: Der Wahrheit den Weg bahnen, ungeachtet aller Tabus, die Generationen von Lehrern, Pfarrern, Offizieren, Parteirednern und Ministern aufgepflanzt haben.

Düsseldorf HEINZ ABOSCH

Für Ihren Brief danke ich Ihnen als SPIEGEL-Leser. Das Problem der historischen Urteilsbildung über den Ersten Weltkrieg ist unter uns Deutschen bis heute offen. Es ist ein zugleich sublimes und massives Problem, und es tut vielen weh. Ich wünsche Ihnen viel Glück und Erfolg bei den Bemühungen, die Sie zur Zeit mit den ihnen gegebenen Mitteln unternehmen.

Scheidt (Saarld.) PROF. DR. HEINRICH LUTZ*

Dieses in Form und Inhalt gleichermaßen schöne Bekenntnis Rudolf Augsteins zu Toleranz, Menschlichkeit und Völkerfreundschaft rückt ihn in die Nähe der großen Mahner und Aufklärer von Voltaire bis Ossietzky. Sein Artikel sollte Pflichtlektüre für jeden heranwachsenden jungen Deutschen sein.

Berlin ERIKA WILDE

Im Ernst, was soll denn dieses ganze Bemühen, aufgrund historischer Kenntnisse nachzuweisen, daß die Schuld am Ausbruch des Ersten Weltkrieges mindestens zu 51 Prozent die deutsche und österreichische Regierung trifft? Es ist doch nicht zu bestreiten, daß alle fünf Regierungen teilweise mitschuldig waren. Es kommt dabei auch gar nicht darauf an, ob 1914 wirklich in Deutschland und Österreich zufällig die Kriegshetzer sich noch bessert durchsetzen konnten als in England, Frankreich und Rußland. Die deutsche Regierung war 1914 gewiß nicht friedliebend in dem Sinne, daß sie zu erträglichen Konzessionen bereit gewesen wäre. Aber auch die Gegner, vor allem Frankreich, waren es nicht.

Hannover DR. K. WOLF.

Die Kriegsschuldfrage des Ersten Weltkrieges ist für die heutige Politik ebenso relevant wie die des zweiten punischen Krieges.

Heidelberg GUNTHER DEGREIF

Vor 1914 war keinerlei Art Krieg geächtet. Wie wären sonst die großen Kolonialreiche zustande gekommen? Man war eben noch im feudalen Denken verhaftet. Jeder europäische Herrscher hielt sich für einen direkten Nachkommen der germanischen Eroberer der Völkerwanderungszeit und sah es als seine Pflicht an, Kriege zu führen und »Ruhm an seine Fahne zu heften«. Die Debatte um eine etwaige Kriegsschuld, womöglich Alleinschuld Deutschlands am Ausbruch des Ersten Weltkrieges, ist das Produkt einer allgemeinen Sprach- und Begriffsverwirrung. Der Krieg als »eine Fortführung der Politik mit anderen Mitteln« wurde erst geächtet, als Deutschland und Österreich am Boden lagen und die ehemaligen Feindmächte praktisch die gesamte Welt beherrschten.

Bad Godesberg DR. WALTER BENZE

Weder vor dem Ersten noch vor dem Zweiten Weltkrieg hatte das deutsche Volk - wie übrigens die anderen Völker auch - den geringsten Einfluß auf den Gang der Dinge. Im Kaiserreich entschied eine kleine Schicht, im sogenannten Dritten Reich ein Einzelner, unabhängig von den Wünschen und Sehnsüchten des Volkes, das im übrigen durch eine manipulierte öffentliche Meinung getäuscht wurde. In beiden Fällen hatte der kleine Mann gar nicht die Macht, Einfluß auf die Entwicklung zu nehmen. Was soll also das Gerede von der Schuld des deutschen Volkes?

Braunschweig K. HAARMANN

In seinem Brief an die »lieben SPIEGEL-Leser« schreibt Herr Rudolf Augstein u.a.: »Der Teufelspakt, den das deutsche Volk mit Hitler schloß ...«

Demgegenüber ist festzustellen: Das deutsche Volk hat im Jahre 1932, also im Jahre vor der sogenannten Machtergreifung, viermal dazu Stellung nehmen können, ob es mit Hitler paktieren wollte oder nicht, nämlich bei den Reichstagswahlen vom 31. Juli und vom 6. November 1932 sowie bei den Wahlen für das Amt des Reichspräsidenten am 13. März und am 10. April 1932.

Bei den Reichstagswahlen erhielten die Nationalsozialisten am 31. Juli 37,2 Prozent und am 6. November 1932 33,1 Prozent der abgegebenen Stimmen. Bei der Wahl zum Amt des Reichspräsidenten 1932 entschieden sich am 13. März 30,1 Prozent und am 10. April 36,8 Prozent der an den Abstimmungen beteiligten Wähler für den Kandidaten der NSDAP. Diese Zahlen zeigen, daß das deutsche Volk, solange es noch frei entscheiden konnte, in seiner Mehrheit nicht mit Adolf Hitler zu paktieren wünschte. Die gegenteilige Behauptung ist Propaganda. Hinzugefügt sei, daß sich im deutschen Volke auch nach der »Machtergreifung« bei den Wahlen vom 5. März 1933 keine absolute Mehrheit für die NSDAP fand. Bei diesen Wahlen stimmten nämlich, obwohl damals die Wahlfreiheit bereits weitgehend eingeschränkt war, nur 43,9 Prozent für die Liste der NSDAP.

Berlin PROF. DR. HERMANN SCHWENN

Der Westdeutschen Rektorenkonferenz sind Bemühungen von einzelnen oder mehreren Angehörigen der Universitäten und wissenschaftlichen Hochschulen in der Bundesrepublik Deutschland und in Berlin (West), auf politischen Wegen die Vortragsreise von Herrn Professor Dr. Fritz Fischer in die USA zu erschweren oder zu vereiteln, nicht bekannt. Sollten solche Bemühungen Ursache oder Anlaß der Verweigerung öffentlicher Unterstützungen der Vortragsreise gewesen sein, so mißbillige ich sie namens der Universitäten und

wissenschaftlichen Hochschulen. Die Lehrfreiheit findet ihre einzige Begrenzung in der Treue zur Verfassung (Art. 5, 3 GG). Dies gilt analog für die Tätigkeit deutscher Hochschullehrer in allen Teilen der

Welt. Die »Freiheit

der Lehrmeinung an

deutschen Universitäten« ist durch die Vorgänge nicht berührt.

Bad Godesberg PROF. DR. JULIUS SPEER

Präsident der Westdeutschen Rektorenkonferenz

Zu Ihrer Polemik mit Giselher Wirsing viel Vergnügen. Sie werden sich wohl noch lange mit ihm herumschlagen müssen.

Ich saß im letzten Kriege im »Pressebericht«, einem Blättchen des AA, herausgegeben vom Berliner Ordinarius für Zeitungswissenschaft, der zugleich Legationsrat im AA war. In diesem Blatt gab es nur Pressestimmen aus der deutschen Tagespresse - für die diplomatischen Vertretungen in Berlin und für die deutschen Vertretungen im Ausland. Zu diesem Zweck bekamen wir allnächtlich die Leitartikel der Berliner Presse im Bürstenabzug und per Fernschreiben auch Auszüge aus den Leitartikeln der Provinz, einen Tag später auch die Originalzeitungen zur weiteren Auswertung.

Wirsing war damals in Stuttgart und sehr ehrgeizig, ein 150prozentiger Nazi, obwohl ich annehme, daß er kein Pg war. Im Propagandaministerium wurden seine Artikel als »Wirsingkohl« bezeichnet, wenn er sich beschwerte, daß wir seine Auszüge nicht gebracht hatten.

Berlin EDUARD MEIER

In einem Istanbuler Antiquariat fand ich vor einigen Wochen ein Exemplar einer verschollenen historischen und kulturphilosophischen Schrift Giselher Wirsings: »Das Zeitalter des Ikaros - Von Gesetz und Grenzen unseres Jahrhunderts«, Eugen Diederichs Verlag, Jena 1944. Da heißt es unter anderem: »Der deutsche Generalstab tat unter der Leitung Adolf Hitlers nichts anderes als die Generalstäbe der Westmächte und der Sowjet-Union auch. Nur entwickelte sich alles, was in Deutschland geschah, aus einem einheitlichen Bild und daher mit sehr viel größerer Konsequenz als im Westen (Seite 101) ... Der englische Imperialismus und der ihn nun überschattende noch machtvollere amerikanische sind, so wie sie in den Kampf eintraten, noch der Ausdruck der spätkapitalistischen Gesellschaftshierarchie dieser Länder, in denen der weltumspannende Finanzier zum Drehpunkt geworden ist (Seite 39) ... Die Entmachtung des jüdischen Geistes kann nur erfolgen, indem ihm der Nährboden entzogen wird, den er im wissenschaftlichen Zeitalter besaß« (Seite 129).

Göttingen REINMAR LENZ

Herr Giselher Wirsing irrt, wenn er der Meinung ist, dieser Augstein sei eine Zeiterscheinung, die verdaut werden muß. Sie muß und kann nicht verdaut werden, sie macht einem übel und muß erbrochen werden. Sie ist zum Kotzen.

Bremen FRITZ MÜLLER

Augsteins Posaunen-Partitur: »Den Bestrebungen von F.J. Strauß, präventivem Denken Vorschub zu leisten, sind wir mit Ernst entgegengetreten.« Streiche: »Ernst« setze: »England«.

Kleineichen (Nrdrh.-Westf.) J. HAHN

Jeden Widerspruch gegen Augsteins Kriegsschuldthese als Nazi-Legende abzutun, ist nun wirklich das Letzte - das Allerletzte. Da gibt es nur eins: Den SPIEGEL zu boykottieren.

Eckernförde R. HILLMANN

Augstein, der nimmersatte Leithammel deutscher Selbstbeschmutzer, hat seine gefräßigen Sudelböcke in blindem Eifer diesmal auf eine abgegraste Weide geführt. Die Ursache des Ersten Weltkrieges wurde ein magerer Weidegrund für die heißhungrigen Beschmutzer der eigenen Herde. Der Mann braucht eine Lektion in Geschichte mit der Peitsche.

Mureck (Österreich)

DIETMAR GERHARDINGER

Man sollte meinen, daß bestimmten Herren und Damen nun doch endlich einmal aufgegangen ist, was Sie mit Ihren historischen Reportagen eigentlich beabsichtigen - nämlich nationalistisches Wirrwarrdenken durch vernünftiges Denken im Zusammenleben der Menschheit zu ersetzen, um dadurch ein noch viel größeres Debakel als die vorangegangenen zu verhindern. Wie schwer diese Aufgabe ist, beweist die Auswertung der Leserzuschriften, die teilweise erschütternde Bewußtseinsinhalte wiedergeben.

Sobernheim (Rhld.-Pfalz) ERNST KIENBAUM

* Ordentlicher Professor für Geschichte der Neuzeit und Direktor des Historischen Instituts der Universität Saarbrücken.

Schwenn**

Speer

** Ordentlicher Professor der Rechte an der Freien Universität Berlin.

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