KRITIK
(Nr. 28/51, Deutschland)
Bisher schätzte ich Ihre Zeitschrift als etwas wegen ihrer Unabhängigkeit Außergewöhnliches. Die Art und Weise jedoch, wie Sie in »schrecklicher Vereinfachung« Kritik an einer Kritik üben, zeigt doch deutlich, daß Sie sich abhängig fühlen von einer Schicht, die vielleicht nach Ihrer Meinung die Mehrzahl Ihrer Leser stellt und der Sie darum nach dem Munde schreiben zu müssen glauben.
1. Wie können Sie bei Cattiers Kritik an der freien Wirtschaft gleich mit dem Schreckgespenst der Rationskarten drohen?
2. Wollen Sie ernsthaft bestreiten, daß sich manche indirekte Steuer erübrigen würde, wenn man bei der Eintreibung der Einkommensteuer so rigoros vorgehen würde wie bei den Lohn- und Gehaltsempfängern?
3. Daß Sie der Mahnung an die Industrie und Geschäftswelt, sich mit einer kleineren Gewinnspanne zu begnügen und einen
größeren Teil ihres Arbeitserlöses in Löhnen und Gehältern weiterzuleiten, nichts Besseres als das Schreckgespenst der Inflation entgegenzusetzen wissen, setzt allem die Krone auf. Sie kennen doch gewiß das Mißverhältnis zwischen den Herstellungskosten einer Ware und dem Endverbraucherpreis.
Wie können Intellektuelle wie Sie sich so vor den Karren der Händlerkaste spannen lassen? Ich stehe zwar politisch sehr stark links, jedoch ohne einem Parteiidol. Ich wehre mich nur dagegen, daß ein gehobenes Schnorrertum unter mißbräuchlicher Berufung auf die demokratische Freiheit wie die Made im Speck lebt, während der übrige Teil des Volkes allein die Folgen des verlorenen Krieges und der vorangegangenen verfehlten Politik zu tragen hat. Ich werde weiterhin den SPIEGEL lesen, weil er mir als Informationsquelle wertvoll erscheint; aber mit unserer Freundschaft ist es vorbei.
Milspe
Kurt Fechler