Krumme Tour - DER SPIEGEL
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SCHULBÜCHER Krumme Tour

Wo hat der Geißbock an der »Schwäbsche Eisebahne« sein Leben gelassen - in Meckenbeuren oder Neckarsulm?
• aus DER SPIEGEL 22/1981
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Einheimischen singen es als eine Art schwäbischer Hymne, Volksfremde stimmen es mehr als Spottlied an -- das Lied »Auf de schwäbsche Eisebahne« wird vielen Gelegenheiten gerecht, und wohl nahezu jedermann glaubte es zu kennen.

Nun aber scheint fraglich, wie eigentlich die Mär von dem Bauersmann, der seinen Geißbock an den letzten Wagen des Zuges bindet, ohne die bedauerlichen Folgen zu übersehen, korrekt vorzutragen ist. Der Streit darum beschäftigt Politiker und Musikforscher, Sprachexperten wie Schulmeister.

Schuld ist das in Westdeutschland weitverbreitete Schulliederbuch »Schalmei«, herausgegeben vom renommierten S.83 Stuttgarter Verlag Ernst Klett. In seiner neuesten Ausgabe unterlief den Bearbeitern des Standardwerks gewissermaßen eine Entgleisung.

Führte die Bahn-Route bislang traditionell über die Haltstatione Schtuegert, Ulm und Biberach, Meckebeure, Durlesbach, so begibt sich der Landsmann jetzt auf eine ziemlich krumme Tour: Neckarsulm und Durlesbach.

Das bedeutet: Die in Südwürttemberg gelegene ländliche Gemeinde Meckenbeuren (9700 Einwohner, Bodenseekreis) wurde bedenkenlos ersetzt durch die nordwürttembergische Industriestadt Neckarsulm (20 000 Einwohner, Landkreis Heilbronn). Und das stimmt zumindest nicht überein mit der gleichsam natürlichen Streckenführung, wie sie auf den Seiten 750/751 des amtlichen Fahrplans für »Schnell-, Eil- und Nahverkehr« gedruckt ist: Ulm --Biberach -- Ravensburg -- Friedrichshafen.

Zwar liegt der Bahnhof Durlesbach vor Ravensburg, die Station Meckenbeuren aber danach -- es wurde also, um des Reimes willen, schon immer ein bißchen gefälscht. Neckarsulm jedoch, in der Bahntrasse Stuttgart--Heidelberg, liegt beinahe in einer anderen Welt. Dorthin gibt es keinerlei direkte Verbindung, weder sprachlich noch verkehrstechnisch.

Unverzüglich trug denn auch der Gemeinderat und Grundschulrektor August Hecht im Kommunalparlament von Meckenbeuren vermeintliche Schlamperei vor, kaum daß ihm die Neuauflage der »Schalmei« in die Hände geraten war. Der Leiter des Hauptamts von Meckenbeuren, stellvertretender Bürgermeister Alfred Rupp, monierte beim Klett-Verlag in Stuttgart, daß das »alte Volkslied ... grob verunstaltet wurde«. Ein- für allemal: »Es heißt nicht Neckarsulm und Durlesbach, sondern Meckebeure, Durlesbach.« Und das war ja nicht alles: »Außerdem heißt es im Refrain nicht rullala, sondern trullala.«

Rupp vermutete, wie er mündlich vertiefte, ein »Nordlicht« im Verlag, und da lag er richtig. Der verantwortlichen vierköpfigen Verlagsredaktion gehören nur zwei Schwaben an, darunter als Experte der Trossinger Musik-Professor Peter Fuchs, des weiteren aber zwei zugewanderte Buch-Macher.

Und dieses Gremium beeilte sich, genau Rechenschaft über den Ortsnamentausch abzulegen. Denn historisch gesichert, so stellte sich heraus, ist es keineswegs, daß der Geißbock auf den Gleisanlagen bei Meckenbeuren um sein Leben lief.

Vom Volksliederarchiv in Freiburg hatten die Liedersammler erfahren, daß es nicht nur in der besagten Strophe »eine Vielzahl von ganz verschiedenen Ausformungen« gebe -- Unterschiede vor allem im Dialekt und in der Grammatik, aber auch beim Inhalt, bei den Stationen und beim Kehrreim. Fünfzehn gedruckte Fassungen stöberte der leitende »Schalmei«-Redakteur Harald Hepfer insgesamt auf, keine sei mit einer anderen völlig identisch, mal heiße es Durlesbach oder Orlesbach, mal sogar »Mekla, Beura, Durlesbach« oder »Meggebeire«, aber auch »Nekkarsulm« und »Neckarsulm«. Hepfer an Rupp: »Eine ''richtige'' Fassung gibt es nicht« -- warum aber nun Neckarsulm gewählt wurde, weiß er eigentlich auch nicht.

Einige Variationen stammen aus der Zeit vor der Jahrhundertwende, Komponist und Autor des Liedes sind unbekannt, offen ist sogar, ob es sich überhaupt um ein echtes Volkslied oder etwa nur um eine Scherzweise, einen gereimten Schwank handelt.

Denn auch das mußten die Meckenbeurer aus Stuttgart hinnehmen: Der 1980 verstorbene schwäbische Musikprofessor Karl Aichele, anerkannter Stammesspezialist, nannte die fröhlichen Verschen einen »Ausverkauf des schwäbischen Geistes« und verhinderte, daß sie im Liederbuch des Schwäbischen Albvereins, größte Organisation im Südweststaat, abgedruckt wurden. Aichele hatte auch abgeraten, das Spottlied in die »Schalmei« aufzunehmen, aber darüber hatten sich die Klett-Lektoren hinweggesetzt.

Der Meckenbeurer Bürgermeister Siegfried Tann ließ sich zwar überzeugen, »daß tatsächlich mehrere Versionen dieses Liedes existieren«, beharrte jedoch: »Unser Argument, daß die Stationen der schwäbischen Eisenbahn in dem Lied folgerichtig von Stuttgart ausgehend über Ulm nach Biberach usw. verlaufen, dürfte, glaube ich, nicht widerlegt worden sein.«

Der Buchverlag hatte inzwischen ohnehin zurückgesteckt, denn Diskussionen und Umfragen, Briefe und Proteste erwiesen, daß die »Meckebeure«-Fassung populär, die Neckarsulm-Note weithin unbekannt ist. Von der nächsten Auflage an werde man deshalb, teilte Klett mit, die schwäbsche Eisebahne wieder »nach Meckebeure dampfen lassen«.

Ausgestanden ist die Sache damit aber nicht. Völlig ungeklärt ist noch, ob an den deutschen Schulen als Refrain künftig rulla, rulla, rullala oder doch lieber trulla, trulla, trullala gesungen werden soll.

S.83Postkarten-Illustration.*

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