NORDIRLAND Kugeln im Bein
Bleigraue Wolken verdüsterten den Himmel über Belfast, als letzten Donnerstag fast 20 000 Menschen vor der St.-Luke's-Kirche auf das Ende einer Totenmesse warteten.
Sie galt Robert ("Bobby") Sands und entsprach einer unheilvollen Tradition in Ulster, das seit der Teilung Irlands im Jahr 1922 die letzte Bastion der britannischen Krone auf der Grünen Insel ist.
Nur mehr 37 Kilo schwer, war Sands am frühen Dienstagmorgen nach 66 Tagen Hungerstreik auf einem Wasserbett im Maze-Gefängnis bei Belfast gestorben -- als 13. in der Reihe jener Ulster-Katholiken, die in diesem Jahrhundert den Hungertod gewählt hatten, um ein nationales Traumziel zu erreichen: die Vereinigung des irischen Nordens mit der zu 97 Prozent katholischen Republik im Insel-Süden.
Als erster -- und zwar an den Folgen rabiater Zwangsernährung -- starb dabei Thomas Ashe, der 1916 in Dublin Anführer des blutigen Osteraufstands gegen die britische Vorherrschaft gewesen war. Diesmal aber, 65 Jahre später, schien die leidvolle Vergangenheit Nordirland doch nicht in dem Maß eingeholt zu haben, wie Pessimisten ursprünglich befürchtet hatten.
Zwar kam es bereits in den ersten 24 Stunden nach Sands' qualvollem Sterben zu Unruhen. Jugendliche zündeten in Belfast Dutzende von Autos an, um mit den ausgebrannten Wracks wie üblich Barrikaden zu errichten. Noch in der Nacht zum Donnerstag, nur Stunden vor der Beisetzung von Sands, wurden aus Wales 600 Mann eines Elite-Bataillons nach Ulster eingeflogen, um die dort stationierten 11 100 Soldaten zu verstärken.
Zum Rundum-Krieg zwischen der Irisch-Republikanischen Armee (IRA) und den Straßentruppen der protestantischen Bevölkerungsmehrheit kam es bis zum Wochenende jedoch trotz allem nicht.
Das einzige angezielte Opfer war ein Polizeibeamter, der im Norden von Belfast hinterrücks erschossen wurde. Ein 21 Jahre alter Mann kam um, weil ein Sprengkörper, den er dabei hatte, aus Versehen in die Luft flog.
Die relative Ruhe vor und nach der Trauerprozession zum tristen Milltown-Friedhof, auf dem Sands in einer Reihe mit zwei früheren IRA-Aktivisten liegt, war zugleich auch das Ende eines Nervenkriegs, bei dem selbst die IRA mehrfach zum Trauern statt zum S.128 Schießen aufrief. Denn ein Amoklauf zorniger Sympathisanten vor der Beisetzung von Sands hätte die Illegalen weltweit wieder um Kredit gebracht:
Wie keiner vor ihm hatte Sands, der im April als erster IRA-Mann sogar zum Parlamentsmitglied gewählt wurde, im Ausland auf die Sache seiner Kampfgenossen aufmerksam gemacht.
Die Agonie von Sands schien sogar die auseinanderstrebenden IRA-Flügel -- national Gesinnte und Marxisten -zunächst wieder zu vereinen. Nicht der Bürgerkrieg mit Protestanten, »vielmehr Einigkeit in der kämpferischen Opposition gegen die britische Regierung« sei nunmehr das Nahziel, erläuterte etwa die Ex-Bürgerrechtskämpferin Bernadette Devlin-McAliskey, die einen gemäßigten Kurs befürwortet.
»Mr. Sands hatte mit Mrs. Thatcher zu tun. Das Ergebnis: Er ist tot.« Derart rüde kommentierte die »International Herald Tribune«, was der Eisernen Lady, »sich selber treu bis zur Karikatur« ("Le Monde"), letzte Woche widerfuhr -- internationaler Renommee-Verlust.
Von Anfang an hatte die Premierministerin Sands' Forderung verworfen, als politischer Gefangener anerkannt zu werden. Ein solcher Status, so meinte Margaret Thatcher vorigen Dienstag noch im Unterhaus, »stellte einen Freibrief dar zum Töten unschuldiger Männer, Frauen und Kinder«.
Wahr ist: An Kompromißideen hatte es während der Hungerzeit von Bobby Sands in keinem Fall gefehlt.
Die IRA-Häftlinge hätten beispielsweise Zivilkleider tragen können, die von ihren Angehörigen und nicht von den Behörden gestellt werden, lautete ein Vorschlag -- der von Sands gewünschte Sonderstatus hätte sich so leicht in die Tat umsetzen lassen. Der Kardinalprimas von Irland regte salomonisch an, alle nordirischen Gefängnis-Insassen, also auch die Kriminellen, Kleider ihrer Wahl tragen zu lassen.
Margaret Thatcher aber, die stets nur betonte, was die Regierung nicht zu tun bereit sei, blieb auf ihrem harten Kurs. »Unversöhnlichkeit aber«, so warnte etwa der US-Senator Edward Kennedy, selbst irischer Abstammung, »heizt den Terror nur noch an.«
Im Europaparlament zu Straßburg forderten sogar Frankreichs Gaullisten, die Haftbedingungen im Maze-Gefängnis zu »erleichtern«, während die sozialistische Fraktion, mit 113 Sitzen zugleich auch die stärkste, kritisierte, die Londoner Regierenden hätten eine »positive Aktion« vermissen lassen.
Zwei Politiker, die in dem nordirischen Drama eine Schlüsselrolle innehaben, zeigten sich von solchem Tadel unberührt. Innenminister William Whitelaw kündigte ein Gesetz an, das die Kandidatur von Maze-Häftlingen für einen Sitz im Unterhaus zukünftig verhindern würde. Und Nordirland-Minister Humphrey Atkins machte klar, weitere Hungersteikende »in keinem Fall von ihrem Kurs« abbringen zu wollen.
Unabwendbar ist denn auch die nächste Zerreißprobe. Nur 14 Tage nach Bobby Sands begann ein schon jetzt legendärer IRA-Mann zu hungern: Francis Hughes, ein 25 Jahre alter Lebenslänglicher, der 1978 bei einem Gefecht mit Soldaten einen Terrorfahnder tötete und dabei acht Kugeln ins Bein bekam.
Der Zustand von Hughes, so das Londoner Nordirland-Office letzte Woche, »verschlechtert sich weiter«. Er verliere hin und wieder das Bewußtsein, klage über Sehstörungen und Kopfschmerzen. Sein Tod könnte bewirken, was die Ultras aller Seiten nach dem Opfer Bobby Sands nicht schafften -am Ende doch noch ein nordirisches Bad in Blut.