BRASILIEN Kult um Lula
Nach dem ersten Sieg eines Linken bei Präsidentschaftswahlen ist das ganze Land im Lula-Fieber - doch seine politischen Spielräume sind eng. Die Medien, die Luiz Inácio »Lula« da Silva früher als radikalen Bürgerschreck präsentierten, entdecken in ihm nun Mr. Brasil, das Maskottchen für alle. Die Lula-Ausgaben der großen Magazine sind vergriffen, aber es gibt täglich Nachschub. Selbst ein Friseurbesuch wird zur Schlagzeile. In Lula erkennt das Land, das bisher politisch von Oligarchen bestimmt war, seine Wurzeln: einer von unten. Silva heißt hier jeder Zweite. Sogar die Märkte haben die Furcht vor dem politisch moderaten Kleine-Leute-Lula abgelegt. Seit seinem Wahlsieg ging die Börse stramm nach oben, die Landeswährung stabilisierte sich. »Lula ist nicht zum Präsidenten seiner Arbeiterpartei gewählt worden«, bekräftigt sein Berater Marco Aurélio Garcia, »sondern zum Präsidenten von 175 Millionen Menschen.« Dennoch bekommt der gewählte Präsident bereits jetzt einen Vorgeschmack darauf, wie schwer das Amt sein wird, das er im neuen Jahr antritt. Sein Sofortprogramm zur Bekämpfung des Hungers wird mit gemischtem Echo aufgenommen, da ähnliche Programme bereits existieren. Gleichzeitig verlangt die konservative Oppositionspartei PFL listig von Lulas Arbeiterpartei (PT), sofort die Anhebung der Mindestlöhne auf 240 Reais (67 Euro) zu beschließen. Sie weiß, dass das im Moment nicht finanzierbar ist. So ist die PT-Führung gezwungen, einen Vorschlag abzubügeln, den sie selbst als Opposition vor kurzer Zeit gemacht hat.