Kult und Sühne - DER SPIEGEL
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TV-SERIE Kult und Sühne

Das Niveau ist bescheiden, der Erfolg umso größer: Die RTL-Serie »Hinter Gittern« liefert düstere Knast-Erotik.
Von Oliver Gehrs
• aus DER SPIEGEL 11/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Im Frauengefängnis sind die Rollen klar verteilt. Das lesbische Mannweib hält die Leidensgenossinnen unter Kuratel, der Anstaltsleiterin dienen die ihr Anvertrauten zum privaten Frustabbau, und die Wächter stehen den Häftlingen für kleine amouröse Fluchten zur Verfügung.

Seit gut zwei Jahren geistert die Belegschaft der »JVA Reutlitz« durch das Programm von RTL und fährt regelmäßig Traumquoten ein. Inzwischen sitzen am Montagabend schon mal fünf Millionen Zuschauer vor dem Fernseher, um sich an den Schuld-und-Sühne-Geschichten zu ergötzen. Mal werden Verräterinnen mit der Heißmangel malträtiert, mal wird herzerweichend durch die Gitterstäbe geschaut oder beim Freigang ein kleiner Junge vorm Ertrinken gerettet. Merke: Gerade weibliche Knackis haben oft ein großes Herz.

Nicht die Gesetzeshüter sind die Sympathieträger der Serie, sondern die Verbrecher, denen die Autoren allesamt eine Vita ins Drehbuch geschrieben haben, die den Staatsanwalt im Zuschauer gnädig stimmen soll. Da gibt es Mütter, die die Kinder vor dem brutalen Vater schützen wollten, Ehefrauen, die betrogen wurden, und natürlich jede Menge unschuldig Einsitzende. Männer kommen in »Hinter Gittern« vorzugsweise als Weicheier in Uniform vor oder als mehr oder weniger zu Recht Ermordete: eine Mini-Revolution gegen das Patriarchat, und das ausgerechnet beim ehemaligen »Tutti Frutti«-Sender.

Dem damaligen RTL-Programmdirektor Marc Conrad war denn auch die homoerotische Knacki-Welt zu düster. Nachdem die erste Staffel von 26 Folgen abgelaufen war, bestellte man eher unentschlossen weitere zwölf, dann noch mal acht. Inzwischen gibt es Halbjahresverträge.

Tatsächlich war die wöchentliche Erfolgsserie von Anfang an ein großes Missverständnis. Nach der ersten Folge am 22. September 1997 meldeten sich in den echten Frauengefängnissen besorgte Anrufer, die um das Wohlergehen ihrer inhaftierten Angehörigen bangten.

Was den echten Häftlingen als übertriebene Härte erschien, war den Zuschauern daheim noch zu lasch. »Die haben sich beschwert, dass es zugehe wie im Mädchenpensionat«, erinnert sich Drehbuchautor Dietmar Hammer. Die Fernsehkritik wiederum sah sämtliche Macho-Phantasien vom Frauenknast aufs Schlimmste bestätigt, weil gleich zum Auftakt ausgiebig geduscht wurde.

Das gefiel nicht nur den Männern. Die Schauspielerin Katy Karrenbauer, die eine grimmige Knast-Amazone mit stramm festgezurrtem Haupthaar spielt, avancierte schnell zum Star der Lesbenszene und erhielt etliche Liebesbriefe - zum Schrecken der senderinternen Sittenwächter. Um die Serie vom Ruch allzu großer Libertinage zu befreien, wurden die lesbischen Neigungen der meisten anderen Charaktere über die Zeit als bisexuelle Verirrungen abgehandelt. Eine Konzession ans Massenpublikum.

Inzwischen liegt der Marktanteil bei den 14- bis 49-Jährigen regelmäßig über 20 Prozent, obwohl »Hinter Gittern« so ziemlich allen Regeln des Genres widerspricht. So agieren im Knast keine covertauglichen, jungen Menschen, sondern größtenteils mittelalte Aktricen in schlabberiger Anstaltskleidung. »Die Menschen gieren nach Leuten, die dem Ideal mal nicht entsprechen«, glaubt Producer Joachim Kosack von der Produktionsfirma Grundy/Ufa. »Außerdem wünschen sich viele, dass ihr Leben so geregelt wäre wie das im Gefängnis: klare Hierarchien, klare Feindbilder, klare Zeitabläufe.«

Damit die Serie der ordnungsbewussten Klientel auch weiterhin zusagt, wird fleißig Marktforschung betrieben. Mittels Fragebögen werden die Fans vernommen, welche Charaktere und Geschichten am besten ankommen, wer ein- und wer ausgewiesen werden soll. Die gewonnenen Erkenntnisse bekommen die Autoren auf den Tisch, um so ein Gespür für die Seelenlage des Publikums zu entwickeln.

Doch trotz des anhaltenden Erfolgs scheint die Serie manchem bei RTL noch immer suspekt zu sein. »Es dauert länger, weil man lange Zeit nicht an den Erfolg glauben konnte«, sagt Producer Kosack, dessen Mitarbeiter regelrecht Fronarbeit leisten, fast wie im echten Knast.

Mit viel Beton und etlichen Fenstergittern hat die Soap-Schmiede Grundy/Ufa, bekannt für die industrielle Fertigung von TV-Unterhaltung, eine verlassene britische Kaserne in Berlin-Spandau zum Fernsehverlies umgerüstet. In den unwirtlichen Backsteingebäuden arbeiten nicht nur Schauspieler, Regisseure und Kameraleute, sondern auch Autoren und Cutter. In vergitterten Zimmern werden die Geschichten erdacht, inszeniert und technisch bearbeitet - erst wenn die vorgeschriebenen neun Minuten pro Tag abgedreht sind, gibt's Freigang.

Pro Woche entsteht so eine komplette Folge, für die RTL rund 500 000 Mark bezahlt. Die Werbeerlöse dürften beim Dreifachen liegen. Im Laufe der Jahre setzte der Sender mit der Knacki-Serie so rund 80 Millionen Mark um - womit »Hinter Gittern« neben der Sat-1-Billigproduktion »Für alle Fälle Stefanie« als erfolgreichste Weekly des deutschen Fernsehens gilt. Oder, wie es unter TV-Managern heißt, als »Gelddruckmaschine«.

Deren Ausstoß soll nun durch das Merchandising erhöht werden. Nachdem es bisher lediglich Aufkleber fürs Auto gab ("I love Reutlitz"), droht in Zukunft eine ganze Kollektion mit Gefängnisdevotionalien: von der karierten Bettwäsche über Jacken bis hin zum Geschirr mit JVA-Logo. OLIVER GEHRS

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