Kultur-Schock
Die Bücher waren schon fast in Sicherheit, der Umzug stand unmittelbar bevor. Aber nun, wenige Wochen bevor die bibliophilen Kostbarkeiten in ein unterirdisches, besonders brandgeschütztes Magazin gebracht werden können, züngeln Flammen aus dem Dachstuhl der Anna Amalia Bibliothek in Weimar, und wenige Stunden später sind das Dach und ein großer Teil des Barockgebäudes komplett zerstört, ist das »geistige Zentrum der Nation« verletzt, wie Kulturstaatsministerin Christina Weiss klagt.
Das »Grüne Schlösschen«, 1565 erbaut, wurde 1761 von der Herzogin Anna Amalia als Bibliothek eingerichtet. 35 Jahre lang leitete Goethe den Bücher-Hort, in dem vor allem die klassische deutsche Nationalliteratur des 17. und 18. Jahrhunderts, aber auch zahlreiche Gemälde und Musikwerke aufbewahrt wurden. Insgesamt lagerten 120 000 Bände in dem Gebäude.
Die Katastrophe, die auch die obere Galerie des Rokoko-Saals total ruiniert, wird vermutlich durch einen Kabelbrand ausgelöst. Im uralten Holz der Dachbalken findet das Feuer sofort Nahrung. 50 000 Bücher verbrennen, 62 000 sind stark löschwassergeschädigt. Hunderte Weimarer Bürger eilen zu Hilfe, bilden eine Kette und reichen Bücher von Hand zu Hand, bis Zehntausende Preziosen im Trocknen sind. Durchnässte Bände werden ins Leipziger Zentrum für Bucherhaltung geschafft und bei minus 20 Grad zunächst schockgefroren. Der Gesamtschaden wird auf 70 Millionen Euro beziffert. Bibliotheksdirektor Michael Knoche ist zuversichtlich: »Der Wal ist schwer verletzt, aber er lebt noch.«