Kulturelles Vorurteil
Nr. 49/2000, Niederlande: Todesspritze für Schwerkranke
In einem Land, in dem die Schmerzbehandlung so schlecht ist wie hier, sollte man sich einer Kritik an der Niederländischen Sterbehilfe-Regelung enthalten. Wegen unzureichender Schmerztherapie wählen unsere Verzweifelten den Freitod. Jedes Jahr entschließen sich Tausende dazu, oft unter schwersten Bedingungen. Ist das besser als ein Todestrunk oder eine Spritze aus der Hand eines Arztes, der seine Ängste denen des Kranken unterordnet?
HAMBURG DR. DORIS SAYNISCH
Nachdem in Holland Sterbehilfe legalisiert wurde, soll der deutsche Gesetzgeber wenigstens Sterbehilfe in der Agoniephase bei Schwerstkranken erlauben. Jeder erfahrene Arzt weiß, dass in der Agoniephase lebensnotwendige Organe ihre Funktion einstellen und der Tod absolut sicher ist, Missbrauch ist nicht möglich.
NEUNKIRCHEN (SAARLAND) DR. M. FRISCH
Selbstbestimmung im Sterben? Die Niederlande stehen leider für anderes: Jeder Vierte, der durch aktive Sterbehilfe umkommt, wurde gar nicht erst gefragt. Leisten Ärzte Sterbehilfe, so ist es oftmals kein leichter Tod, bei 23 Prozent gibt es Komplikationen. Aktive Sterbehilfe heißt, Missstände bei der Versorgung schwerstkranker Menschen zu zementieren, anstatt die Lage der Menschen zu verbessern. Es heißt, Ärzte zum Töten auszubilden, entgegen ihrem hippokratischen Eid. Die Deutsche Hospiz Stiftung fordert stattdessen, Ärzte und Pflegekräfte in Palliativmedizin und in Hospizarbeit aus- und fortzubilden. Qualifizierte Versorgung sichert menschenwürdiges Sterben. Das wäre praktizierter Patientenschutz. Weil Sterben auch Leben ist.
DORTMUND MONIKA SCHWEIHOFF DEUTSCHE HOSPIZ STIFTUNG
Was sind wir doch für ein armseliger Haufen geistiger Gartenzwerge! Solange wir nichts dafür tun müssen, spucken wir große Töne von kulturellem Pluralismus, von Menschlichkeit und Toleranz. Und dann geht es um Todkranke, die um Hilfe und Erbarmen bitten. Menschen, die vielleicht nicht an einen gütigen Gott glauben, der sie in seiner unendlichen Weisheit verrecken lässt. Und schon bekommen wir kalte moralische Füße. Rücksichtslos zwingen wir kranken Mitmenschen unser kulturelles Vorurteil von Leben und Sterben auf.
LENGERICH (NRDRH.-WESTF.) A. REISENHOFER