Kumpel und Spötter - DER SPIEGEL
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BUNDESWEHR Kumpel und Spötter

Generalinspekteur Harald Kujat geht zur Nato. Der Nachfolger Wolfgang Schneiderhan wäre fast Lehrer für Deutsch und Geschichte geworden.
Von Alexander Szandar
• aus DER SPIEGEL 26/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Fetzige Töne hat sich der oberste Soldat gewünscht. Die Titelfanfare des Kinohits »Star Wars - Krieg der Sterne« signalisiert Aufbruchstimmung, volle Kraft aus Posaunen und Trompeten. Die will der Vier-Sterne-General Harald Kujat vom Stabsmusikkorps hören, wenn er am Donnerstag dieser Woche das Amt des Bundeswehr-Generalinspekteurs abgibt und aus dem Raumschiff Berlin auf einen Prestigeposten bei der Nato entschwebt.

Lobender Worte seines Dienstherrn Rudolf Scharping kann sich Kujat, 60, sicher sein. Der General hat Scharpings Bundeswehrreform entworfen. Tatsächlich ist das Verhältnis aber ziemlich abgekühlt, seit der SPD-Mann nach der Wahl 1998 den Luftwaffenoffizier zu sich holte und zunächst zum Chef des Planungsstabes machte.

Bei der Kommandeurtagung in Leipzig vor knapp zwei Jahren durfte Kujat, der im Sommer 2000 dem glücklosen General Hans Peter von Kirchbach auf dem Inspekteursposten nachgefolgt war, noch kumpelhafte Nähe zum Chef demonstrieren: »Herr Kamerad, Sie haben das Wort.«

Vor einigen Wochen ließ Scharping dagegen voller Misstrauen Videobänder von einem Treffen der Kommandeure aus Hannover nach Berlin schaffen: Kujat und mehrere Kameraden hatten - ganz anders als der schönfärberische Minister - angezweifelt, dass die Reform und der Kauf moderner Ausrüstung mit den geplan-

ten Haushaltsmitteln noch finanzierbar seien. Nun übernimmt Kujat den Vorsitz im Militärausschuss in der Brüsseler Nato-Zentrale. Dort soll er sich um eine neue Strategie kümmern und die Kommandostrukturen des Bündnisses straffen.

Sein Nachfolger in Berlin, Generalleutnant Wolfgang Schneiderhan, 55, hatte »Onkel Harald« (Ministeriumsjargon) schon einmal beerbt - auf dem Posten des Planungschefs. Der Offizier aus der Panzertruppe beteuert, er wolle Kujats Reformkurs halten und nur anhand der Erfahrungen mit Auslandseinsätzen ein wenig »nachsteuern«.

Ansonsten jedoch wirkt er wie ein personifiziertes Kontrastprogramm. Beinahe schmächtig erscheint er neben dem robusten Vorgänger. Kumpelhafter Umgang mit dem Minister kommt Schneiderhan nicht in den Sinn. Er hält auf Distanz: Das gebiete, wie er sagt, der »Respekt vor der Autorität des Amtes und des Amtsinhabers«.

Anders als Kujat, der einen Großteil seiner Karriere an Schnittstellen von Militär und Politik diente, hat der Neue eine »normale Wald- und Wiesenlaufbahn« (Schneiderhan) hinter sich. Nach dem Abitur ging er 1966 freiwillig für zwei Jahre zum Militär, wurde Ladeschütze im Kampfpanzer. »Teamarbeit und Technik« faszinierten ihn so sehr, dass er blieb. Anderenfalls, mutmaßt Schneiderhan, wäre er wohl Lehrer für Deutsch und Geschichte geworden - daheim auf der Schwäbischen Alb.

Sicher wird es im Bendler-Block einen Klimawechsel geben: Die Kräche, die der eher sture Kujat, im ehemaligen Westpreußen geboren, regelmäßig und weithin hörbar mit dem Staatssekretär Walther Stützle austrug, sind Vergangenheit: Die beiden rivalisierten ständig um Kompetenzen und das Ohr des Ministers.

Der auf der Insel Sylt gebürtige Stützle hat zwar eine schnoddrige Art und gibt sich bisweilen so, als wäre er selbst der Ressortchef. Aber der verschmitzte Schwabe Schneiderhan, ein Pragmatiker und Optimist, kommt mit ihm zurecht.

Viele zusätzliche Befugnisse wird Schneiderhan ohnehin nicht erhalten. Denn Scharping zögert, den schon geraume Zeit vorliegenden Entwurf eines Erlasses zu unterschreiben, der die Kompetenzen im Ressort neu regeln soll - zu Gunsten des Generalinspekteurs. Der ist bisher nur militärischer »Berater« der Bundesregierung und zuständig für die Planung, hat aber keine Befehlsbefugnisse. Das sollte wegen der Auslandseinsätze geändert werden. Vor der Bundestagswahl im September allerdings wird daraus nichts mehr.

Würde dann ein CDU-Minister Scharping ablösen, muss Schneiderhan kaum um den Job fürchten. Zwar ist er einer der engsten Berater des Sozialdemokraten, hat aber kein Parteibuch und verdankt seine Karriere teils schon Scharpings CDU-Vorgänger Volker Rühe: Der hatte den General in den neunziger Jahren als Brigadekommandeur in Erfurt schätzen gelernt und später im militärischen Führungsstab auf Schlüsselposten setzen lassen.

Schneiderhan ist ein selbstironischer Spötter, dazu ein großer Fan der schwäbischen Fastnacht. Und egal ob Scharping bleibt oder nicht: Notfalls beherzigt der oberste Soldat einen Spruch, den ihm eines seiner fünf Kinder vor Jahren zum Geburtstag auf einen Glückskäfer gemalt hat: »Lasse deine Vorgesetzten niemals merken, dass du besser bist als sie.« ALEXANDER SZANDAR

* Mit deutschen Soldaten in Kabul.

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