Kurs für Kaninchen - DER SPIEGEL
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BENTZIEN Kurs für Kaninchen

• aus DER SPIEGEL 4/1966
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Nach wochenlanger Mauljagd auf Bänkelsänger und Professoren, Literaten und Lichtspielregisseure feuerte die SED in der letzten Woche wirklich: ihren eigenen Kulturminister.

Hans Bentzien, 39, ist wegen »ernster Fehler« für die Staatspartei nicht mehr kabinettsfähig. Der pommersche Arbeitersohn, der als Jugendlicher erst in die NSDAP (1944) und dann in die SED (1946) eintrat, schied nach fünf Jahren farbloser Amtsführung als sozialistischer Sündenbock.

Sein Abgang markiert den vorläufigen Höhepunkt des Kulturkampfes, den die Einheitspartei gegen behutsame Liberalisierungstendenzen in der DDR -Welt des Geistes ficht (SPIEGEL 52/1965). Denn nach Erkenntnis der SED keimen »geistiger Hochmut und heuchlerischer Wahrheitsanspruch« in der heimischen Literatur, wuchert »spießbürgerlicher Skeptizismus ohne Ufer« in der Filmkunst, resultieren »Rowdytum, Unsittlichkeit und anarchistische Tendenzen« aus der (einst gefeierten) Beat-Musik.

Der Reihe nach wurden denn auch prompt abgekanzelt: die Staatsfilmgesellschaft Defa, weil sie Filme »gegen unsere Wirklichkeit« herausgebracht habe; der Schriftsteller Stefan Heym, weil er dem DDR-Literaturbetrieb »ständig negative Kritiken« gewidmet habe; Zeitungen und Zeitschriften, weil sie sich »der Darstellung der Unmoral in westlichen Ländern zugewandt« hätten.

SED-Schriftsteller und Zentralkomiteekandidat Helmut Sakowski ("Wir Genossen von der Kunst") kreidete dem Poeten Peter Hacks »rüpelhafte Obszönität« an. SED-Sicherheitskommissar Erich Honecker nahm sich den Bänkelsänger Wolf Biermann vor, der mit seinen »sogenannten Gedichten« sozialistische Grundpositionen verrate. Ministerpräsident-Stellvertreter Alexander Abusch giftete gegen Regisseur Kurt Maetzig, dessen Film »Das Kaninchen bin ich« - Inhalt: Kritik an der drakonischen Strafjustiz der Nachkriegsjahre - sich »in seiner Grundtendenz gegen den Sozialismus« richte.

Mit dieser Attacke gegen den Maetzig -Film wurde die Kampagne der Partei im Dezember letzten Jahres auch auf das Kulturministerium ausgedehnt. Abusch warf den Kulturniks vor, sie hätten die Produktion der Staatsfilmgesellschaft Defa mangelhaft überwacht. Den Bentzien-Stellvertreter Witt nannte er beim Namen, Bentzien selber hatte er im Sinn.

Letzte Woche wurde bereits der Minister-Nachfolger gekürt: KP-Veteran Klaus Gysi, 53. Obwohl der Berliner Arztsohn, der es zum Vorsitzenden des Börsenvereins deutscher Buchhändler in Leipzig und zum Chef des Ost-Berliner Aufbau-Verlages gebracht hatte, als linientreu gilt, gab ihm die Partei gleich Aufpasser bei. Damit die Kulturpolitik künftig den richtig-roten Kurs halte, sollen Kontrollorgane für verschiedene Kulturbereiche und insbesondere ein »Beirat für Film« installiert werden. Den DDR-Filmfertigern war die Lust am Experimentieren ohnedies vergangen. In den Studios der Defa und im sowjetzonalen Fernsehfunk wurden allzu gewagte Aufnahmen aus aufführungsreifen Filmen herausgeschnitten. Und Regisseur Kurt Maetzig übte im »Neuen Deutschland« Selbstkritik: »Das Kaninchen« ist ein schädlicher Film geworden, und ich muß zu meiner großen Beschämung die Feststellung des Genossen Abusch bestätigen.«

Die namhaften Literaten der DDR freilich fanden sich zu kritischer Selbsterniedrigung nicht bereit, obgleich das »Neue Deutschland« sie immer wieder mit sechsspaltigen Breitseiten eindeckte. So blieb es dem Vorstand des ostdeutschen Schriftstellerverbandes vorbehalten, die Partei zu besänftigen. Die Verbandsfunktionäre verdammten alle unbußfertigen DDR-Literaten und distanzierten sich insbesondere von dem verstockten Kollegen Stefan Heym: »Ein Beispiel besonders sichtbaren Einflusses der Ideologie des Feindes.«

Am selben Tage, da Bentzien gefeuert wurde, übermittelten sie Walter Ulbricht ihre Ergebenheitsadresse. Sie las sich so: »Wir danken dem Zentralkomitee und Ihnen, Genosse Ulbricht, für Ihre Hilfe auch in dieser Sache.«

Abgesetzter Kulturminister Bentzien

»Wir danken dem Genossen Ulbricht ...

Bentzien-Nachfolger Gysi

... auch in dieser Sache«

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