SÜDTIROL / PARTISANEN Kusch!
Zum erstenmal seit dem Wiederaufleben
des Kampfes um Südtirol mußte die österreichische Regierung öffentlich bekennen, daß ihre Südtirol -Politik gescheitert ist. »Wir haben den Südtiroler Extremisten keinen Auftrag gegeben«, klagte Außenminister Bruno Kreisky. »Wir sind außerstande, ihnen heute zu sagen: Hört mit den Bomben auf!«
Die Katerstimmung der österreichischen Volkstums-Strategen war so offenkundig, daß sich jüngere Politiker beider Wiener Regierungsparteien ermutigt sahen, eine sofortige Revision der Südtirol-Politik zu fordern.
»Langsam«, urteilte die »Neue Zürcher Zeitung«, »kommt die Gewissenserforschung in Gang, ob es richtig war, den radikalen Tiroler Politikern einen gewichtigen Einfluß auf die Bundespolitik zuzugestehen, und ob das jahrelange Dulden... gefährlicher Partisanenspielereien nicht das heutige Debakel vorbereitete.«
In der Tat hatten die Wiener Minister die Partisanen Südtirols nicht nur gewähren lassen, sondern auch recht nützliche Verbindungen zu ihnen unterhalten.
Einflußreiche Politiker der Österreichischen Volkspartei arbeiteten eng mit der Innsbrucker Zentrale der Freiheitskämpfer zusammen; deren geistiger Mentor, der Tiroler ÖVP-Boß Oberhammer, galt als enger Berater Kreiskys und beeinflußte somit den Kurs der Wiener Regierung.
Zudem nutzte das Kabinett die Drohung der Partisanen, notfalls Gewalt anzuwenden, als Druckmittel in den Verhandlungen mit Italien, hoffte Wien doch, die Italiener auf diese Weise konzessionsbereiter zu machen.
Kein österreichischer Minister hatte freilich dabei ernstlich die Absicht, den Freiheitskämpfern einen Befehl zum Losschlagen zu erteilen. Im Gegenteil: Ein »Kusch!« des damaligen Bundeskanzlers Julius Raab genügte, um die Extremisten für eine Weile zum Schweigen zu bringen.
Raabs Nachfolger indes, Alfons Gorbach, verfügt nicht über die gleiche Autorität. Unmittelbar nach seinem Amtsantritt machten sich denn auch die Terroristen selbständig und trieben ihre eigene Dynamit-Politik.
Was zu Raabs Zeiten lediglich eine großsprecherische Drohung war, wurde Wirklichkeit: Die Extremisten sprengten nicht nur Eisenbahngleise, sondern lädierten am Ende auch die österreichische Südtirol-Politik.
Denn die Aktionen der Bombenleger verstärkten nur die Position der Italiener und konfrontierten Österreich der Klage, die Alpenrepublik könne in den Augen der Welt nicht mehr als »friedliebendes, verträgliches, von nationalem Chauvinismus freies Land gelten« - so der Wiener »Kurier«.
Schlimmer noch: Die Terroristen verschütteten mit ihren Anschlägen auch den letzten Ausweg, den sich die Wiener Regierung noch offenzuhalten versucht hatte. Österreichs Südtirol-Politiker hofften nämlich insgeheim, die Vereinigten Staaten würden vermittelnd in den Konflikt eingreifen und den italienischen Nato-Partner zur Mäßigung zwingen.
Als Bruno Kreisky aber Mitte Juli in der Wiener US-Botschaft vorfühlen ließ, wurde ihm bedeutet, angesichts der sowjetischen Berlin-Drohungen sei die Südtirol-Frage ein recht »unnützes Problem«. Washington könne sich, gaben die Amerikaner zu bedenken, nicht mit
anachronistischen Überresten nationalstaatlicher Streitigkeiten aufhalten.
Formulierte ein Sprecher der US-Botschaft: »Sollen wir Amerikaner vielleicht das Risiko heraufbeschwören, daß sich die Bomben der enttäuschten Extremisten dann direkt gegen unsere Nato-Basen richten?«
Kreisky