LACK AB - DER SPIEGEL
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Artikel 71 / 75

Briefe

LACK AB
• aus DER SPIEGEL 44/1967
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

LACK AB

(Nr. 42/1967, Berlin und Nr. 41/1967, Rudolf Augstein)

Berlin bleibt doch Berlin! Daran werden Sie nichts ändern, auch wenn von Ihnen tausendmal häßliche, gemeine, unappetitliche und ekelerregende Pamphlets über diese Stadt veröffentlicht werden. Anscheinend sind Ihnen die Teufel- und Dutschke-Parolen zu Kopf gestiegen. Sie sollten sich etwas schämen. Pfui Teufel! Was Sie tun, ist eine Ungezogenheit, eine Frechheit, die zum Himmel schreit. Sie verketzern die Berliner Bevölkerung und versuchen, einen Keil zwischen Berlin und Westdeutschland zu treiben. Es lebe Berlin!

Eschborn (Hessen) WILHELM HÖRNICKE

. das Infamste, was in letzter Zeit gegen Berlin geschrieben wurde. Allein die Bebilderung dieses Artikels stellt eine grobe Täuschung dar. Wenn Sie jemals in Berlin waren, werden Sie wissen, daß die Wirklichkeit ganz anders aussieht, daß die Stadt auch heute »zwischen den Zeiten« vor Vitalität platzt.

Berlin CM. LUTZ

Berlin ist ebenso brüchig und vermottet wie dort die SPD. Ob Brandts Schütze wohl trifft oder wird er Berlin endgültig sturmreif schießen?

Berlin KLAUS HERZ

Mit Ihrem Artikel werden Sie überall dort Beifall finden, wo »Berlin-Pessimismus« seit einiger Zeit zum guten Ton gehört.

Berlin GÜNTER ERKENS

Berlin vermag keinen westdeutschen Hund mehr hinter dem Ofen hervorzulocken, höchstens an Festtagen zu wehklagender Erinnerung zu animieren. Dem Studenten und Wahl-Berliner bleibt die Freude über den frischen »SPIEGEL«-Wind, der das glänzende Mäntelchen von den Berliner Krücken zog.

Berlin GERHARD ARMANSKI

cand. pol.

Die Änderung der sowjetischen Taktik zeigt erste Früchte. Nicht Druck und ein furchterregendes Ultimatum, sondern ein paar »Teufel«-eien und ein bißchen »Obn(e)sorg«-Theater lassen das Potemkinsche, total subventionierte Superdorf in den schon lange angefaulten Grundfesten erzittern.

Offenburg HERMANN Lipps

Erst auf den zweiten Blick wird auch der aufmerksame Leser Ihres letzten Berlin-Reports gewahr, daß dieser vielleicht doch nicht gar so Berlinfeindlich gemeint ist wie es zunächst scheinen mag, vergleicht man ihn mit jenem anderen, mit dem Sie vor Jahresfrist unter dem Titel »Berlin -- die unheimliche Hauptstadt« die wohl beste Analyse von Anspruch und Wirklichkeit der geschundenen Stadt geliefert haben, die je publiziert wurde. Wenn Sie allerdings glauben, einen Wandel der Bonner Berlin-Politik dadurch erreichen zu können, daß Sie die schon vor einem Jahr vorhandene und von Ihnen richtig beschriebene Krise diesmal in erheblich grelleren Farben malen, dann verkennen Sie dabei, daß Berlin der Bundesregierung stets nur den jeweiligen Kurswert bedeutet hat, mit dem die Werte des Kalten Krieges gerade an der Börse der Weltpolitik notiert wurden. Deshalb steht zu befürchten, daß Ihr Bericht letztlich doch nur das wird, was Sie hoffentlich nicht absichtlich spenden wollten: Wasser auf die Mühlen jener, die da in Hintertupfing, Düsseldorf oder Bonn voll hämischer Schadenfreude auf die Krise in Berlin zeigen und sich schon dem Sieg in jenem Kampfe nahe wähnen, den die deutsche Provinz seit fast einem Jahrhundert gegen ihre Metropole führt. Berlin hat Nazis, Bombenteppiche, Blockade und rund 20 Jahre Deutschland-,"Politik« der CDU überlebt. Es wird auch Axel Springer, die Mauer und den Aufstand des »gesunden Volksempfindens« gegen unruhige Studenten überleben, sofern es sich nur auch weiter der Hilfe jener wenigen sicher wissen darf, die -- wie bislang der SPIEGEL -- im Land der Gartenzwerge und der sogenannten » Großen« Koalition die Unentbehrlichkeit einer urbanen Metropole erkannt haben.

Berlin WOLFGANG VON MALSEN*

Was wollen Sie mit dieser Berlin-Häme bloß bezwecken? Berlin muß Mut und nochmals Mut gemacht werden, besonders, wenn der neue Bürgermeister das Zepter in die Hand nimmt.

Berlin FRITZ SCHWENN

Was Rudolf Augstein mit seiner Kolumne: »Schaut auf diese Stadt« von sich gibt, ist ein denkbar schlechter Start für die Normalisierung der politischen Verhältnisse in West-Berlin, Mit der voreiligen Abqualifizierung von Klaus Schütz liefert er der Studenten-Kommune die Nachschubmunition, die ihr die Fortsetzung der Abfahrten gegen die von uns gewünschte Ordnung in dieser Stadt mehr als geboten erscheinen läßt.

Bad Godesberg PAUL EINHEUSER

Was mich betroffen macht an Ihren Zeilen, sind Ihre -- ja ich muß schon sagen -- leichtfertig abwertenden Bemerkungen über Klaus Schütz, den die Sozialdemokraten -- meines Erachtens völlig zu Recht -- als neuen Regierenden Bürgermeister Berlins ausersehen haben. Kennen Sie Klaus Schütz eigentlich so genau, daß Sie Ihr Urteil vor sich selbst rechtfertigen können? Wie können Sie begründen, daß dieser Mann sich nicht »weithin hörbar artikulieren kann«? Wieso können Sie ihn als »einen gerissenen, kaltrechnenden Taktiker« von vornherein abqualifizieren?

Ich könnte so noch einiges aus Ihrem Artikel aufzählen, möchte es dabei aber bewenden lassen. Sagen möchte ich aber, daß ich die Fähigkeiten von Klaus Schütz, vielleicht auch seine menschlichen Schwächen kenne und aus dieser Kenntnis heraus, die ich aus vielen Sitzungen und persönlichen Gesprächen beziehe, der Überzeugung bin, daß Berlin im gegenwärtigen, schwierigen Augenblick den richtigen Mann als Regierenden Bürgermeister bekommt. Es mag sein -- wer vermag das vorher zu sagen? -, daß auch er scheitert. Ich glaube es aber nicht.

Da Sie glauben, Klaus Schütz so massiv abwerten zu müssen, könnte

man erwarten, daß Sie wenigstens

* FDP-Vorsitzender im Berliner Bezirksverband Charlottenburg.

eine Alternative zu ihm aufzeigen. Aber die sucht man vergebens in Ihrem Artikel. Übrigens ist Ihr Satz »Irgendeinen Kandidaten, den man als den Regierungschef eines Bundeslandes passieren lassen könnte, hat die SPD nicht vorzuzeigen« schlicht falsch. Die SPD tut sich zwar in Berlin schwer, hat aber im weiten Bundesgebiet eine Anzahl von Köpfen. Schließlich ist es ihr nicht allzu schwergefallen, neun Bundesminister zu stellen, als sie sich auf die Große Koalition einließ.

Bad Godesberg DR. HANS SCHÄFER*

Lenin sagte: »Wer Berlin beherrscht, hat Deutschland.« Das gilt auch heute noch.

Wolfshagen F. PAHL Wer immer Berlin auch regiert -- die Halbstadt ist auf verlorenem Posten, seitdem der dringend notwendige Fronstadt-Mythos und das Brückenkopf-Bewußtsein baden gingen. Den »Schütz« -enden Lack hat nicht zuletzt der SPIEGEL mit abgekratzt.

Berlin LOTHAR SEIFERT

Wir Berliner können Herrn Augstein für seine immer sachlichen und treffenden Berichte nur danken. Denn seit zirka 15 Jahren hören wir von unseren Politikern immer nur -- wie mutig, wie tapfer wir Berliner sind, wir wären das Bollwerk der Freiheit und so weiter, und so weiter ... Die meisten dieser noblen Herren haben Berlin gleich wieder verlassen. Zurück blieben nur zweit- und drittklassige Politiker, veraltete Fabriken, Rentner und die Mauer.

Berlin DETLEF BÜRGER

Wie wollen auch Unternehmer ohne zwingenden Grund in West-Berlin Investitionen vornehmen, wenn sie von unserer Regierung fast nichts anderes zu hören bekommen als die Argumente des Kalten Krieges, nach denen West-Berlin unaufhörlich vom eroberungslustigen Ostblock einverleibt werden soll? Wie mögen die Berliner von alleine darauf stoßen, von sich aus ihre einmalige Chance zu nutzen, Mittler zwischen Ost und West zu werden, wenn sie täglich von Herrn Springer die »einzig mögliche Art, den Status quo zu erhalten« vorgedacht bekommen?

Darmstadt JOCHEN ZILLIG

stud. sc. ed.

Die Fakten der SPIEGEL-Geschichte über Berlin werden stimmen dafür bürgt Ihr Archiv.

Der Ton des Artikels aber und die Haltung, die sich darin ausdrücken, sind deprimierend. Sie offenbaren eine

* Von November 1962 bis Dezember 1966 Staatssekretär im Bundesinnenministerium.

regelrechte Schadenfreude lieber Landsleute darüber, daß Berlin eine Stadt in Bedrängnis ist, die Bosheit derjenigen, die vom Niedergang Berlins profitiert haben.

Dieses mit verschränkten Armen Zusehen, dieses genüßliche Kommentieren der Zustände in der geschundenen Stadt ist unfaßbar. Durch eine Ungunst des Schicksals hätten ebensogut Hamburg oder München von der Diktatur umgeben sein können, die wir auf Ihre Empfehlung hin DDR zu nennen haben. Da es anders gekommen ist, sieht man eher amüsiert zu, wie sich

die zu Polkwitz gewordene ehemalige Metropole quält. Wenn man diese SPIEGEL-Geschichte liest, ist man doch froh darüber, daß es Springer gibt.

Berlin HORST PILLAU

Man kann ja nun wahrlich nicht behaupten, daß Berlin droht, ein Polkwitz zu werden, wenn man den Wiederaufbau der Stadt an Autobahnen, U-Bahnen, Kaufhäusern, Wohnvierteln, wie dem größten Klinikum beobachtet; es entsteht eine sehr moderne Stadt, wie kaum anderweitig.

Was das Investieren anbetrifft: So hat allein der Bauherr Artur Pfaff aus Köln, trotz Ihres Artikels in Berlin für 100 Millionen Mark investiert, 48 Millionen Mark allein am ehemaligen Anhalter Bahnhof auf dem Excelsior Gelände, wo in der Nähe ebenfalls das Visser Hochhaus entsteht. Er schreibt übrigens: »Auch meine Gesellschaften sehen kein besonderes Risiko, in Berlin zu investieren.« Der Springer-Verlag, den Sie so herabwürdigen, hat am Kontrollpunkt in der Nähe der Friedrichstraße, und zwar in der Kochstraße, ein gewaltiges Hochhaus für seinen Verlag erbaut und damit wohl den nötigen Mut bewiesen!

Braunschweig E. Boot

Die Mode verkrümelt sich nach München, die jungen Kräfte haben die Nase voll und kehren zurück in die Bundesrepublik. Dafür kommen die Gammler und das sogenannte akademische Proletariat linker Prägung. Wie Aasgeier riechen sie den Verfall, Fliegen gehen immer dahin, wo etwas fault, da lassen sie sich nieder. Warum geht so etwas nicht in Essen oder Dortmund oder dort, wo wirkliches Leben ist, in einem Industriezentrum? Warum geht es dort nicht? Einfach schon deshalb, weil dort hart gearbeitet wird. Und hart arbeiten können weder

* Schriftsteller, Autor von Theaterstücken ("Das Fenster zum Flur") und Fernsehspielen ("Großer Mann, was nun?")

Dutschke, Neyermann noch Teufel oder die Kommune. Sie leben als parasitärer Körper in einer dahinvegetierenden Stadt, die nur noch von ihrer Vergangenheit zehrt und die wegen der Reklame eine Reise noch wert ist.

Berlin HEINZ MIESSLER

Diplom-Kaufmann

Warum wohl findet die »Revolte gegen die subventionierte Agonie« vor allem in Berlin statt? Weil eben hier genügend Jugendlichkeit vorhanden ist und weil Berlin nicht droht Polkwitz zu werden.

Berlin GERHARD NAEHER

Als Berliner kann ich Ihnen und Ihrem Redaktionsstab nur einen Rat geben, einpacken, Fahrkarten kaufen und ab nach Polkwitz. Beglücken Sie 1670 Polkwitzer mit Ihrer Anwesenheit, das »Neue Deutschland« wird man vergessen und die dortige Kreiszeitung wird Ihre Mitarbeit zu schätzen wissen. Nur auf A. C. Springer werden Sie verzichten müssen.

Berlin GERHARD KNOP

Kennen Sie schon den neuesten Polkwitzer Witz? »Springer verlegt seinen Verlag nach Polkwitz, der SPIEGEL zieht an die Mauer.« Dann wird Berlin nicht weiter verpolkwitzern!

Berlin KURT MEINERT

Polkwitz, Kreis Glogau, 1670 Einwohner, eine Dampfziegelei, zwei Kirchen, ein Altersheim und die SPIEGEL-Redaktion.

Berlin JÜRGEN MUMM

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