BRASILIEN Land der Zukunft
Noch einmal wird das Volk tanzen und die friedliche Samba-Revolution feiern, mit der es einen der Ihren ins höchste Staatsamt getragen hat: Karawanen aus allen Landesteilen werden sich sternförmig auf die Hauptstadt Brasília zubewegen und Luiz Inácio ("Lula") da Silva zujubeln, wenn er am Neujahrstag von seinem Vorgänger Fernando Henrique Cardoso die Insignien der Macht übernimmt.
Rund tausend Busse werden sich auf den Weg machen, und einer davon bringt 21 Verwandte des neuen Präsidenten aus dem Nest Caetés im armen nordöstlichen Bundesstaat Pernambuco, in einer 36-stündigen Fahrt-Strapaze. Sie sind Familie. Doch im Grunde sind alle Familie. Die Armen, die Entrechteten, die Ausgeschlossenen.
In seinem Lebensweg erkennen sie sich wieder, in seiner Vita heroisieren sie sich. Dieses Kind, das einst in den Süden zog, mit der Mutter, auf Suche nach Arbeit. Das seinen Weg ging, den Oligarchen, den Politikern, den Militärs zum Trotz. Lula, der die Arbeiterpartei PT gründete und sich mit langem Atem dreimal vergebens bewarb, bis er es geschafft hatte.
Hunderttausende von T-Shirts werden bedruckt werden mit dem roten Stern der PT und den Slogans der Hoffnung und des Neuanfangs. Eine Million Menschen werden zur Inaugurationsfeier erwartet. Und auf vielen Hemden wird der Spruch stehen: »Ich habe ihm zum Sieg verholfen«. Das heißt: Ich selbst habe gewonnen.
Millionen denken so. Anders als bei den Zeremonien der Vorgänger, in denen das gemeine Volk auf Distanz gehalten wurde, wird man, so PT-Chef José Genoino, »die Hitze der Menschen spüren«. Die Bossa-Nova-Legende Gilberto Gil - der neue Kulturminister - wird die Stimmung anheizen. Die frohe Botschaft: Die sanfte Samba-Revolution ergreift die Macht.
Seit seinem Erdrutschsieg im vergangenen Oktober, dem mit 61 Prozent klarsten Wahlerfolg der Geschichte des Landes, stieg die Zustimmung zu Lula auf über 70 Prozent noch weiter an. Eine alte Formel leuchtet in neuem Glanz - Stefan Zweigs Behauptung von Brasilien als dem »Land der Zukunft«.
Mehr soziale Gerechtigkeit hat Lula im Wahlkampf versprochen, und die, das wissen alle, ist überfällig. Das von der Natur so üppig beschenkte Riesenland zwischen dem Amazonas im Norden und den Viehweiden im Süden, das unter den zehn größten Wirtschaftsmächten der Erde rangiert und das die Portugiesen einst unter Clans und Oligarchen aufgeteilt hatten, wartet noch immer auf eine echte Landreform.
Die mondänen Shopping-Malls in Rio de Janeiro oder São Paulo bieten den gleichen verschwenderischen Luxus wie die in Tokio oder New York. Gleichzeitig aber leben rund 53 Millionen Brasilianer von weniger als einem Dollar am Tag, also unterhalb der von der Weltbank festgelegten Elendsgrenze. Das sind fast ein Drittel der gesamten Bevölkerung.
Das Land ist reich an Wissenschaftlern und Ingenieuren der Spitzenklasse. Es hat mit Embraer eine der besten Flugzeug-Produktionen der Welt. Brasilianische Gen- und Biotechnologen sind bahnbrechend. Dennoch haben längst nicht alle gleichberechtigten Zugang zu den Bildungsstätten des Landes. Ein immenses Potenzial, das da verschleudert wird. Das Land war überreif für einen wie Lula.
Für einen, der den Hunger kennen gelernt hat. Mit seinem Programm »Fome Zero« zur Bekämpfung des Elends will Lula die Akzente der Politik neu setzen. Eines der am üppigsten ausgestatteten Ministerien wird das neu geschaffene für Stadtentwicklung sein, das für dringend benötigte Wohnungen, Verkehrssysteme, Kanalisation, Infrastruktur sorgen soll.
Insgesamt zehn Millionen neue Arbeitsplätze will Lula schaffen. Gleichwohl soll die Haushaltsdisziplin trotz aller sozialen Investitionen beibehalten werden, denn daran sind die Kreditzusagen des Weltwährungsfonds gebunden.
Keiner kann absehen, wie viel Lula von seinen Vorstellungen umsetzen kann. Keiner kann demnach abschätzen, wie brutal die Ernüchterung nach dem Siegestaumel sein wird. Der neue Präsident steckt in einer komplizierten Lage: Er braucht den Enthusiasmus seiner Landsleute und muss gleichzeitig ihre Erwartungen dämpfen.
Das Land erlebt eine schwere Schuldenkrise. Der Spekulationsdruck gegen den Real hat die Währung weichgeschossen, die allein im letzten Jahr 35 Prozent gegenüber dem Dollar verloren hat. Die Wirtschaft sei so krank, scherzte der Präsident, dass er mit Antônio Palocci einen Mediziner zum Finanzminister gemacht habe.
Die Berufung Paloccis, der als konservativer Marktwirtschaftler gilt, hat die internationalen Finanzmärkte ebenso beruhigt wie die Ernennung des Bankers Henrique Meirelles von der FleetBoston zum Chef der Brasilianischen Zentralbank. Die Landeswährung legte daraufhin im Vergleich zum Dollar kräftig zu.
Sollte Lulas Drahtseilakt auf dem Weg zu mehr Demokratie und sozialer Gerechtigkeit ohne nennenswerte Neuverschuldung gelingen, könnte er zum Politikmodell des ganzen Kontinents werden. Und nicht nur dort. »Auch in den USA«, so Samuel Berger, einstiger Sicherheitsberater von Ex-Präsident Bill Clinton, »wird man Lulas Politik mit großem Interesse verfolgen.«
Selbst bei den konservativen Ökonomen des Weltwährungsfonds hat sich mittlerweile die Einsicht durchgesetzt, dass Privatisierungsrezepte allein nicht helfen. Allzu krasse Ungleichheiten, so IWF-Chef Horst Köhler, seien ebenso wachstumshemmend. Die Beseitigung ihrer Begleiterscheinungen - Kriminalität, schlechte Schulbildung, Epidemien, Korruption - seien einfach zu kostspielig.
Lula plant den Umbau der Gesellschaft mit Hilfe der Gesellschaft. Nichts könnte diese große »Koalition der Hoffnung« besser abbilden als die Zusammensetzung der Regierung, die mit ihren 25 Ministerien die umfangreichste der brasilianischen Geschichte ist. Da sitzt die Tochter eines Gummizapfers neben einem Textilfabrikanten, ein Ex-Terrorist neben einem Banker, eine Mulata, die in der Favela groß wurde, neben dem Absolventen einer USamerikanischen Elite-Universität.
Wo so viel guter Wille ist, wird manchmal übertrieben. Er wolle eine »Wir-Regierung«, sagte Lula, in der alle mit einer einzigen Stimme sprächen. Das klang einigen dann doch zu sehr nach Wohngemeinschaft. Nach verhaltenen Protesten präzisierte der gewählte Präsident: Natürlich sei damit nichts gegen die Autonomie der einzelnen Ministerien gesagt.
Doch noch ist das Land in Flitterwochen mit seinem neuen Präsidenten. Immer noch erweckt es den Eindruck, als könnte es gar nicht fassen, was da geschehen ist - am allerwenigsten Lula selbst.
Als er vor zwei Wochen vom Obersten Wahlgericht in Brasília die Urkunde entgegennahm, die ihn formell zur Präsidentschaft berechtigte, wurde er von Tränen der Rührung übermannt. »Ich, dem man so oft vorgeworfen hat, keinen Universitätsabschluss gemacht zu haben, bekomme jetzt mein erstes Diplom - das des Präsidenten meines Landes.« Nicht wenige im Saal weinten mit ihm.
Trotz allen Überschwangs jedoch ist Lula ein sturmerprobter und durchaus gewiefter Taktiker, der seine Ziele nie aus dem Auge verliert. Wie sollte es anders sein bei einem, der die Diktatur bekämpfte, für seine Überzeugungen ins Gefängnis ging und sich dreimal vergebens um das Präsidentenamt bewarb, ohne je aufzugeben.
Die Regierungsbildung konnte er ohne größere Pannen vollenden. Lula hat die aufkeimenden Machtkämpfe in den eigenen Reihen frühzeitig ausgetreten und auch befreundeten Provinzfürsten klar gemacht, dass sie sich an die Budgetpläne zu halten hätten.
Soeben hat er den frisch ernannten Ministern seiner Regierungskoalition eine Revision ihrer Budgets abverlangt: Die Kassenlage sei schlechter als angenommen. Gleichzeitig hat er dafür gesorgt, dass rund drei Viertel des Haushalts von Ministern der eigenen PT kontrolliert werden - keiner wird da kostspielig aus der Reihe tanzen.
Pragmatismus hat Lula diesen Monat auch schon im Ausland bewiesen und dabei durchaus riskiert, die eigene radikale Gefolgschaft zu verprellen. Sein Besuch im Weißen Haus war für die linke Basis seiner PT ein Kulturschock: Lula sprach von einem äußerst erfreulichen Treffen mit Präsident George W. Bush, der wiederum die Bedeutung, die der Besuch für die USA habe, nicht oft genug betonen konnte - und das, obwohl Lula ehemalige Guerrilleros in seiner Entourage mitgebracht hatte.
Derartig angeregt und freundlich war das Treffen, dass sogar ein bilaterales Abkommen zwischen den beiden stärksten Mächten Nord- und Südamerikas angesprochen wurde - was bisher als verpönt galt, weil der Aufbau des südamerikanischen Wirtschaftspaktes Mercosur Vorrang hatte. Mit ihm wollte der scheidende Präsident Fernando Henrique Cardoso ein wirtschaftliches Gegengewicht zum übermächtigen nordamerikanischen Nachbarn aufbauen. Doch mit der Krise in Argentinien sind die Hoffnungen auf ein annähernd ebenbürtiges Bündnis erst einmal zerstoben. Nun sieht man sich nach anderen Optionen um.
So viel Pragmatismus bei anhaltender linker Solidar-Rhetorik scheint bisweilen Ratlosigkeit zu erzeugen. Wo steht der neue Präsident nun, links oder rechts?
Die Auguren stürzen sich auf Zeichen: Beim Treffen im Weißen Haus trug Lula den roten Stern seiner Arbeiterpartei am Revers. Das hatte die linken Traditionalisten aufatmen lassen.
Auf der anderen Seite aber fragten aufgebrachte konservative Kommentatoren in der Heimat, wen denn dieser Präsident nun vertrete - nur die eigene linke Partei oder das Land? Mit derartigen Anwürfen geht Lula mittlerweile souverän um. Nun gibt es Anstecknadeln, die PT-Emblem und Landesbanner friedlich vereinen.
Dass Lula das Riesenland bisher überwiegend geschlossen hinter sich vereinen konnte, ist auch das Verdienst seines Vorgängers. Selten wohl hat ein scheidender Präsident die Machtübergabe so klug, so staatsmännisch, so überparteilich vollzogen wie Cardoso. In seiner achtjährigen Amtszeit hatte der Vorgänger längst nicht
alle notwendigen Reformen wie die des
kostspieligen Pensionssystems anpacken können. Da ihm im Kongress die Mehrheiten fehlten, regierte er vorwiegend mit Dekreten - insgesamt um die 2500.
Doch Politik wird heute anders betrieben als vor Cardosos Amtsantritt. Argumentativer, weniger klientelistisch. Cardoso und Lula kennen sich seit Jahrzehnten, aus den Tagen des Kampfes gegen die Militärdiktatur, und schätzen einander.
Den Hunger, die Ungleichheit, die Korruption, die verheerende Bandenkriminalität, all das konnte die Regierung Cardoso nicht bezwingen. Doch es ist auch sein Verdienst, dass sie als Probleme erkannt werden. In der Regierungszeit Cardosos ist das Vertrauen in die demokratische Ordnung gewachsen. Korrupte Richter wanderten ins Gefängnis, bestechliche Parlamentarier verloren ihre Posten.
Das ist Cardosos Sieg: dass Brasiliens Wähler mit Lula einen grundehrlichen Arbeiter in den Präsidentenpalast geschickt haben. Und dass sie gleichzeitig eine ganze Reihe jener Dinosaurier beerdigten, die sich über Gouverneurs- oder Bürgermeisterwahlen in die Politik hatten zurückzocken wollen, der ehemalige Staatspräsident Fernando Collor de Mello genauso wie São Paulos korrupter Ex-Gouverneur Paulo Maluf.
So wurde die Wahl Lulas zur demokratischen Reifeprüfung - die Ausgeschlossenen lieferten sich nicht länger Populisten und Putschisten aus, sondern wählten einen ausgewiesenen Politiker zum Präsidenten.
Wie ein historisches Auslaufmodell wirkt daneben Venezuelas operettenhafter Hugo Chávez, der Fallschirmjäger und Ex-Putschist, der jüngste einer ganzen Ahnengalerie lateinamerikanischer Populisten. Jeden Tag trommeln Hausfrauen mit Kochtöpfen Oppositionelle auf die Straße, müssen seine Revolutionsbataillone den Präsidentenpalast in Caracas verteidigen.
Lula hat ihm soeben Hilfe in Form von Erdöllieferungen angeboten. Und ihn gleichzeitig mit sanftem Tadel beschworen, das Problem politisch zu lösen - sprich: mit einer Neuwahl.
Womöglich hat er damit einstige Bundesgenossen aus Oppositionszeiten verprellt. Selbstverständlich sind Chávez und Fidel Castro zur Inauguration nach Brasília eingeladen. Ob die auswärtigen Volkstribunen auch erscheinen werden, ist noch nicht sicher.
Das Volk jedenfalls jubelt, inklusive jener 21 Verwandten aus Pernambuco.
MATTHIAS MATUSSEK
* Am 12. September 2002 in Diamantina.* Am 10. Dezember 2002 in Washington.