Lange tabu
Nr. 39/2000, Vertreibung: Junge tschechische Intellektuelle entdecken die verdrängte Vergangenheit
Am Beispiel Brünn zeigt sich wieder einmal folgendes Muster: Verbrechen der Kriegsverlierer werden (zu Recht) verfolgt. Es werden Gedenkstätten errichtet, die Opfer werden entschädigt. Verbrechen der Sieger werden verharmlost oder relativiert und mit denen der Nazis aufgerechnet. Vergangenheitsbewältigung kann aber nur erfolgreich sein, wenn alle Verbrechen gegen die Menschlichkeit betrachtet und verarbeitet werden.
GERMERING (BAYERN) BERND MINGE
Es ist erfreulich, dass sich der SPIEGEL eines Themas annimmt, das lange Zeit Tabu war. Genauso erfreulich aber ist, dass die tschechische Enkelgeneration sich anschickt, zu dem vorzudringen, was der Staatsspruch der 1. Republik, der CSR verhieß: »Pravda vítezí - die Wahrheit siegt.« Dass auch ihre Väter und Großväter zu Unmenschlichkeiten fähig waren, zeigen die fein säuberlich zusammengetragenen Aussagen von über 150 noch lebenden Zeitzeugen in unserem Buch »Der Brünner Todesmarsch«.
AICHWALD (BAD.-WÜRTT.) DR. ERICH PILLWEIN MITAUTOR DER DOKUMENTATION »DER BRÜNNER TODESMARSCH 1945«