Langer Kampf
In einer vertraulichen »Gefährdungsanalyse« des Wiesbadener Bundeskriminalamts (BKA) werden 19 Politiker und 13 Top-Manager, darunter Treuhand-Chef Detlev Rohwedder, als besonders bedroht aufgezählt. Insgesamt führt das BKA mehrere hundert Personen, die durch mögliche Terroranschläge gefährdet sein könnten.
Die Rote Armee Fraktion (RAF) hatte in einem Selbstbezichtigungsschreiben nach dem mißglückten Anschlag auf Innen-Staatssekretär Hans Neusel im Juli vorigen Jahres eine »lange Kampfphase gegen die neuentstandene großdeutsche/westeuropäische Weltmacht« angekündigt.
Daraus schließen die BKA-Experten in der Analyse vom November vorigen Jahres, daß besonders Personen mit einer »Schnittstellenfunktion« im »politisch-ökonomischen Bereich« potentielle Anschlagsziele der RAF sind - vor allem, wenn sie an herausragender Stelle mit den Themenkomplexen »Europäischer Binnenmarkt«, »Deutschlandpolitik/Osteuropa« und »Dritte-Welt-Problematik« befaßt sind. »Potentiell gefährdete Personen« im Bereich Wirtschaft sind laut BKA-Papier:
Friedhelm Gieske, Vorstandsvorsitzender des Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerks
Carl Hahn, Vorstandsvorsitzender der Volkswagen AG
Karlheinz Kaske, Vorstandsvorsitzender der Siemens AG
Hilmar Kopper, Vorstandssprecher der Deutschen Bank
Klaus Murmann, Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände
Tyll Necker, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie
Werner Niefer, Vorstandsvorsitzender der Mercedes-Benz AG
Edzard Reuter, Vorstandsvorsitzender der Daimler-Benz AG
Wolfgang Röller, Vorstandssprecher der Dresdner Bank
Detlev Rohwedder, Präsident der Treuhandanstalt
Wolfgang Schieren, Vorstandsvorsitzender der Allianz AG
Hans Peter Stihl, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelstages
Hans Tietmeyer, Kanzlerberater und Direktoriumsmitglied der Deutschen Bundesbank
Als besonders gefährdete Politiker bezeichnete das BKA im November zwei Minister und zwei Staatssekretäre, die heute nicht mehr im Amt sind: den damaligen Bundeswirtschaftsminister Helmut Haussmann und seinen Staatssekretär Otto Schlecht sowie den damaligen Bundesjustizminister Hans A. Engelhard und seinen Parlamentarischen Staatssekretär Friedrich-Adolf Jahn. Die übrigen besonders bedrohten Politiker und Beamten sind laut BKA-Liste:
Klaus Beckmann, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium
Hans-Dietrich Genscher, Bundesaußenminister
Dieter Kastrup, früher Abteilungsleiter und heute Staatssekretär im Auswärtigen Amt
Klaus Kinkel, früher Staatssekretär und heute Bundesjustizminister
Horst Köhler, Finanz-Staatssekretär
Helmut Kohl, Bundeskanzler
Hans Neusel, Innen-Staatssekretär
Erich Riedl, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium
Rudolf Seiters, Chef des Bundeskanzleramtes
Carl-Dieter Spranger, heute Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit, früher Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesinnenministerium
Lutz Stavenhagen, Staatsminister im Bundeskanzleramt
Jürgen Sudhoff, früher Außenamts-Staatssekretär, jetzt Botschafter in Paris
Horst Waffenschmidt, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesinnenministerium
Theodor Waigel, Bundesfinanzminister
Dieter von Würzen, Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium
Schlußbemerkung der BKA-Experten: »Es wird angeregt, in eigener Zuständigkeit die Einleitung/Intensivierung von Schutzmaßnahmen . . . zu prüfen.«