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CHINA Langer Marsch ins Weltall

Peking steigt in die bemannte Raumfahrt ein. Ausflüge zum Mond sollen den Ruhm der Nation mehren.
• aus DER SPIEGEL 43/2000
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Wie eine mysteriöse Festung wirkt das vom Militär streng abgeschottete Testlabor in den Bergen westlich von Peking, wo China seine Astronauten ausbildet. Zuerst werden sie von beweglichen Stühlen hin- und hergewirbelt, dann von einer Riesenschaukel 15 Meter auf- und abgeschwenkt. Schließlich schleudert eine gewaltige Zentrifuge die künftigen Raumfahrer im Kreis herum.

Wer sich Herz, Hirn, Nerven und Därme ohne nachweisliche Schäden hat durchschütteln lassen, der ist für weitere Übungen qualifiziert. Er darf im Raumanzug eine T-förmige Kapsel besteigen, in der weltraumähnliche Lebensbedingungen herrschen. Ständig von Videokameras überwacht, müssen die Kandidaten mehr als zwei Monate in dem stählernen Käfig aushalten. Kontakt zur Außenwelt haben sie nur, wenn sie ihre Exkremente in Plastiktüten durch eine Luke hinausreichen.

Die Quälerei dient einem Programm von höchstem Prestigewert: Nach Russen und Amerikanern will auch das Reich der Mitte einen Menschen in den Weltraum schießen. »Projekt 921« ist der Deckname der Operation, und der führende Raketenbauer des Landes, Long Lehao, verbreitet stolzen Optimismus: »Wir sind im Prinzip in der Lage, auf dem Mond zu landen.«

Vorab soll ein Roboter die Lage auf dem öden Gestirn sondieren. Wann der erste Chinese die Erde verlassen wird, ist noch nicht klar. Offenkundig gab die Kommunistische Partei Order, jedes Risiko zu vermeiden. Die KP will sich auf keinen Fall blamieren, denn in den neunziger Jahren misslangen sieben Satellitenmissionen. Entweder explodierten die Raketen kurz nach dem Start, oder sie schafften es nicht in die richtige Umlaufbahn.

Wissenschaftler Long bleibt gelassen: Die Sowjetunion habe 7 unbemannte Flüge gestartet, die USA gar 21, bevor sie einen Menschen ins All schossen, sagt er. Der erste Flug eines Taikonauten ("taikong« heißt Kosmos) sei »nicht allzu weit entfernt«. Später will China auch den Mars erkunden.

Der Traum, mit Amerikanern und Russen gleichzuziehen, ist über 30 Jahre alt. Während Maos Kulturrevolution schickten die damals als »Stinkende Nummer 9« verachteten Wissenschaftler Mäuse, Ratten und Hunde ins All. Im November 1975 gelang es ihnen zum ersten Mal, einen Satelliten wieder auf die Erde zurückzuholen. 1986 meldete das KP-Organ »Volkszeitung« beim bemannten Raumflug »große Fortschritte«. Doch der damalige KP-Patriarch Deng Xiaoping bremste alle himmelstürmenden Projekte. Erst Parteichef Jiang Zemin ließ 1992 das Programm wieder aufleben.

Die KP schickte Taikonauten in das Trainingslager »Sternenstädtchen« nahe Moskau, und chinesische Spezialisten besuchten immer wieder ihre russischen Kollegen. Allzu tief lassen die sich mittlerweile nicht mehr in die Karten schauen. Beim Wettbewerb um den Transport kommerzieller Satelliten sind die Chinesen ernsthafte Konkurrenten geworden.

So scheiterte der Versuch Pekings, starke russische Raketenmotoren vom Typ RD-170 zu kaufen. Moskau war lediglich bereit, schwächere Aggregate abzugeben. Immerhin gelang es, eine »Sojus«-Raumkapsel zu erwerben, deren erste Version bereits vor 38 Jahren entwickelt wurde. Das Vehikel war allerdings elektronisch nicht komplett ausgerüstet - das vollständige Exemplar konnten die Chinesen nicht bezahlen.

Im vergangenen November schossen sie ihre erste unbemannte Kapsel »Shenzhou« ("Göttliches Schiff") für 21 Stunden in eine Umlaufbahn. 14-mal umkreiste sie die Erde, bevor sie in der Inneren Mongolei an Fallschirmen landete. Von einem »neuen großen Durchbruch des Landes in der Technologie der bemannten Raumfahrt«, schwärmte die offizielle Nachrichtenagentur Xinhua.

Das Göttliche Schiff ähnelte auffällig der »Sojus«. Westliche Experten vermuten aber, die chinesische Variante könne nicht nur zwei, sondern vier Personen transportieren. Außerdem sei sie mit einer Art Tunnel und einer Andockstation ausgestattet, so dass zwei Kapseln zusammengekoppelt für einige Zeit eine kleine Raumstation bilden könnten. Die Vorbereitungen für das ganz große Weltraum-Abenteuer laufen auf Hochtouren. Chinas Raketen vom Typ »Langer Marsch« schaffen es inzwischen, zehn Tonnen Nutzlast ins All zu hieven. Der Weltraumbahnhof bei Jiuquan in der nordwestlichen Provinz Gansu erhielt eine neue Startrampe. Im Hafen von Schanghai wurden vier mit Antennen und Satellitenschüsseln ausgerüstete Funkschiffe seeklar gemacht, die im Pazifischen, Indischen und Atlantischen Ozean den Flug eines bemannten Raumschiffs verfolgen sollen.

Die Kosten für das »Projekt 921« sind streng geheim. Auch eine öffentliche Debatte, ob eine Nation, die nicht einmal ihre Dorfschullehrer vernünftig bezahlen kann, ins Weltall hinaus muss, ist tabu. Die korruptionsgeschüttelte Partei braucht das Vorhaben, um Eindruck bei den eigenen Bürgern zu schinden und den Nationalstolz zu schüren.

Ein Chinese im All soll auch die internationale Öffentlichkeit beeindrucken. Luan Enjie, Chef des Raumfahrtbüros: »Wenn China nicht seit den sechziger Jahren Atom- und Wasserstoffbombe gehabt und keine Satelliten abgeschossen hätte, würde es heute nicht als einflussreiches und mächtiges Land angesehen werden.« ANDREAS LORENZ

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