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UMWELT Lasche Norm

Stickoxide und Schwefeldioxid verpesten die Atmosphäre und machen die Wälder krank. Eine neue Studie legt dar, wie sich die Giftmenge reduzieren ließe. *
• aus DER SPIEGEL 46/1987
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Wenn es um die Ursachen des Waldsterbens geht, ist es mit der Eintracht der Experten nicht weit her. Gemeinsam ist ihnen, wie die »New York Times« vor kurzem über einen Kongreß amerikanischer und westdeutscher Waldfachleute berichtete, nur der Dissens.

Die Bonner Umweltpolitiker waren bisher Nutznießer solchen Expertenstreits. Um einschneidende Maßnahmen zur Schadstoffregulierung konnten sie sich drücken, weil es harte Daten vermeintlich noch nicht gab.

Wenigstens für einige der als Waldkiller in Frage kommenden Stoffe, für Stickoxide und Schwefeldioxid, haben Wissenschaftler des Heidelberger Umwelt- und Prognose-Instituts (UPI) jetzt, auf der Basis der offiziellen Statistiken, erstmals längerfristige Szenarien errechnet. _("Emission säurebildender Schadstoffe in ) _(der Bundesrepublik Deutschland bis zum ) _(Jahr 2000«. )

Fazit der von der »Deutschen Umweltstiftung« und von den Grünen im Bundestag mitfinanzierten Studie: Die Bonner Maßnahmen zur Schadstoffregulierung bewirken nur einen Bruchteil dessen, was mit einer entschlosseneren Politik zu erreichen wäre.

Stickoxide, so erläutern die UPI-Forscher um den Diplombiologen Dieter Teufel, schaden dem Wald vornehmlich in den sogenannten Reinluftgebieten, weitab von Städten und Industrieanlagen. Unter Mitwirkung von Kohlenwasserstoffen und dem ultravioletten Licht der Sonne entsteht aus den Stickoxiden photochemischer Smog, vor allem das aggressive Ozon, das in die Spaltöffnungen der Blätter eindringt und wichtige Zellsubstanzen zerstört.

Auch die Stickoxide können in den befallenen Blättern und Nadeln zu Stoffwechselveränderungen führen. Bei Regen und Nebel reagieren sie zudem zu salpetriger Säure und Salpetersäure, durch die Feinwurzeln geschädigt werden und sich die chemische Zusammensetzung des Bodens verändert.

Wie groß die Menge der säurebildenden Schadstoffe sein wird, die bis zum Jahr 2000 von der Bundesrepublik aus in die Lufthülle über der Erde gelangen wird, errechneten die Umweltforscher unter jeweils unterschiedlichen Annahmen: wenn es bei den derzeit in Bonn beschlossenen und geplanten Schadstoffregulierungen bliebt, wenn schärfere Maßstäbe eingeführt würden oder wenn - dritte Variante - die Ende 1983 von Sachverständigen erhobenen Forderungen zum Schutz des Waldes bereits vor drei Jahren verwirklicht worden wären.

Die Last des Versäumten wiegt viele Millionen Tonnen schwer: *___Insgesamt 53 Millionen Tonnen Stickoxide und ____Schwefeldioxid werden bis zum Jahr 2000 von der ____Bundesrepublik in die Atmosphäre aufsteigen, wenn es ____beim halbherzigen Durchwursteln der Bonner bleibt. Nur ____drei Prozent aller Stickoxid-Emissionen werden durch ____das Programm der Bundesregierung bis 1990 verhindert, ____16 Prozent bis zum Jahr 2000. *___Die Schadstoffwolke ließe sich um 24 Millionen Tonnen ____erleichtern, wenn die Vorschläge der Heidelberger ____Umweltanalytiker befolgt und strengere Maßnahmen zur ____Emissionsreduzierung getroffen würden - das hieße: Drei ____Kilogramm Salpeter- und Schwefelsäure blieben jedem ____einzelnen Baum erspart. *___2,5 Millionen Tonnen Stickoxide pro Jahr werden - nach ____den jetzt beschlossenen Gesetzen - auch um die ____Jahrtausendwende noch aus Auspuffen und Schloten in die ____Lufthülle entweichen, ganze 15 Prozent weniger, als es ____1983 waren; »gerade bei dem für das Waldsterben ____wichtigsten Schadstoff«, so die UPI-Forscher, sei ____mithin »bis zum Jahr 2000 praktisch keine Entlastung« ____zu erwarten. *___3,4 Millionen Tonnen Stickoxide und Schwefeldioxid ____wären von 1985 bis 1987 nicht freigesetzt worden, wenn ____die Ratschläge der Sachverständigen von 1983 beherzigt ____worden wären.

Stickoxide werden den Wald vor allem deshalb weiter schädigen, weil die Bonner nach Ansicht der Umweltanalytiker mit ihrer vor vieren Jahren begonnenen Politik der Abgasentgiftung »völlig gescheitert« sind und die Schadstoffwolke, die von den Straßen aufsteigt, »auch in Zukunft nicht zurückgehen« wird.

Knapp 60 Prozent aller Stickoxide fallen derzeit im Verkehr an, der Rest _(In der Rhön, unweit der Wasserkuppe. )

stammt aus Kraftwerken (20 Prozent), Industrie (17 Prozent) und Haushalten (4 Prozent). Im Jahr 2000 werden schon etwa drei Viertel der Stickoxide, so die Berechnungen der UPI-Forscher, auf das Konto der Verbrennungsmotoren gehen.

Schuld am Scheitern der Abgasentgiftungspläne geben die Wissenschaftler der Bonner Förderpolitik. Der Katalysator, der etwa 90 Prozent der gefährlichen Stickoxide zurückhält, hat sich nicht durchgesetzt, weil Kraftfahrzeughalter auch dann steuerlich begünstigt werden, wenn ihr Wagen nur die laschen EG-Abgasgrenzwerte einhält.

Zwar wurden in der Bundesrepublik mittlerweile mehr als sechs Millionen Personenwagen als »schadstoffarm« oder »bedingt schadstoffarm« zugelassen. Doch 54 Prozent davon sind Alt- oder Neu-Diesel, bei denen die Schadstoff-Emission nicht oder kaum gedrosselt ist; dafür stößt die größer werdende Diesel-Flotte schon jetzt jährlich etwa 3000 Tonnen krebserzeugende Rußpartikel mehr aus als in der Zeit vor der Förderung.

Jedes dritte schadstoffarme Fahrzeug hält nur die hoch angesetzte EG-Norm ein; der Ausstoß an Stickoxiden, so die Forscher, werde in diesem Fall bei Kleinwagen überhaupt nicht, bei Mittelklassewagen nur wenig verringert.

Lediglich 14,3 Prozent der bis September zugelassenen schadstoffarmen Neuwagen besaßen dagegen einen geregelten Dreiwegekatalysator. Von allen auf den bundesdeutschen Straßen fahrenden Personenwagen verfügen ganze 3,1 Prozent über die umweltfreundliche Abgas-Technologie.

Dieses Verhältnis wird sich auch in Zukunft kaum noch ändern. Rund ein Drittel der Stickoxid-Emission im Verkehr stammt zudem von Lastkraftwagen und aus Flugzeugdüsen, für die es wirksame Maßnahmen zur Abgasreduzierung, wie die Umweltforscher monieren, bisher nicht gibt.

Und auch der geringe Effekt der derzeitigen Abgaspolitik wird zunichte gemacht oder gar ins Gegenteil verkehrt werden: durch die Zunahme des Verkehrs und höhere Geschwindigkeiten auf den Straßen.

Nur mit raschem Handeln ließe sich nach Meinung der UPI-Wissenschaftler die Schadstoffwolke, die auf den Asphaltpisten entsteht, auf ein umweltverträglicheres Maß zurückstutzen: *___Tempo 100 auf Autobahnen, 80 auf Landstraßen und 30 in ____den Städten; schon ein sofort eingeführtes Tempolimit ____100/80 würde nach diesen Berechnungen die ____Stickstoff-Emission bis Anfang der 90er Jahre stärker ____drosseln als alle schadstoffarmen Autos. *___Obligatorische Einführung der in den USA seit zehn ____Jahren geltenden strengen Grenzwerte für alle Neuwagen ____bis zum Januar 1989; um EG-Widerstände gegen diese ____Maßnahme zu überwinden, könnten nach Ansicht der ____Umweltanalytiker Ausnahmegenehmigungen für ____italienische, französische und britische Wagen (Anteil ____an den Neuzulassungen: 13 Prozent) erteilt werden. *___Schrittweise, bis 1995 zu bewerkstelligende Verlagerung ____von rund 50 Prozent des Güterfernverkehrs auf die ____Schiene. *___Einführung von zwölf autofreien Sonntagen pro Jahr. *___Strengere Grenzwerte für neuzugelassene Lastwagen und ____Traktoren. *___Ersatz von militärischen Tiefflügen durch Übungen ____am Flugsimulator.

Würden alle diese - technisch machbaren und nach Meinung der UPI-Wissenschaftler innerhalb der EG durchsetzbaren - Maßnahmen ergriffen, ließe sich die auf den Straßen erzeugte Stickoxidmenge um zwei Drittel reduzieren. Immerhin: Bis zur Jahrtausendwende blieben Natur und Menschen rund 11,5 Millionen Tonnen Stickoxide erspart - vier Zentner weniger für den Bundesbürger, 1,4 Kilogramm Salpetersäure pro Baum.

Der Stauraum über der Erde ist nur scheinbar unermeßlich. Mehr als 90 Prozent der gesamten Atemluft liegen in einem nur 20 Kilometer hohen Gürtel rund um die Erde - weniger als die Entfernung zwischen Bonn und Köln.

»Emission säurebildender Schadstoffe in der BundesrepublikDeutschland bis zum Jahr 2000«.In der Rhön, unweit der Wasserkuppe.

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