Lauer Ablauf - DER SPIEGEL
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HOCHSCHULEN Lauer Ablauf

Bildungspolitiker stecken zurück: Studenten sollen wieder länger studieren dürfen, ohne Furcht vor Zwangsexmatrikulation.
• aus DER SPIEGEL 28/1979
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Als Bundeskanzler Helmut Schmidt vor vier Jahren ausnahmsweise mal Bildungspolitik machte, argumentierte er wie gewöhnlich -- aus wirtschaftspolitischer Sicht, spürbar voreingenommen gegen die ganze Hochschul-Mischpoke.

Der Bonner Regierungschef sah die Vielfalt der Hochschulprobleme, griffig gerafft, als »sinnlose Ausdehnung der Studiendauer«. Durch Begrenzung der »Verweildauer« an den Universitäten, hatten Experten im Bundeswissenschaftsministerium zudem errechnet, könnten rund 200 000 Studienplätze gewonnen werden.

Professoren und Studenten, verkündete der Kanzler, dürften nicht »unbehelligt vom politischen und wirtschaftlichen Geschehen« ein geradezu »glückliches Eremitendasein führen«. Die schönen Hochschultage seien nun zu Ende: »Es ergibt sich die Konsequenz, daß nur der Bundesgesetzgeber mit recht grobem Globaleingriff eine Abkürzung der Studiengänge erzwingen kann.«

Die Beschneidung der Lernfreiheit geschah. Am 27. Januar 1976 trat das bundesweit geltende Hochschulrahmengesetz in Kraft, mit dem die »Regelstudienzeit« eingeführt wurde. Doch die Genesung blieb aus.

Nun soll der »administrative Fehlgriff«, so der Berliner Wissenschaftssenator Peter Glotz, von den Ländern wieder korrigiert werden. Die bildungspolitische Kommission beim Bundesvorstand der SPD unter Vorsitz von Glotz und Beteiligung freidemokratischer Hochschulpolitiker beschloß eine Gesetzesinitiative via Bundesrat: Die SPD/FDP-Länder wollen umgehend eine Novelle zum Hochschulrahmengesetz einbringen, nach der die Sanktion bei Überschreitung der Regelstudienzeit -- die Zwangsexmatrikulation -- gestrichen werden soll.

»Am grünen Tisch«, weiß nun auch der einst mitbeteiligte Glotz, sei seinerzeit in Bonn ein »untaugliches Instrument« (siehe Seite 79) ersonnen und festgeschrieben worden, das zudem »den Charakter des Studiums gefährdet und die Hochschule noch weiter in die Opposition geführt« habe (Hamburger Senat).

Der Fehler wäre vermeidbar gewesen. Denn einmal hätte eine Begrenzung der Studiendauer allenfalls dann sinnvoll erscheinen können, wenn zuvor die Lehr- und Lerninhalte in den Fachbereichen entrümpelt worden wären -- ein Programm für Jahrzehnte. Zum anderen blockieren ältere Jung-Akademiker durchweg keine Engpässe in Numerus-clausus-Fächern, sondern sitzen eher in Seminaren für reifere Semester oder daheim über ihren Büchern, wenn nicht in der Kneipe.

Als seien Universitäten geistige Durchlauferhitzer, sei Hochschulpolitik betrieben worden, schimpfte der ehemalige Präsident der Westdeutschen Rektorenkonferenz, Gerd Roellecke, letztes Jahr. Dieses zweifelhafte Prinzip -- schneller Durchfluß, lauer Ablauf -- durchschauten auch Hochsehulpolitiker in den Ländern.

Glotz in Berlin, Wissenschaftssenator Horst-Werner Franke in Bremen, dessen ehemaliger Hamburger Kollege Dieter Biallas -- sie beispielsweise begnügten sich damit, die Folgen ihres eigenen Verhaltens verpuffen zu lassen. Ein halbes Jahr Nachfrist ist allenthalben drin, ein ganzes in Berlin wie Hamburg bei »erheblicher zeitlicher Belastung durch Mitwirkung in Selbstverwaltungsorganen der Hochschule, der Studentenschaft oder des Studentenwerks«. Und falls es an »Lehrangebot« gefehlt hat, gibt es so gut wie unbegrenzten Freilauf.

Im deutschen Süden dagegen, in Bayern oder Baden-Württemberg, wo die Regelstudienzeit ohnehin bereits seit 1974 die Regel ist, wurde der Bonner Rahmen noch schlechter ausgefüllt, als er gesteckt war. Nach dort geltendem Recht verwirkt ein Überhänger nicht nur seinen Studien-, sondern auch gleich seinen Examensanspruch. Ein Extremismus, der zwangsläufig jene sozial schwachgestellten Studenten besonders trifft, die wegen zusätzlicher Brotarbeit länger brauchen bis zum akademischen Abschluß.

Christdemokratischen Nordlichtern andererseits ist aufgegangen, daß mit einer Lockerung liberale Punkte gemacht werden könnten. Ende Mai versprach der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Gerhard Stoltenberg in seiner Regierungserklärung, er werde im Bundesrat dafür eintreten, daß die »Vorschriften über die Einhaltung der Prüfungsfristen« und die »Sanktionen« geändert würden.

Weitsichtig hatten kurz zuvor bereits Hochschulexperten der Hamburger SPD-Fraktion Genossen in anderen Parlamenten gewarnt, daß »jetzt der CDU das Verdienst an der Beseitigung« der Regelstudienzeit zufallen könnte. Vor diesem Hintergrund auch mögen es Sozial- wie Freidemokraten, die wie Glotz noch vor Monaten auf die Zeit nach der Bundestagswahl vertrösteten, nun besonders eilig haben.

Und deswegen womöglich nur fand Anfang vergangener Woche Bildungsministers Jürgen Schmude im Bonner Fraktionsvorstand und selbst bei dem einst so rigoros auf Hochschulzucht bedachten Bundeskanzler wenigstens soviel Anklang: Die Abgeordneten und der Regierungschef wollen »nicht im Wege stehen«.

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