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Ruanda-Hilfe Laute Stimme

Care-Chef Nöldner gerät immer stärker unter Druck: Kritiker aus den eigenen Reihen wollen ihn stürzen.
• aus DER SPIEGEL 38/1994
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Im Auswärtigen Amt war das Urteil vernichtend. Die »Fülle von Unzulänglichkeiten« bei dem Ruanda-Abenteuer von Care Deutschland könne die gesamte deutsche Hilfe für ruandische Flüchtlinge in Verruf bringen, warnte das Bonner Außenministerium Ende August in einem internen Papier.

Mitarbeiter des Malteser-Hilfswerks, das ebenfalls in Zaire aktiv ist, seien zeitweilig schon gezwungen gewesen, von ihrer Ausrüstung die »deutschen Farben abzutrennen«, um nicht für das Care-Debakel verantwortlich gemacht zu werden. Als »größtes Problem«, so der Bericht weiter, habe sich herausgestellt, daß »in die Arbeit der Care-Führung vor Ort« hineinregiert werde - »vom Bürosessel in Bonn aus«.

Dort sitzt Klaus Nöldner, 59, der Leiter der Ruanda-Aktion, und findet das dilettantische Unternehmen nach wie vor großartig. Von dieser Einschätzung kann den selbstherrlichen Vorsitzenden von Care Deutschland offenbar auch massive Kritik aktiver Care-Helfer, ehemaliger Mitarbeiter und anderer Organisationen nicht abbringen.

Das Uno-Flüchtlingshilfswerk in Goma beschloß bereits, fortan jede Zusammenarbeit mit der Nöldner-Truppe abzulehnen. Begründung: Die Mitarbeiter hätten anderes zu tun, als sich ständig mit dem unkoordinierten Haufen der ständig wechselnden Care-Helfer beschäftigen zu müssen.

»Solide Organisation vor Ort« hat auch der Geschäftsführer von Care Deutschland, Peter Molt, 65, mehrmals vergeblich angemahnt. Verärgert trat der langjährige Nöldner-Vertraute, der seit rund zehn Jahren bei verschiedenen Institutionen Hilfsprogramme für Ruanda ausgearbeitet hat, am Dienstag vergangener Woche von seinem Posten zurück. Zuvor hatte Nöldner Molts Forderung, zurückzutreten, abgelehnt.

Doch möglicherweise muß der Care-Chef bald seinen Posten räumen: Seine Kritiker wollen ihn bald auf einer außerordentlichen Mitgliederversammlung kippen. Nur durch eine neue Leitung, glaubt Molt, sei noch Schaden von Care abzuwenden. Nöldner nehme Rat »überhaupt nicht« an.

Diese Erfahrung haben auch andere Care-Mitarbeiter mit ihrem cholerischen Chef gemacht. Der Vorsitzende, kritisieren sie, vergebe Aufträge immer wieder »freihändig« und schere sich nicht um Preisvergleiche. Zudem habe Diplom-Volkswirt Nöldner, der hauptberuflich bei der Ärzteorganisation Hartmannbund Hauptgeschäftsführer ist, oft durch plötzlichen Meinungswechsel die Kosten in die Höhe getrieben (SPIEGEL 35/1994).

Nöldner weist die Kritik der ehemaligen Care-Beschäftigten zurück. Doch für das Mißmanagement des Care-Chefs gibt es immer mehr Belege. So stoppte Nöldner im Sommer 1992 abrupt eine Lieferung von Geräten und Reagenzien, mit denen zwölf Kinderkrebsstationen in Rußland ausgerüstet werden sollten. Die Lieferung war seit langem minuziös geplant und schon für den Flug bereitgestellt. Nöldners Begründung: Er wolle erst die Renovierung der Kinderkrebsstationen überprüfen lassen.

Die Materialien mußten für ein halbes Jahr in der Nähe von Bonn deponiert werden. Durch die »lange Lagerzeit« könnten »Schäden bei der Elektronik entstehen«, warnte vergeblich die Lieferfirma Karl-Heinz Böge in Hamburg.

Spendengelder verplempert der Care-Vorstand offenbar auch durch seine Vorliebe für modernste Gerätetechnik. Am Beispiel von 20 mobilen Zahnarztstationen, die Care in die ehemalige Sowjetunion sandte, hat ein Mitarbeiter eine ganze Pannenserie aufgeschrieben. Die »Dentomobile« seien »eine Erstentwicklung«, die »ohne ausreichende praktische Erprobung« losgeschickt worden seien, heißt es in der Analyse.

Der Lkw-Typ - ein Modell von Mercedes-Benz - werde in den GUS-Staaten nicht gefahren, so daß Wartung und Reparatur »kaum möglich bzw. erschwert« seien. Für das Fahrzeug könne man vor Ort weder Öl- noch Luftfilter bekommen. Auch seien die einheimischen Öle für den Lkw nicht geeignet.

Hinzu komme, daß die medizinischtechnische Ausrüstung für »die extremen Einsatzbedingungen« zu anfällig sei. So habe sich der Behandlungsstuhl »in 5 Fällen« schon nach kurzer Zeit nicht mehr verstellen lassen, »so daß Behandlung der Patienten in Bodennähe erfolgt« - der Arzt müsse neben dem Patienten knien.

Nöldner hält die Lieferung der mobilen Zahnstationen (Kosten pro Stück: rund 300 000 Mark) in ehemalige Sowjetrepubliken wie Turkmenien oder Kasachstan dennoch für eine gute Tat. Fahrzeuge und Geräte könnten jederzeit in Moskau repariert werden, behauptet der Care-Vorsitzende.

Wie locker Care Deutschland Aufträge vergibt, ist auch Lieferfirmen schon aufgefallen. Die Firma Frank H. Asbeck, ein Ingenieurbüro für Industrieanlagen in Bonn, wurde beispielsweise im März 1992 von einem Care-Beschäftigten aufgefordert, für das Hilfsprogramm für krebskranke Kinder Preisangebote zu machen.

Asbeck war bei früheren Gelegenheiten mit seinen Offerten bis zu 15 Prozent - in einem Fall nach eigenen Angaben sogar um 30 Prozent - unter den Preisen des langjährigen Care-Lieferanten Böge aus Hamburg geblieben, ohne allerdings die Aufträge zu bekommen.

Jetzt durfte Asbeck nicht einmal ein Angebot vorlegen. Sechs Tage nachdem die Bitte um Preisangebote bei Care herausgegangen war, forderte Nöldner die Firma auf, von einer Offerte in diesem Fall abzusehen. Care habe bereits »Originalpreise« vorliegen. Wiederum erhielt Lieferant Böge den Zuschlag.

»Ihre unklare Geschäftspolitik verwundert uns«, schrieb daraufhin Firmenchef Frank H. Asbeck, 35, an den Care-Vorstand. Ein Vergabeverfahren ohne Wettbewerb führe »erfahrungsgemäß nicht zur Erlangung der günstigsten Einkaufspreise«. Am Telefon stauchte Nöldner den Unternehmer daraufhin zusammen. Mit »lauter Stimme«, notierte Asbeck in einem Aktenvermerk, habe Nöldner ihn angeherrscht, Care keine Angebote mehr zu machen.

Als Vorsitzender könne er »gemäß Vereinsrecht«, so der Care-Chef laut Asbeck, »Aufträge vergeben, wie er wolle«. Y

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