SPD-MAGAZIN Layout von Jasmin
Für den Parteimanager Hans-Jürgen Wischnewski ist es »ein wirklich schickes Heft«, für den stellvertretenden SPD-Vorsitzenden Herbert Wehner hingegen »Hetze auf sozialdemokratisch«.
Das Streitobjekt: die Nullnummer eines »Sozialdemokratischen Magazins für Deutschland«, das ab Januar 1973 alle Parteimitglieder (zur Zeit rund 830 000) informieren, indoktrinieren und -- nach Möglichkeit -- amüsieren soll.
Zwar ist sich der Parteivorstand schon seit langem darüber einig, daß die Monatsschrift »Politik« gedruckt und von den Mitgliedern durch eine Beitragserhöhung um fünf Groschen finanziert werden soll. Doch über Inhalt und Form, Aussage und Aufmachung ihrer neuen Parteischrift konnten sich die Spitzengenossen bislang nicht verständigen.
Die mit journalistischem Ehrgeiz und agitatorischem Geschick aufgemachten Beiträge des jüngst vorgelegten Probeheftes waren SPD-Zuchtmeister Wehner zu unseriös: »Was interessiert mich das Layout. Eine Mitgliederzeitung muß ausführlich informieren und argumentieren.« Dem Partei-Präsiden und Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen Heinz Kühn dagegen erscheint gerade das von Wehner getadelte Stilelement lobenswert: »Ich halte es für besonders wichtig, daß man von den langen argumentativen Riemen weg zu knappen und lesbaren Darlegungen kommt.«
Mit dem neuen Journal will der SPD-Vorstand vor allem jene Parteigänger mobilisieren, die bislang noch nicht von ihren Partei-Gazetten erreicht werden. So wird
* das theoretische Organ »Die Neue Gesellschaft« nur einmal im Monat in 6000 Exemplaren verbreitet;
* die traditionelle SPD-Wochenzeitung »Vorwärts« im Abonnement und an den Kiosken in einer Stückzahl von 70 000 verkauft;
* das Wirtschaftsmagazin »Bilanz« zweimonatlich an 10 000 mittelständische und selbständige Abonnenten vergeben;
* die Jungsozialistenzeitschrift »Juso« alle zwei Monate an rund 13 000 Parteijunioren versandt und
* der Parteiinformationsdienst »Intern« vierzehntäglich an 96 000 Privilegierte Funktionäre verschickt. Um endlich alle Sozialdemokraten gezielt anzusprechen und für die Arbeit der Parteispitze zu interessieren, bemühte sich Magazin-Planer Albrecht Müller, Abteilungsleiter für Öffentlichkeitsarbeit beim Parteivorstand, vor allem um professionellen Pep und leichte Lesbarkeit. Gemeinsam mit drei Baracken-Journalisten und dem »Jasmin«-Cheflayouter Rainer Wörtmann konzipierte er ein 35 Glanzpapier-Seiten starkes Heft, das sorgsam Bürokratendeutsch und Funktionärs-Jargon vermeidet.
So mokierte sich »Politik« über »die vielen Gesichter des Doktor Barzel« oder machte sich über die »wirtschaftspolitischen Sünden« des früheren CSU-Finanzministers Franz Josef Strauß unter der Überschrift lustig: »Strauß bestreitet Vaterschaft«.
Kurznachrichten aus der Partei-Zentrale, Notizen aus der SPD-Bundestagsfraktion und »Bonner Geschichten« sollen die Genossen zwischen Kiel und Konstanz auf dem laufenden halten. Informationen aus der Provinz, den SPD-Ortsvereinen und Unterbezirken, werden im Mittelteil des Heftes abgedruckt, der als Beilage von den zuständigen Partei-Bezirken geliefert wird.
Unter der Rubrik »Nadelstiche« wollen die Blattmacher ihre Leser belehren, was von der christlichen Opposition im Bundestag zu halten sei. Mit einer »Betriebs-Reportage« planen die Partei-Journalisten, den Kontakt der Baracke zur Basis zu pflegen und ihr größtes Mitglieder- und Wählerpotential, die Arbeitnehmer, anzusprechen. Und mit dem Porträt eines Alt-Genossen schließlich hoffen die Autoren, human touch auf sozialdemokratisch zu vermitteln. Albrecht Müller: »Die Zeitschrift soll nicht nur von dem Mitglied, sondern auch von seinen Familienangehörigen gelesen werden.«
Ob Müllers Magazin, an dem er und seine Ko-Autoren zwei Monate lang bastelten, als brave Partei-Postille oder attraktives Genossen-Blatt erscheint, ist freilich ungewisser denn je. Vorerst wird die umstrittene Probenummer, die eigentlich schon auf dem SPD-Parteitag im November verteilt werden sollte, unter Verschluß gehalten. Ungeduldige Delegierte beschied Müller: »Unser Pech ist, daß die Sache gut geworden ist.«
Hans-Jürgen Wischnewski will sich von dem Wehner-Verdikt nicht einschüchtern lassen und an dem »lesbaren Magazin-Charakter« festhalten.
Gleichwohl ist er nicht bereit, den Abgesandten aus den Bezirken, die am 18. Dezember auf dem Bad Godesberger SPD-Organisations-Parteitag über den Vorstandsantrag P 291 -- Herausgabe einer bundesweiten Mitglieder-Zeitung -- abzustimmen haben, das erste Probestück zu zeigen: »Wir haben noch Zeit, viel Zeit. Bis zum Frühjahr müssen wir an der Geschichte noch herumoperieren.«