LBJ - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 29 / 69

USA / RÜSTUNG LBJ

• aus DER SPIEGEL 14/1963
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wut und Empörung spiegelten sich auf dem Gesicht des mächtigen Mannes: Amerikas Verteidigungsminister Robert Strange McNamara, 46, fühlte sich zutiefst beleidigt. »Mein Sohn fragte mich«, rief er aus, »Daddy, wann geben sie dir endlich Gelegenheit zu beweisen, daß du ein ehrenhafter Mann bist?«

Diese ungewöhnliche Szene - von republikanischen Augenzeugen genüßlich kolportiert - spielte sich am Donnerstag vorvergangener Woche in Washington hinter verschlossenen Türen ab, vor dem ständigen Untersuchungsausschuß des amerikanischen Senats.

Im Kreuzverhör mißtrauischer Senatoren suchte McNamara eine Entscheidung zu rechtfertigen, die ihn in den letzten Wochen in den bisher schärfsten Konflikt mit dem Kongreß gebracht hat.

Anlaß dieses Disputs ist das amerikanische Kampfflugzeug der Zukunft: der Faltflügel-Überschalljäger F 111, der im Pentagon-Jargon »TFX« (Tactical Fighter, Experimental) genannt wird (SPIEGEL 5/1963).

Die eigentliche Ursache des Streits liegt tiefer: in jener von McNamara konsequent verfolgten Politik, die Methoden des modernen Industrie-Managements auf den riesigen Verwaltungs - und Beschaffungsapparat des US-Verteidigungsministeriums zu übertragen.

McNamara, »der Mann mit der Präzision eines Elektronengehirns« (so das amerikanische Nachrichtenmagazin »Time"), den John F. Kennedy im Januar 1961 aus,dem Generaldirektorsessel des Ford-Konzerns nach Washington geholt hatte, versucht seit zwei Jahren ohne Rücksicht auf rivalisierende und prestigehungrige Generäle, Amerikas Rüstungspolitik flach den Gesetzen optimaler Rentabilität zu lenken.

Die in kaufmännischem Denken ungeschulten Militärs hatten deshalb hinreichend Anlaß, sich über die Politik des Pentagon-Chefs zu fuchsen, der seinen Spardrang freilich mit Erwägungen militärischer Zweckmäßigkeit begründete. So hatte McNamara

- die Einstellung der Entwicklungsarbeiten an einem atomgetriebenen Überschallbomber befohlen,

- das Skybolt-Projekt zum Ärger der Briten und der US Air Force gestoppt,

- sein Veto gegen die Produktion des Fernaufklärers RS-70 durchgesetzt und

- die Budget-Anträge der drei Waffengattungen für 1964 von insgesamt 67 Milliarden Dollar auf 53,4 Milliarden Dollar (213,2 Milliarden Mark) zusammengestrichen.

Eindrucksvollstes Demonstrationsobjekt dieser Rüstungspolitik war für McNamara nun die TFX. Sowohl Amerikas Luftwaffe als auch die US-Kriegsmarine brauchten ein neues Überschallflugzeug für taktische Zwecke. Da zudem die US-Army auf den Bau neuer Überschallmaschinen für die Erdkampfunterstützung der Heeresverbände drängte, gab McNamara bereits 1961 der amerikanischen Flugzeugindustrie den Auftrag, einen Allzweckjäger mit veränderlicher Flügelstellung zu entwerfen, der für alle drei Wehrmachtteile verwendbar sein sollte.

Bis dahin hatten die drei Wehrmachtzweige ihre Waffensysteme, namentlich Flugzeuge und Raketen, jeweils unabhängig voneinander entwickelt. Nun wollte McNamara ein Exempel wirtschaftlicher Typenbereinigung statuieren.

Marine und Luftwaffe sträubten sich. Die Generäle der US-Army gaben sich schließlich mit dem Bau eines Unterschall-Jagdbombers zufrieden. Sie wurden daraufhin aus der Verpflichtung entlassen, den künftigen Überschalljäger zu übernehmen. Die beiden anderen Wehrmachtteile mußten sich dem Entschluß McNamaras beugen.

Von insgesamt neun Unternehmen, die den gewünschten Überschalljäger bauen wollten, qualifizierten sich nur die Boeing-Werke (88 000 Beschäftigte, 1,8 Milliarden Dollar Jahresumsatz) und die General Dynamics Corporation (106 000 Beschäftigte, zwei Milliarden Dollar Jahresumsatz) für die endgültige Ausschreibung. Das verschärfte den Konkurrenzkampf zwischen den beiden Giganten der US-Flugzeugindustrie; beide suchten den Streit zwischen der zivilen Pentagon-Führung und den Militärs für ihre Zwecke auszubeuten.

Die Sachverständigen der Marine und der Luftwaffe, so teilte der ständige Untersuchungsausschuß des Senats Ende Februar der Öffentlichkeit mit, hatten sich für den Entwurf der Boeing-Werke ausgesprochen. Die von Boeing vorgelegten Konstruktionspläne versprachen eine Maschine, die nach Ansicht der Experten nicht nur billiger, sondern auch besser sein sollte als das Flugzeug der General Dynamics.

McNamara setzte sich über die Ratschläge seiner Militärs hinweg und erteilte der General Dynamics den Zuschlag. Der Minister hatte entdeckt, weshalb die Offiziere den Boeing-Entwurf bevorzugten: Boeing hatte für die Marine und die Luftwaffe je eine Jäger -Version entworfen; die Typen unterschieden sich aber erheblich voneinander und verdienten nicht mehr die Bezeichnung Mehrzweckflugzeug.

Nicht so das Flugzeug nach den Plänen der General Dynamics. Auffallendstes Merkmal dieser TFX, die der teuerste, schwerste und schnellste Düsenjäger in der Geschichte der Luftfahrt sein wird, ist die Tragflächenkonstruktion: Das Flugzeug soll mit einklappbaren Tragflächen ausgestattet werden, die bei Start und Landung waagerecht ausgestellt, im Schnell- und Sturzflug aber an den Rumpf geklappt werden.

Die Maschine soll

- bei einer Start- und Landegeschwindigkeit von nur 160 km/st von schwankenden Flugzeugträgerdecks aus genauso operieren können wie von frontnahen Grasflugplätzen,

- die zweieinhalbfache Schallgeschwindigkeit (etwa 2650 km/st) erreichen,

- mit voller Raketenlast 5600 Kilometer weit fliegen können, ohne in der Luft aufgetankt zu werden.

Diese imposanten, zunächst nur auf dem Reißbrett vorhandenen Eigenschaften bewogen McNamara dazu, der General Dynamics einen Entwicklungsauftrag von 28 Millionen Dollar für die TFX zukommen zu lassen, dem innerhalb von zwei Jahren ein Produktionsauftrag für 1700 Maschinen im Wert von 6,5 Milliarden Dollar (26 Milliarden Mark) folgen soll. Das wäre eine Summe, die den gesamten Staatsausgaben Italiens im Jahre 1961 entspricht.

Dieser Mammutauftrag, so erzählten bald darauf einige Washingtoner Boeing -Lobbyisten, sei nicht allein unter Gesichtspunkten technischer und wirtschaftlicher Zweckmäßigkeit vergeben worden, sondern unter Aspekten der politischen Nützlichkeit. Die Flugzeugfabriken der General Dynamics befinden sich in Fort Worth in Texas. Texas aber ist der Heimatstaat des zweitwichtigsten Mannes in der Regierung Kennedy, des Vizepräsidenten Lyndon B. Johnson.

Die politischen Gegner McNamaras witterten eine Chance, dem unbequemen Reformer an der Spitze des Pentagons einen Korruptionsskandal anzuhängen. Hämisch witzelten die Republikaner: Die TFX müsse eigentlich - nach den Initialen Johnsons - »LBJ« heißen.

Der demokratische Senator Henry Jackson, in dessen Heimatstaat Washington die Boeing-Werke das wichtigste Industrieunternehmen sind, beantragte die Senatsuntersuchung, die Ende Februar unter dem Vorsitz des McNamara-Kritikers John McClellan begann.

McClellan ließ bald darauf Auszüge aus den Erklärungen der Luftwaffen - und Marine-Experten veröffentlichen, aus denen hervorging, daß der Verteidigungsminister den Boeing-Jäger entgegen dem Rat sämtlicher Sachverständiger zurückgewiesen hatte.

McNamara schlug wütend zurück. In einem offenen Brief an McClellan beschwerte er sich, die »fragmentarische Veröffentlichung« einzelner Aussagen vor dem Untersuchungsausschuß habe »das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Ehrenhaftigkeit der höchsten Beamten des Verteidigungsministeriums untergraben«.

McClellan entgegnete bissig: »Ich kann nur hoffen, daß das öffentliche Vertrauen in die Beamten des Pentagon nicht erschüttert ist, wenn alles Beweismaterial vorliegt.«

Dem Versuch, den bedeutendsten Mann seiner Regierung mit Hilfe eines Skandals zum Rücktritt zu zwingen, trat schließlich Präsident Kennedy mit einer Vertrauenserklärung entgegen. »Ich bin der Überzeugung«, sagte er, »daß die Entscheidung McNamaras richtig und vernünftig war.«

Faltflügel-Überschalljäger TFX (Zeichnung): Der Minister überging alle Experten

Rüstungsmanager McNamara

Daddys Ehre verletzt

Zur Ausgabe
Artikel 29 / 69